Coronavirus
Ärzte müssen Astrazeneca abnehmen
In vielen Arztpraxen steht das Telefon kaum mehr still, seit dort Impfungen gegen Covid-19 möglich sind. Doch viele Patienten machen auch klar: Den Impfstoff von Astrazeneca wollen sie nicht. 15 bis 20 Anrufe dieser Art gingen bei ihm täglich ein, berichtet der Bad Bergzaberner Hausarzt Georg Fickinger. Es herrsche große Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem Serum des britisch-schwedischen Herstellers, sagt der Mediziner. Und er kann die Menschen verstehen. Schließlich seien die Impfreaktionen oft heftiger als bei den Präparaten von Biontech und Moderna. Hinzu kämen die möglichen, wenngleich sehr seltenen schweren Nebenwirkungen wie Hirnvenenthrombosen.
„Astrazeneca kriege ich nicht los“
Wegen dieser Thrombosen soll der Impfstoff in Deutschland grundsätzlich nur noch bei Menschen ab 60 Jahren gespritzt werden. Die Ständige Impfkommission hält den Nutzen des Serums in dieser Altersgruppe weiterhin für deutlich größer als die Risiken. Doch nicht jeden überzeugt das.
Fickinger glaubt deshalb: „Astrazeneca kriege ich nicht los.“ Und das wird aus seiner Sicht zum Problem. Während er diese und vergangene Woche nur Biontech bekam, soll er, wie die anderen Praxen in Deutschland auch, nächste Woche ebenfalls Astrazeneca erhalten. Bestellen dürfen die Ärzte nur Impfstoff allgemein, kein spezielles Präparat. Die Apotheken sind gehalten, in etwa eine Hälfte Astrazeneca und die andere Hälfte Biontech zu liefern.
Fickinger hat dennoch explizit nur Biontech bei seiner Apotheke geordert. Und er ist bei Weitem nicht der einzige. Bundesweit hätten Mediziner ausdrücklich eine Bestellung ohne Astrazeneca aufgegeben, berichtet Peter Schreiber vom Landesapothekerverband (LAV) Rheinland-Pfalz. „Das waren mehr als nur Einzelfälle.“ Doch die Apotheken dürfen dem nicht nachkommen.
Astrazeneca soll genutzt werden
Das ist das Ergebnis einer Besprechung von Montagabend, an der unter anderem der Apothekerverband ABDA, das Bundesgesundheitsministerium und die Kassenärztliche Bundesvereinigung teilgenommen haben. Der LAV informierte die Apotheken darüber in einer am Dienstag herausgegebenen Mitteilung mit dem Titel „Kein Wunschkonzert“. Darin macht der LAV deutlich, dass Ärzte keinen speziellen Impfstoff bestellen dürfen. Tun sie es dennoch, soll die Apotheke sie darüber informieren, dass das nicht möglich ist. Der LAV zeigt auch die Konsequenzen auf, wenn der Arzt, die Ärztin nicht einlenkt. Dann „kann die Bestellung nicht beliefert werden, weil der Großhandel nur in etwa gleichmäßige Bestellmengen ausliefert“. Wer Astrazeneca nicht will, bekommt also gar keinen Impfstoff.
Als Begründung führen das Gesundheitsministerium und die Verbände an, „dass wegen der noch zu niedrigen Durchimpfungsrate der Bevölkerung“ auch Astrazeneca verabreicht werden solle. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz steht hinter dieser Linie, damit die Pandemie schnell überwunden werden könne. Aber die KV fordert auch, dass die Politik klar mache, welche Personengruppe welchen Impfstoff bekommt: Diese Auswahl „darf nicht den Ärztinnen und Ärzten und ihrem Praxispersonal aufgebürdet werden. Die Arztpraxen müssen vor entsprechenden Konflikten mit ihren Patientinnen und Patienten geschützt werden“, heißt es auf Anfrage.
Bald Bestellung bestimmter Impfstoffe möglich?
Der Bergzaberner Hausarzt Fickinger verweist auf den „riesigen Aufwand, alle Patienten über 60 Jahren abzutelefonieren, um zu erfragen, ob sie mit Astrazeneca geimpft werden wollen“. Der Mediziner schlägt stattdessen vor, Astrazeneca in den Impfzentren ohne Priorisierung zu spritzen – „an jeden, der will und das Risiko nicht scheut“. Nordrhein-Westfalen und Berlin hatten Astrazeneca zuletzt außerhalb der Impfreihenfolge für alle ab 60 freigegeben – und einen regelrechten Ansturm erlebt.
Womöglich ist der Zwiespalt, in dem sich manche Ärzte sehen, nur von kurzer Dauer. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) stellt in Aussicht, dass schon für die letzte Aprilwoche Bestellungen für bestimmte Präparate möglich sein könnten. Bis dahin sei genügend Impfstoff verfügbar – vorausgesetzt die zugesagten Liefermengen würden eingehalten, hieß es am Dienstag. Wenige Stunden später verschob Johnson & Johnson die Einführung seines Serums in Europa.