Pfalz
Was Elwetritsche mit Albträumen zu tun haben
Herr Werner, in Ihrem neuen Buch wollen Sie herausgefunden haben, wo Elwetritsche herkommen. Dabei wissen wir doch alle, dass es die Gänse und die Enten waren, die sich im Pfälzerwald mit den Elfen gekreuzt haben.
Ja, das habe ich auch jahrzehntelang geglaubt – bis ich in Pennsylvania unterwegs gewesen bin. Das ist jetzt 30 Jahre her, und ehrlich gesagt hatte ich das Thema Elwetritsche damals gar nicht auf dem Schirm. Aber ich habe dort mit unglaublich vielen Menschen gesprochen, weil ich ihre
Also muss man quasi erst mal nach Pennsylvania fahren, um die Wurzeln der Pfalz zu ergründen?
Genau! Es geht eigentlich darum, durch ein Schlüsselloch auf unsere eigene Vergangenheit zu blicken. Die Menschen sind vor Jahrhunderten ausgewandert. Sie haben eine Fülle an Bräuchen, kulturellen Mustern, Sprache, Essen – alles Mögliche – mitgenommen. Wenn ich in Pennsylvania 50 solcher Bräuche finde, sehe ich, dass es in der Pfalz heute vielleicht noch 20 davon gibt. Da stellt sich die Frage: Wo sind die anderen 30 hin?
Haben Sie die Antwort darauf?
Ich habe gemerkt, dass viele der Bräuche, die bei uns verlorengegangen sind, sich in anderen Regionen finden lassen – in anderen Teilen Deutschlands, aber auch in den Niederlanden, Polen, Kurdistan und sogar Russland. Das deutet darauf hin, dass diese Bräuche aus der bäuerlichen Kultur kommen und mit der indoeuropäischen Migrationsgeschichte zusammenhängen. Genetische Studien zeigen, dass die indoeuropäischen Völker vor etwa 8000 Jahren aus der Region des nördlichen Iran aufgebrochen sind und sich in alle Richtungen ausbreiteten.
Wie führt dieser lange historische Bogen zu den Elwetritsche?
Im bäuerlichen Leben der Vergangenheit ging es vor allem darum, sich abzusichern – gegen Hunger, Krankheiten und andere Bedrohungen. Ohne moderne Medizin oder Wissenschaft haben die Menschen auf Zauberformeln und Symbole zurückgegriffen, um sich zu schützen. Ein Beispiel sind die Merseburger Zaubersprüche, die für Schutz oder Heilung verwendet wurden.
Und wie kommen da jetzt die Elwetritsche ins Spiel?
Der Weg ist ein bisschen länger. Wenn wir zurück in die germanische Zeit gehen, stellen wir fest, dass es dort ein Glaubenssystem gab, ein Götterpantheon. Die Götter waren Gestaltwandler. Sie sollten überall gegenwärtig sein können, und das gelang ihnen nur, indem sie ihre Gestalt änderten. Sie konnten sich in Nebel, Tiere oder andere Formen verwandeln. Neben Wotan als männlichem Gott gab es seine Frau, die Frigg oder Fricka hieß. Daneben gab es eine verwandte Göttin aus einer anderen Linie: Freya. In den Geschichten vermischen sich Frigg und Freya ein wenig. Während Freya eher als Vegetationsgöttin galt, war Frigg für den Haushalt zuständig. Beide Göttinnen hatten aber mit Regeln und Ordnung zu tun. Wenn diese Regeln missachtet wurden, konnten sie Strafen schicken – eine davon war, Albträume zu verursachen. Die Götter selbst kamen dabei nicht, sondern schickten sogenannte „Dunkelalben“. Die „Alb“-Träume wurden von den Menschen als ein schwerer Druck auf der Brust empfunden, der die Luft abschnürte.
Wie haben die Menschen darauf reagiert?
Sie haben versucht, sich mit Beschwörungsformeln und Schutzsymbolen wie Pentagrammen oder Hexagrammen zu schützen. Das war ihr Mittel gegen diese Albträume, diese göttlichen Strafen. Später, mit der Christianisierung, änderte sich der Glaube – aber die Albträume blieben. Die Menschen fragten sich: Wo kommen sie her, wenn die Götter nicht mehr verantwortlich sind? Stattdessen begann man, Frauen in der Dorfgemeinschaft zu verdächtigen – oft jene, die am Waldrand lebten oder als neidisch galten. Man sagte, sie seien Hexen oder „Truden“. Der Begriff kommt vom altnordischen Wort „trudan“, das „treten“ bedeutet. Die Menschen stellten sich vor, dass diese Truden nachts auf ihrer Brust saßen und ihnen die Luft abschnürten. Mit der Zeit wurde die Vorstellung immer diffuser. Es gab Alben, Truden und andere Gestalten, die die Menschen quälten. Die gemeinsame Bezeichnung wurde schließlich „Albtrude“.
Und wie wurde sie dann zu diesen kleinen, knuffigen Wesen?
Menschen geben Ängsten gerne einen Namen und eine Gestalt. Dann machen sie die Gestalt, vor der sie Angst haben, kleiner. Das geschieht unbewusst und über einen Zeitraum von Generationen. Es ist ein Weg, diese Angst zu verarbeiten. Vermutlich haben Mütter dazu beigetragen, indem sie die Albtrude immer kleiner und harmloser beschrieben, um ihren Kindern die Angst zu nehmen. Am Ende wurde sie in der Vorstellung der Menschen hühnergroß – und aus „Albtrude“ wurde „Elwetritsch“. Sobald sie nur noch diese Größe hatte, konnte man sie jagen. Das war eine symbolische Machtumkehr: Nicht mehr der Dämon jagte die Menschen, sondern die Menschen jagten ihn.
Und so kommen wir zur Elwetritschejagd?
Ja, die Elwetritschejagd hat vermutlich mit alten Beschwörungsformeln zu tun wie dem sogenannten „Drudenkopfspruch“. Der sollte Dämonen mit schier unlösbaren Aufgaben beschäftigen und so bannen. Bei der Elwetritschejagd wird das humorvoll nachgestellt. Man erklärt einen Neuling in der Gruppe zum „Drudenkopf“ oder Dämon und gibt ihm die Aufgabe, die Elwetritsche zu fangen – wissend, dass das unmöglich ist.
Sie finanzieren Ihr neues Buch über Crowdfunding. Warum haben Sie sich eigentlich für diese Finanzierungsform entschieden?
Ich glaube einfach an die Macht von Geschichten, und es ist mir wichtig, den Leuten eine Geschichte zu präsentieren, von der ich überzeugt bin, dass sie gelesen und erzählt werden muss. Denn so, wie ich sie erzähle, wurde sie in der Pfalz noch nie erzählt. Wir haben bisher immer gedacht, dass die Elwetritsche vielleicht eine Art von „Aliens“ sind oder dass sie einfach nur im Wald platziert wurden. Aber in Pennsylvania ist klar geworden, dass man das Phänomen kulturwissenschaftlich sehr gut erklären kann. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die das interessiert, und deswegen funktioniert Crowdfunding für so ein Projekt sehr gut. Natürlich trage ich dabei das Risiko: Ich bezahle das Projekt letztlich selbst. Aber ich hoffe, dass die Menschen die Geschichte gerne lesen möchten. Wenn das so ist, dann kann das Crowdfunding die Kosten decken.
Zum Crowdfunding geht es hier.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
