Hochwasser-Folgen
Hunderttausende im Wäschetrockner: Die Bundesbank und das nasse Geld
Geld stinkt doch – zumindest dieses Geld. Der Geruch erscheint bekannt, zumindest wenn man seit dem 15. Juli diesen Jahres schon mal im Ahrtal war. Er hängt in der Luft des kleines, fensterlosen Raumes im Mainzer Gebäude der Bundesbank und im Nebenraum, wo die Wäschetrockner stehen – mittlerweile sind es vier. Das Geld hat den charakteristischen Geruch der Hochwasser-Katastrophe mitgebracht: Es riecht nach Müll, Abwasser, Fäulnis. Auch die Abzugsanlage und die Mund-Nasen-Masken, die die Anwesenden tragen, kommen nicht dagegen an.
In der Mainzer Filiale der Bundesbank hat eine Abteilung zurzeit besonders viel zu tun: die, die beschädigtes Geld analysiert und ersetzen lässt. Kiloweise, säckeweise kommen dort durchnässte, verschlammte, teilweise auch angeschimmelte Geldbündel an. Sie kommen aus den Flutgebieten im Norden von Rheinland-Pfalz und im Süden von Nordrhein-Westfalen, wo in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli im Hochwasser Menschen ertranken, das Hab und Gut vieler davonschwamm. Darunter auch eine Menge Geld.
Wäschetrockner leistet Schwerarbeit
Über 51 Millionen Euro in Bargeld sind aus Wasser, Schlamm und Schutt bisher geborgen und bei der Bundesbank zur Rückerstattung eingereicht worden, das meiste davon von Banken, die unter Wasser standen. Normalerweise erhält die Bank in einem Jahr 40 Millionen Euro, die beschädigt wurden. Die entsprechende Abteilung, das Nationale Analysezentrum für Falschgeld und beschädigtes Bargeld, wurde vorübergehend in der Personalstärke verdoppelt, ein erster Wäschetrockner angeschafft, der bei tiefer Temperatur trocknen kann – das ist wichtig, denn durch Heißtrocknen würden die Scheine beschädigt. Welche der mittlerweile vier Maschinen das ist, erkennt man beim Blick ins Innere: Die Trommel ist nach etwas mehr als fünf Wochen voller graubrauner Ablagerungen, die sich nicht mehr entfernen lassen. Das Gerät leistet Schwerarbeit.
Man begreift beim Betreten der Räume dieser Abteilung ganz intuitiv, warum die Bundesbank dieses Geld nicht nur schreddern, sondern auch verbrennen lassen will. Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme, sagt ein Vertreter der Bank, dessen Name auf Weisung aus der Frankfurter Zentrale nicht genannt werden soll. Verbrannt werde das Geld, weil nicht bekannt sei, womit es in Berührung gekommen sei, erläutert er. Riechen tut es jedenfalls wie etwas, das man in der Tat vorsichtshalber vernichten sollte. Zuvor aber muss das Geld gezählt werden, damit die Bank es ersetzen kann; und dafür müssen die nassen, verschlammten, verschimmelten, miteinander verklebten Scheine in einen Zustand gebracht werden, in dem man sie überhaupt erst zählen kann.
Die Geldbündel, die einer der Banker aus einer Tüte holt, sind seit Wochen von Wasser durchtränkt. Wer Flutgeld hat, dem wird davon abgeraten, die Bündel komplett zu trocknen. Denn durchnässte und danach getrocknete Geldbündel, erklärt der Sprecher der Bank, sind hart wie Briketts – und noch schwerer zu trennen. Deshalb haben auch diese Scheine, die dem äußeren Anschein nach nach 50- und 200-Euro-Noten gestapelt sind, auch nicht nur einen einzigartigen Duft, sondern auch Stellen, die schon schwarz verschimmelt sind. Zeit für den Trockner.
1000 200-Euro-Scheine mit Wäscheduft
Ein Wäschetrockner ist zwar keine Waschmaschine, und überhaupt betont der Bank-Vertreter, dass man hier keine „Geldwäsche“ im Wortsinne betreibe; das Geld würde lediglich getrocknet und geglättet, was ein bisschen klingt, als hätte Loriot einen Film über die Mafia gedreht. Doch die Bilder sind in der Tat bemerkenswert: Als einer der Wäschetrockner im Raum nebenan kurz darauf sein Programm beendet und geöffnet wird, steckt er voller 200-Euro-Scheine. Rund 1000 Stück seien das wohl, sagen die Banker – also 200.000 Euro.
Auf einem Regal über den Wäschetrocknern stehen Duftzusätze für die Trockner. Das entfernt den Geruch der Geldscheine nicht, mildert ihn aber ab und macht die Arbeit für die Kollegen etwas einfacher, erläutert der Banksprecher.
Glätten unterm Beschwerungselement
Eine Frage der Charakterstärke sei es nicht, hier zu arbeiten, merkt einer der Banker an, man nehme irgendwann nicht mehr wirklich wahr, dass das Geld sei, mit was man hantiere. Doch die Leute im Analysezentrum seien in der Regel dennoch Kollegen, die sich mit Geld als physischem Objekt besonders gut auskennen, erläutert der Bankvertreter: Es gebe einige, die könnten an der Farbe eines Scheins erkennen, aus welcher Serie er stamme.
Einer der Banker demonstriert dann, was mit dem Geld nach der Runde im Trockner geschieht: Er glättet die Scheine erst einmal in der Hand und platziert sie dann unter einem, wie er mit Pokerface erläutert, „Beschwerungselement“. Ein Spezialwerkzeug? Nö, ein Stein aus dem Baumarkt, sagt er. Als sich abzeichnete, dass es sehr viele Scheine zu glätten geben wird, sei er losmarschiert und habe eine Ladung Backsteine gekauft. Die Bargeldspezialisten mussten lernen, größer zu denken. Auch das Verfahren mit den Wäschetrocknern ist neu, zuvor waren nasse Scheine einfach zwischen Küchentüchern getrocknet worden.
Keine D-Mark-Scheine dabei
Wobei man zuvor so oft auch keine nassen Geldbündel bekommen habe. Eher angemoderte, die jahrelang im Garten vergraben lagen; oder solche, die auf Dachböden aufgetaucht seien, von Ratten und Mäusen angenagt. Die Regel zur Erstattung lautet: Es müssen 50 Prozent plus etwas mehr von einem Schein identifizierbar sein. D-Mark-Scheine rechnet die Abteilung übrigens auch gelegentlich noch ab – beim Flutgeld war allerdings noch kein einziger dabei. Früher habe man den Eigentümern sagen können, dass es vier bis sechs Wochen dauern werde, bis sie ihr Geld – als Überweisung – wiederbekommen. Derzeit könne man über die Dauer des Prozesses keine Angabe machen.