Studie
Katastrophenforscher: Wenig aus dem Ahrtal-Hochwasser gelernt
In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 starben an der Ahr 134 Menschen, als eine Hochwasserwelle durchs Tal raste. Zwei Personen werden weiter vermisst, 17.000 Menschen verloren ihre Habe. Nun gehe es darum, Lehren aus dem Geschehen zu ziehen, sagt Michael Szönyi, Leiter des Flood Resilience Programs der Zurich Versicherung, das weltweit Ursachen, Ablauf und Bewältigung von Überschwemmungen analysiert.
Wie kam es zur Katastrophe?
Auslöser war Tief Bernd, das zwischen dem 12. und 19. Juli über Westeuropa quasi festlag. Das hatte zur Folge, dass sich enorme Regenmengen auf denselben Raum ergossen, auch auf die westliche Eifel. In 72 Stunden fielen laut Deutschem Wetterdienst (DWD) gebietsweise 150 und flächendeckend 125 Millimeter – etwa die doppelte Menge dessen, was dort im Schnitt in einem Monat falle.
Gab es keine Vorhersage?
Doch. Das Europäische Frühwarnsystem EFAS warnte am 11. und 12. Juli vor verheerenden Niederschlägen, doch war der genaue Ort noch unklar, sagt der Hydrologe Viktor Rözer von der London School of Economics. Auch der DWD meldete am Mittag des 12. Juli eine ungewöhnliche meteorologische Situation mit intensivem Starkregen bis 200 Millimeter im Westen Deutschlands. Am frühen Nachmittag des 14. Juli setzte der DWD seine Warnstufe auf „extrem“, auch der Hochwassermeldedienst des Landes Rheinland-Pfalz warnte vor „deutlichem Hochwasser“.
Warum wurde nicht vor einem Extrem-Hochwasser gewarnt?
Weil eine Wettervorhersage keine Hochwasserprognose ist. Wie ein Flusssystem auf Niederschläge reagiere, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu kommt, dass die großen Flüsse gut überwacht, aber die Seitenbäche kaum mit Pegeln ausgestattet sind, kritisieren die Experten der Zurich-Versicherung in der Schweiz. Doch genau diese Zuflüsse schwemmten riesige Wassermassen ins Ahrtal.
Was wurde dem Ahrtal noch zum Verhängnis?
Die flachgründigen Böden waren bereits gesättigt, sie konnten kaum noch Feuchtigkeit aufnehmen. Der Untergrund der Eifel ist im Gegensatz zum Buntsandstein des Pfälzerwaldes wasserundurchlässig. Der Regen versickerte nicht, sondern floss rasch ab, bedingt durch die steilen Hänge. In engen Mittelgebirgstälern wie im Bereich der Ahr kann sich das Wasser nicht ausbreiten. Daher stieg es schnell an. Die aufgetürmten Wassermassen rasten als Welle talabwärts.
Welchen Einfluss hatte der Mensch?
Zur Überschwemmung wäre es auf jeden Fall gekommen, meinen die Zurich-Experten. Doch menschliche Eingriffe haben das Ausmaß der Katastrophe verstärkt. Der dicht bebaute, versiegelte Talgrund ließ dem Wasser keinen Raum, es bahnte sich seinen Weg durch die Siedlungen, die sich im natürlichen Überschwemmungsbereich ausgebreitet haben. Der terrassenlose Weinbau längs der Hänge trug zum Abfluss ins Tal bei.
Welche Rolle spielten die Brücken?
Eine große. Der Zurich-Bericht zählt 103 Brücken im Bereich der Ahr, die zerstört oder beschädigt wurden. Oft waren das ältere Brücken mit Pfeilern und relativ schmalen Durchlässen, die mit Treibgut verstopften, das unter anderem von Campingplätzen stammte: Wohnwagen, Tanks, dazu Totholz, das zum Teil aus Naturschutzgründen nicht beseitigt worden war. Diese „Verklausungen“ ließen Brücken wie Dämme wirken, hinter denen sich das Wasser um weitere Meter aufstaute und so auch höhere Gebiete erreichte. Als die Brücken brachen, ergoss sich eine Flutwelle in den Flussabschnitt dahinter, bis es an der nächsten Brücke von vorn losging. Somit pflanzte sich die Welle kaskadenartig durchs Tal fort.
Das Unheil sah niemand kommen?
Ansatzweise schon. Um 17.17 Uhr rief das Landesumweltamt die höchste Warnstufe für die Ahr aus. Doch die Warnketten waren fehlerhaft, kritisieren die Zurich-Experten. Die Vorhersagedienste arbeiteten schlecht zusammen, Frühwarnsysteme wie Katwarn versagten. Zudem habe im Tal keine Kommunikationskette zwischen den Gemeinden am Ober- und Unterlauf bestanden, der Digitalfunk der Einsatzkräfte und die Telefonnetze fielen bald aus. So wurde Sinzig an der Ahr-Mündung fast zwölf Stunden nach Beginn des Einsatzes in Adenau oben im Tal von der Flut überrascht. Erschwerend kam der Stromausfall hinzu. Die Helfer agierten im Blindflug, jede Einheit war auf sich gestellt.
Sind die Bewohner des Ahrtals nicht Überschwemmungen gewohnt?
Ja, aber darin lag nach Expertenansicht auch ein Problem. Zuletzt hatte es im Jahr 2016 ein – statistisch gesehen – 100-jährliches Hochwasser gegeben, das kaum Schäden anrichtete. Die Menschen wiegten sich in trügerischer Sicherheit, als von Hochwasser die Rede war. Dringlicher waren die Warnungen aus Unkenntnis der Lage oft nicht formuliert und wurden daher nicht ernstgenommen. Als die Flut kam, verhielten sich viele Menschen falsch, sie wollten Autos aus Tiefgaragen und Dinge aus dem Keller retten. Die Zurich-Experten fordern: Der Umgang mit Extremereignissen müsse wieder erlernt werden.
War das Ausmaß der Flut trotz allem nicht unvorstellbar?
Mitnichten, so die Zurich-Spezialisten. Es habe im Ahrtal ähnliche Ereignisse gegeben, zuletzt 1910 und 1804. Wäre bei der Hochwasserplanung die Historie berücksichtigt worden, hätten viele Bereiche im Tal nicht oder nur in anderer Form bebaut werden dürfen, noch 250 Meter vom Fluss entfernt, habe das Wasser Zerstörungen angerichtet. Der Zeithorizont der Hochwassermodelle reiche oft nicht weit genug zurück. An der Ahr habe man in 217 Jahren drei extreme Hochwasser registriert. Ähnlich sei es vielerorts in den Mittelgebirgen.
Ist der Katastrophenschutz auf Ereignisse wie dieses vorbereitet?
Nein, sagen die Experten der Zurich. Er sei föderal sowie dezentral von unten nach oben aufgebaut und zuvorderst Aufgabe der Feuerwehr und damit der Kommunen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe dürfe nur im Krieg von selbst aus tätig werden. Die oft ehrenamtlichen Strukturen erschwerten die Umsetzung professioneller Konzepte, die Ausrüstung sei nicht angepasst an Gefahrenlagen dieser Dimension. So gebe es zu wenig watfähige Fahrzeuge oder Helikopter mit Seilwinden für die Luftrettung in Rheinland-Pfalz. Die kleinteiligen Strukturen, die Vielzahl der Organisationen und Zuständigkeiten mache eine Koordination und Kommunikation schwierig. Das hemme Hilfsmaßnahmen, Aufräumarbeiten und die Versorgung der Bevölkerung danach.
Was haben wir daraus gelernt?
Bisher wenig, glaubt man dem Zurich-Bericht. Von 700 ganz oder nahezu zerstörten Häusern dürften lediglich 34 am alten Standort nicht wieder aufgebaut werden. Angesichts der Beschädigungen an 9000 Gebäuden müssten weit größere Zonen freigehalten werden. Vielerorts fehlten Vorgaben für hochwassersicheres Bauen. Kritische Infrastruktur für Strom, Gas, Trinkwasser und Kommunikation müsse besser geschützt werden. Viele Gemeinden seien über eine einzige Zufahrt zu erreichen und somit in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Auf Ölheizungen solle man wegen der Kontaminationsgefahr verzichten, ebenso auf viele Brücken. Neubauten müssten anders konstruiert sein. Der Katastrophenschutz müsse neu aufgestellt sowie die Vorhersage- und Warnsysteme verbessert werden. Leider sei oft eine „Flut-Demenz“ zu beobachten: Menschen würden eben schnell vergessen.
Flut-Analyse
Ihre Erkenntnisse haben die Katastrophenforscher der Flood Resilience Alliance der Zurich Versicherung in der 78-seitigen „Ereignisanalyse Hochwasser Bernd“ zusammengefasst. Sie ist zu finden unter: www.newsroom.zurich.de/latest_media/tag/naturkatastrophen
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