Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Unfälle mit Elektroautos: Ist die Feuerwehr gerüstet?

Was vom Tesla übrig blieb: ein zerstörtes Elektro-Auto in Ratingen. Vor zwei Wochen brannte in Deidesheim ein anderes Modell ein
Was vom Tesla übrig blieb: ein zerstörtes Elektro-Auto in Ratingen. Vor zwei Wochen brannte in Deidesheim ein anderes Modell eines E-Fahrzeugs. Laut Statistischem Bundesamt hatten Anfang 2021 rund 1,2 Prozent des deutschen Pkw-Bestandes Elektro- oder Hybridantrieb.

Weil auf deutschen Straßen immer mehr Elektrofahrzeuge unterwegs sind, werden sie auch häufiger in Unfälle verwickelt. Ist die Feuerwehr in Rheinland-Pfalz dafür gerüstet?

Herr Schäfer, hierzulande wurden 2020 knapp 400.000 Kraftfahrzeuge mit Elektroantrieb zugelassen, bis 2030 sollen zehn Millionen Stromer unterwegs sein. Die Feuerwehr wird also bei Unfällen und Bränden vermehrt mit dieser Technik zu tun bekommen. Bereitet Ihnen das Sorge?
Nein, warum sollte es? Es ist einfach eine neue Technologie, eine neue Konstruktionsweise der Fahrzeuge, mehr nicht. Auch bei den herkömmlichen Verbrennern hat sich immer wieder etwas geändert. Ich sage nur Getriebe aus Magnesium oder Motoren aus Aluminium. So etwas zu löschen, ist ebenfalls herausfordernd. Ich kann Sie beruhigen: Feuerwehrleute können damit umgehen. Man muss sie nur entsprechend schulen.

Vor zwei Wochen ist in Deidesheim ein E-Auto in Brand geraten. Laut Feuerwehr hing der Neuwagen nicht an der Steckdose. Die Brandursache ist unklar. Fangen Stromer leichter Feuer?
Ich bin schon lange bei der Feuerwehr und habe einige Fahrzeugbrände erlebt, die sich niemand erklären konnte. Das waren logischerweise meist Fahrzeuge mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren, weil Stromer ja vergleichsweise neu und selten bei uns sind. Wenn ein E-Auto brennt, erregt das natürlich mehr Aufmerksamkeit. Aber diese Fahrzeuge sind nicht gefährlicher als alle anderen auch, im Gegenteil: Autos mit herkömmlichem Antrieb geraten oft dann in Brand, wenn Kraftstoff oder Öl mit heißen Fahrzeugteilen in Berührung kommt. Diese Gefahr fällt bei elektrischen Antrieben sogar weg.

Dafür ist Elektrizität im Spiel.
Die Hersteller bauen viele Sicherungen ein. So wird im Ernstfall das sogenannte Hochvolt-System sofort deaktiviert, das heißt, die Stromzufuhr aus der Batterie wird gekappt. Hierfür gibt es automatische Systeme, aber auch die Feuerwehr selbst hat da einige Möglichkeiten. Die automatischen Systeme arbeiten sehr zuverlässig, Sie können sich auf sie verlassen wie auf einen Airbag. Außerdem ist der Akku sehr gut geschützt. Man muss keine Angst haben, einen Stromschlag abzubekommen.

Wie löschen Sie so ein Fahrzeug?
Es mag erst mal ungewöhnlich klingen, aber wir löschen ganz simpel mit Wasser, mitunter mit einem Zusatz an Schaummittel drin. Zugegeben, man braucht mehr Wasser als bei herkömmlichen Fahrzeugbränden.

Warum ist das so?
Das hängt mit dem Lithium-Ionen-Akku zusammen. Den muss man herunterkühlen auf mindestens 90 Grad, um die chemischen Prozesse zu stoppen, die im Inneren ablaufen.

Was passiert da genau?
Ein Fahrzeug-Akku besteht aus einzelnen Zellen. Die sind im Inneren durch sogenannte Separatoren getrennt. Laienhaft ausgedrückt: eine Art Folie, die verhindert, dass in der Zelle ein Kurzschluss entsteht. Denn in dem Fall könnte sich das Innere der Zelle enorm aufheizen, zudem würde sich in der Zelle Druck aufbauen.

Die Zelle könnte bersten?
Erst mal kann es dazu kommen, dass die Zelle abbrennt. Separatoren schmelzen bei zirka 140, 150 Grad. Heizt sich also eine Zelle stark auf, zum Beispiel, weil das Gehäuse des Akkus heiß wird, und schmilzt dann die Folie, kann die Zelle abbrennen und dadurch weitere Zellen aufheizen. Was wiederum dazu führen kann, dass sich der ganze Prozess in der nächsten Zelle wiederholt und immer so weiter. Fachleute nennen das Thermal Runaway.

Der kann den Brand immer wieder von Neuem entfachen, auch noch nach vielen Stunden?
Theoretisch ist das so. Sie denken, das Feuer ist aus, und irgendwann geht es wieder los. In der Praxis lässt sich das aber leicht verhindern, eben, indem man die anderen Zellen kühlt. Dann brennt nur die defekte Zelle ab. Deswegen benutzt man auch Wasser, weil andere Löschmittel wie Pulver, Sand oder Kohlendioxid nicht die ausreichende Kühlwirkung erreichen. Sie müssen sich das ähnlich vorstellen wie bei Gasflaschen in einer brennenden Autowerkstatt oder in einem gastronomischen Betrieb. Das Vorgehen ist ganz ähnlich: erst das Feuer löschen, danach kühlen, kühlen, kühlen. Das kann bei einem Akku länger dauern, ist aber kein Hexenwerk, sondern schlicht Physik und Chemie.

Nehmen wir an, ich halte mit dem Strahlrohr voll auf das Akkugehäuse: Dann kann ich doch trotzdem eine gewischt bekommen?
Jedes Mitglied der Feuerwehr lernt, dass kleinere Tröpfchen einem Feuer mehr Energie entziehen als ein gebündelter Strahl. Wenn Sie also aus mindestens einem Meter Abstand mit einem Sprühstrahl das Akkugehäuse wässern, passiert Ihnen nichts. Schwieriger ist es vermutlich, an den Akku überhaupt ranzukommen, weil er eben sehr gut verbaut ist. Sie brauchen auch keine Unmengen an Wasser. Ein feiner Strahl reicht zum Kühlen völlig. Sie machen auch immer wieder Pausen, in denen Sie das Geschehen im Akku mit einer Wärmebildkamera kontrollieren. Wird das Gehäuse des Akkus nach einiger Zeit wieder heiß, kühlen Sie weiter.

Ist es eine gute Idee, die defekte Karre in einen Container mit Wasser zu tauchen wie in ein Abklingbecken?
Ich sage mal so: Das kann man machen. Man muss es aber nicht. Ich halte es für möglich in einer Großstadt wie in Ludwigshafen, die hat in der Regel eine Berufsfeuerwehr samt Kran und Wechselbehältern, da geht das. Aber was machen Sie auf dem Land: Warten, bis so ein Fahrzeug verfügbar ist? Nein, es ist für die allermeisten Wehren zu umständlich und zu teuer, so eine Ausrüstung vorzuhalten. Sie kommen damit auch nicht überall hin, durch enge Gassen oder in eine Tiefgarage. Das Einfachste ist, mit Wasser kühlen, und fertig. Dazu hat jede Feuerwehr schon alles dabei, was sie braucht.

Wie ist es mit Schadstoffen: Gelangen bei Bränden von Elektroautos mehr davon in die Umwelt?
Rauchgas ist immer schädlich, da ist die Art des Antriebs egal. Die meisten Schadstoffe entstehen dadurch, dass die ganzen Kunststoffe verbrennen, die mittlerweile in allen Fahrzeugen verbaut sind. Diese Materialien steigern auch die Brandlast, also die Energie, die ein Feuer entwickelt. Für die Feuerwehr selbst macht es keinen Unterschied, ob ein Stromer, ein Plug-in-Hybrid oder ein Verbrenner ein Raub der Flammen wird. Sie arbeitet ohnehin mit Atemschutz.

Akkus enthalten Schwermetalle. Ist das Löschwasser besonders belastet?
Ich kann das aus meiner Erfahrung heraus nicht bestätigen. Löschwasser ist immer belastet, wenn Sie ein Fahrzeug löschen, allein schon wegen der eingesetzten Kunststoffe. Das größere ökologische Problem ist meiner Meinung nach der Löschschaum, weil Schaummittel bisher nicht biologisch abbaubar waren. Aber auch hier gibt es inzwischen Alternativen.

Um die Akkus ausgebrannter E-Autos zu kühlen, werden die Wracks mitunter in Wasserbehältern gelagert. Richtiges Vorgehen oder zu
Um die Akkus ausgebrannter E-Autos zu kühlen, werden die Wracks mitunter in Wasserbehältern gelagert. Richtiges Vorgehen oder zu viel des Guten?
Jochen Schäfer ist Brandschutzingenieur, Brandoberinspektor und Geschäftsführer eines Ingenieurbüros für Brandschutz in Linnich
Jochen Schäfer ist Brandschutzingenieur, Brandoberinspektor und Geschäftsführer eines Ingenieurbüros für Brandschutz in Linnich (NRW). Zusammen mit einem Kollegen berät er den Landesfeuerwehrverband Rheinland-Pfalz in Sachen Elektromobilität.
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