Rheinland-Pfalz
Rat nach der Ahrflut: Bei Leichenfund Polizei rufen
Die Nacht auf den 15. Juli 2021 hatte Markus Wipperfürth (49), Lohnunternehmer und Pferdewirt aus Nordrhein-Westfalen, damit verbracht, seine eigenen Pferde vor dem Unwetter in Sicherheit zu bringen. Noch in der gleichen Nacht erreichten ihn Meldungen über die Katastrophe im Ahrtal. So schilderte es Wipperfürth am Freitag im Untersuchungsausschuss „Flutkatastrophe“ des rheinland-pfälzischen Landtags.
Die Arbeit der elf Abgeordneten im Ausschuss nähert sich dem Ende. In dieser letzten Phase der Aufklärung geht es um die Frage, wie die staatlichen Stellen die Katastrophe in den ersten Tagen und Wochen nach der Flutnacht mit 135 Toten bewältigt haben. „Koordinierung hat es nicht gegeben“, lautete das Urteil Wipperfürths. Im Ahrtal eingetroffen, habe er die Situation gefilmt und das Video über seine Kanäle in den sozialen Medien geteilt. Auf diese Weise habe er schnell 50 Traktoren mit Teleskopladern, Sortiergreifern oder anderen Ausstattungen aus dem Westerwald organisiert und „einfach angefangen, den Riesenberg aufzuräumen“.
Niemand gekommen, auch keine Seelsorger
Feuerwehrleute hätten ihm gesagt, wenn er Leichen finde, solle er die Polizei rufen. Und es habe Leichenfunde gegeben. Eine sehr belastende Situation, wie Wipperfürth schildert. „Können Sie sich vorstellen, wie so eine Leiche aussieht, die zwischen all den Gegenständen im Schlamm geschwommen ist“ Er habe gedacht, da komme gleich jemand, der das managt oder auch ein Seelsorger. Aber es sei niemand gekommen. Auf seine Aufrufe hin seien 70 Reifenhändler gekommen, um die Reifen der Räummaschinen zu ersetzen, die bei den Rettungsarbeiten kaputt gegangen seien. RWE hätte 9000 Liter Diesel gebracht. Über eine staatliche Institution äußert er sich aber doch positiv: Gut habe die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr funktioniert.
Im vergangenen Jahr gab es Vorwürfe gegen Wipperfürth und einen weiteren Spontanhelfer. Sie hätten sich von Helden zu „Besatzern“ entwickelt, würden im Tal eigene wirtschaftliche Interessen vertreten. Einem Journalisten, der damals kritisch über ihn berichtet hatte, drückte Wipperfürth am Freitag nach seiner Vernehmung sein frisch erschienenes Buch in die Hand. Nicht nur ihm. Offensichtlich nutzte Wipperfürth seinen Auftritt für eine Werbekampagne in eigener Sache.
Erst kamen 300, dann 3000
Dass die vielen spontanen Helfer nicht mit ihren Autos die wenigen intakten Wege im Ahrtal verstopften, ist das Verdienst von Thomas Pütz und Marc Ulrich, die das Helfer-Shuttle organisiert haben. Am 18. Juli brachten sie 300 Helfer ins Tal, eine Woche später waren es 3000 täglich. Die Versorgung hätten andere private Spender übernommen. Das sagte Ulrich als Zeuge vor dem U-Ausschuss aus. Unter den mehr als 40 Besuchern, die am Freitag zur Sitzung in den Landtag gekommen sind, war ein Wachenheimer, der als Privathelfer viele Einsätze mitgemacht hat. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: „We AHr Back – Helfershuttle“. Das große H sieht aus wie ein Haltestellenschild. Anders als Wipperfürth schimpfte Ulrich nicht über die Behörden. Nach zehn Tagen habe die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) zugesagt, die Kosten zu übernehmen.
Staatsanwaltschaft rechnet mit langen Ermittlungen
Dass die strafrechtliche Aufarbeitung der Katastrophe noch eine ganze Zeitlang andauern wird, das hatten am Vormittag Generalstaatsanwalt Harald Kruse und Oberstaatsanwältin Ute Adam-Backes erklärt. „Wir haben immer noch kein vollständiges Bild“, sagte Kruse. Ein Ende der Ermittlungen sei noch nicht in Sicht. Die strafrechtliche Schuld zu bewerten, sei schwierig, weil viele Handlungsbereiche miteinander verwoben seien und die Lage äußerst komplex sei. Genau eineinhalb Jahre nach der Flutkatastrophe gibt es weiterhin zwei Beschuldigte: den ehemaligen Ahr-Landrat Jürgen Pföhler sowie den ehrenamtlichen Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises, dem Pföhler die Einsatzleitung übertragen hatte. Es geht um den Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung im Amt durch Unterlassen.
Keine Ausweitung der Ermittlungen
Geprüft wird laut Kruse unter anderem, ob auch im Zusammenhang mit der Lebenshilfe-Einrichtung in Sinzig ermittelt werden soll. Dort waren in der Flutnacht zwölf Menschen mit Beeinträchtigungen ums Leben gekommen. Zweimal, so Kruse, hätten Feuerwehrleute gewarnt. Vor allem über die Details der ersten Warnung gegen 22.45 Uhr gebe es allerdings widersprüchliche Angaben. Ein Feuerwehrmann habe angegeben, er habe zur Evakuierung des Hauses aufgerufen, was die damalige Nachtwache der Einrichtung bestreite. Bislang fehle ein hinreichender Anfangsverdacht.
Anhaltspunkte für eine Ausweitung der Ermittlungen auf den Präsidenten der ADD, Thomas Linnertz (SPD), gebe es bisher ebenfalls nicht, sagt Kruse. Linnertz ist am nächsten Freitag zum dritten Mal als Zeuge vor den Ausschuss geladen. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) wird am 24. März zum zweiten Mal aussagen.
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