Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Ahrtal-Flutnacht: Wusste Minister Lewentz mehr?

Bereits im April ist Innenminister Roger Lewentz (SPD) als Zeuge vor dem U-Ausschuss vernommen worden.
Bereits im April ist Innenminister Roger Lewentz (SPD) als Zeuge vor dem U-Ausschuss vernommen worden.

Einzelne Zeugenaussagen wecken Zweifel an der Darstellung von Innenminister Roger Lewentz (SPD), der von der katastrophalen Situation an der Ahr nichts mitbekommen haben will. Außerdem vor dem Untersuchungsausschuss: die Geliebte von Ex-Landrat Pföhler.

Als die Erste Polizeihauptkommissarin Marita Simon am 14. Juli kurz vor 22 Uhr ihren Dienst im Polizeipräsidium Koblenz antritt, erfährt sie von ihrem Kollegen bei der Übergabe, dass in der Ortsgemeinde Schuld im Ahrtal gerade sechs Häuser eingestürzt sind. Das bestätigt ihr der Kollege in der Polizeiinspektion Adenau, der außerdem sagt, da laufe eine Flutwelle die Ahr runter. Um ihn herum gehen in diesem Moment die Lichter in den Häusern aus, ihm fehle ein Notstromaggregat. In der Integrierten Leitstelle in Koblenz, dort gehen in der Nacht tausende Notrufe ein, erfährt sie: „Hier ist landunter.“

Für Simon, so sagt sie am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des Landtags, ist in dem Moment klar: Diese Situation ist nicht im normalen Dienst zu erledigen. Also bringt sie eine sogenannte Besondere Aufbauorganisation auf den Weg, wie es sie für Lagen wie beispielsweise Explosionen gibt. Im Lagezentrum im Innenministerium in Mainz fordert sie Einsatzkräfte an, Material, vor allem auch geeignete Fahrzeuge.

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Am Nürburgring richtet Simon eine Sammelstelle für die Polizeikräfte ein, die zur Verstärkung kommen. Das Einsatzgebiet teilt sie in die Abschnitte Adenau und Ahrweiler ein. Für schriftliche Lagebilder alle halbe Stunde, so fordert es das Lagezentrum im Innenministerium, hat Simon keine Zeit. Aber sie schildert Markus Brugger, dem Dienstgruppenleiter im Lagezentrum, in vielen Telefonaten die Situation. „Das Innenministerium hat alles gewusst“, sagt sie. Um 22 Uhr schickt sie auch ein Foto von Schuld ins Ministerium, das die Besatzung eines Polizeihubschraubers aufgenommen hat. Die Crew bricht den Überflug vorzeitig ab. Sie will den Menschen keine Hoffnung machen, die mit Taschenlampen winken, denn es ist kein Rettungshelikopter mit Seilwinden. Das sagt Holger Drees als Zeuge aus. Er übergibt seinen Dienst als Polizeiführer um 22 Uhr an Simon.

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An ein unscharfes Foto kann sich Markus Brugger erinnern, aber nicht, dass er es von Marita Simon erhalten hat. Das Motiv habe ausgesehen wie ein See mit Häusern drin. Wie hoch das Wasser gestanden hat? Das wisse er nicht mehr. Brugger sagt am Freitag direkt nach Simon vor dem U-Ausschuss aus. Er bestätigt, dass sie ihm von den eingestürzten Häusern in Schuld berichtet hat, von dem drohenden Stromausfall in der Polizeiinspektion Adenau, und er war in die Einrichtung der Besonderen Aufbauorganisation eingebunden. Auch habe er versucht, Boote zu organisieren, die dort zur Rettung eingesetzt werden könnten. Aber realisiert, dass im Ahrtal eine Katastrophe ablaufe, das habe er erst irgendwann nach Mitternacht. Die schriftlichen Meldungen seien erst spät gekommen. An anderer Stelle sagt Brugger: „Schriftlich ist immer valider.“

Lewentz: Leitstelle „kompetent und konzentriert“

Der Leiter des Lagezentrums, Heiko Arnd, spricht vor dem U-Ausschuss von einem Informationsdefizit in der Nacht. Das Ministerbüro wird gegen 23 Uhr über die Lage informiert. Lewentz selbst ruft um 0.45 Uhr im Lagezentrum an und lässt sich von Arnd berichten. Aus früheren Vernehmungen ist bekannt: Der Innenminister schickt in dieser Nacht kurz vor ein Uhr eine SMS an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Darin teilt er ihr mit, dass in der Ortsgemeinde Schuld wohl sechs Häuser eingestürzt sind und weitere Einstürze drohten. Er berichtet ihr auch, dass die Hubschrauber über das Ahrtal geflogen sind, Lichtzeichen bekamen. Von seinem Besuch in der Technischen Einsatzleitstelle des Landkreises Ahrweiler in Bad Neuenahr-Ahrweiler an diesem Abend berichtet er Dreyer gegen 20 Uhr telefonisch. Übereinstimmend sagen Lewentz und Dreyer, dass er die Arbeit in der Leitstelle als sehr „kompetent und konzentriert“ erlebt hat.

Doch gegenüber dem Journalisten Willi Willig vom Sender TV Mittelrhein wählt Lewentz an diesem Tag offenbar andere Worte. Das zumindest sagt Willig am Freitag als Zeuge vor dem U-Ausschuss. Am Flutabend ruft er Lewentz gegen 19.45 Uhr an, zu dieser Zeit kommt der Minister gerade aus der Einsatzleitstelle in Bad Neuenahr. Er berichtet dem Journalisten, die Zustände seien „katastrophal und wirklich schlimm“, überall seien Kräfte im Einsatz. Außerdem solle in der Ortschaft Schuld ein Haus eingestürzt sein. Auf den Journalisten macht Lewentz aber nicht den Eindruck, als erwarte er, dass die Lage dramatischer werde.

Wo war der Landrat?

Ausgesagt vor dem U-Ausschuss hat am Freitag auch eine CDU-Kommunalpolitikerin und pensionierte Studiendirektorin aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, die mit dem damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) am Tag der Flut 13 Mal telefoniert hat. Nur mit seinem engsten Mitarbeiter in der Kreisverwaltung hat Pföhler noch häufiger gesprochen. Auf Nachfrage des Ausschussvorsitzenden Martin Haller (SPD) räumte die 71-Jährige ein, dass sie eine „romantische Beziehung“ mit Pföhler hat.

Der Untersuchungsausschuss hat bereits in der Sitzung zuvor vergeblich versucht herauszufinden, wo sich der Landrat in der Flutnacht aufgehalten hat. Pföhler selbst hat in der vergangenen Woche die Aussage verweigert. Dazu hat er das Recht, weil die Staatsanwaltschaft Koblenz wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen gegen ihn ermittelt. Als enge Angehörige durfte auch seine Ehefrau die Aussage verweigern. Pföhlers Geliebte dagegen hat dieses Recht nicht. An den Inhalt der Telefonate könne sie sich nicht erinnern. Gesehen habe sie Pföhler an diesem Tag nicht.

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