Familie RHEINPFALZ Plus Artikel Känguru-Tour: Mit Baby ins Museum nach Karlsruhe

Ungewöhnlich: Museumsführung für Eltern mit kleinen Kindern.
Ungewöhnlich: Museumsführung für Eltern mit kleinen Kindern.

Mit Baby oder Krabbelkind zu einer Führung durch eine Kunstausstellung? Klingt anstrengend? Ein Selbstversuch in Karlsruhe.

Ein Museumsbesuch mit Kindern bedeutet für viele Eltern vor allem eines: Stress. Nicht laut sein, nichts anfassen! Kein Wunder, dass herkömmliche Ausstellungen oft gemieden werden. Im Kunstmuseum Karlsruhe gibt es jedoch sogenannte Känguru-Touren: Führungen für Eltern mit Babys und Krabbelkindern. Ein Angebot, das auf große Resonanz stößt.

Im Foyer des Kunstmuseums, so heißt die frühere Städtische Galerie seit ihrer Umbenennung, stehen Kinderwagen, werden Wollwalkanzüge geöffnet und Fläschchen vorbereitet. Sieben Mütter mit ihren Babys sind an diesem Vormittag dabei. Einmal im Monat führt Florentina Mader im Wechsel mit Hannah Reisinger durch die aktuellen Ausstellungen. Die Themen wechseln, das Prinzip bleibt: Kunst im ruhigen Tempo mit Platz für Stillpausen und Wickelunterbrechungen. Seit rund einem Jahr gibt es die „Känguru-Touren“ und sie sind nahezu immer ausgebucht. Angebote für Kinder ab drei Jahren finden sich in mehreren Kultureinrichtungen der Region, doch Formate für Babys und Krabbelkinder haben Seltenheitswert.

Mütter diskutieren über „Ratatataa“

Der Rundgang beginnt im großen Lichthof, dem Herzstück des Museums. Die ehemalige Munitionsfabrik, in der das Haus untergebracht ist, prägt den Raum mit ihrer industriellen Weite. Dunkle Teppiche mit weißer Schrift liegen auf dem Boden und laden dazu ein, im Geiste eine flüchtige Skulptur zu schaffen. An den Wänden: stilisierte Fahnenmasten, daneben eine Kletterwand. „Ratatataa“, die erste große Einzelausstellung von Özlem Günyol und Mustafa Kunt (bis 12. April), untersucht, wie sich Macht und Zugehörigkeit etwa in Sprache oder Symbolen niederschlagen – präzise, reduziert und politisch. „Widerstand muss nicht laut sein“, betont Florentina Mader.

Viele Arbeiten des Künstlerduos spielen mit der Idee, Monumentales zu verkleinern. Ein Beispiel sind die „Fahnenmasten“: In Baku (Aserbaidschan) beispielsweise wurde ein 191 Meter hoher Mast mit der größten Flagge der Welt errichtet. Im Museum erscheint dieses Monument als feine, 191 Meter lange Linie an der Wand als eine radikale Reduktion. Während die Babys auf einer Spieldecke feine Tücher und bunte Bauklötze erkunden, diskutiert die Gruppe über Machtgesten und nationale Symbole.

Installation: „The Clock“ fasziniert Kinder

Im nächsten Raum dominiert Farbe. Die Videoinstallation „Reds, Yellows & Blues“ zeigt pulsierende Grundfarben. Keine harmlose Farbstudie, sondern politisch aufgeladene Zeichen: Rot kann für Blut und Krieg stehen, Gelb für Sonne oder Wüste, Blau für Himmel und Meer. Die Erwachsenen tauschen Interpretationen aus, während die Krabbelkinder sich eher für die tickende Installation „The Clock“ in der Raummitte begeistern. Während des Rundgangs wird gewickelt, gestillt, in den Schlaf geschunkelt und Fläschchen gegeben. Und dennoch bleibt es erstaunlich ruhig. So entsteht Raum für intensive Gespräche.

Eindrückliches Werk: „But I kept Going“ greift eine Flucht übers Meer auf.
Eindrückliches Werk: »But I kept Going« greift eine Flucht übers Meer auf.

Besonders eindrücklich wirkt die Arbeit „But I Kept Going“. 4768 hauchdünne, horizontale Linien formen ein schimmerndes Panorama, das an einen Horizont erinnert. Ihre Gesamtlänge entspricht acht Meilen. Jener Strecke, die der syrische Schwimmer Ameer Mehtr 2015 auf seiner Fluchtroute von Kusadasi (Türkei) zur griechischen Insel Samos zurücklegte.

Was auffällt: Die Künstler Günyol und Kunt geben mit ihren Werken keine eindeutigen Antworten auf Fragen nach Identität, Repräsentation oder Macht. „Es ist ein leiser Widerstand“, so Mader. Das zeigt sich auch in der Videoinstallation „Prohibited Letters“. Auf weißem Grund flackern Buchstaben, wild, scheinbar spielerisch. Tatsächlich handelt es sich um von türkischen Behörden zensierte Slogans. Für die Babys sind es bewegte Formen, die sie am liebsten greifen möchten. Für die Erwachsenen öffnen sie einen Diskurs über Sprache und Kontrolle. Vielleicht liegt darin die Kraft der Schau: nicht im lauten Dröhnen, das der Titel „Ratatataa“ suggeriert, sondern im beharrlichen, leisen Impuls. Ein Widerstand, der sich nicht aufdrängt, sondern wirkt. Und an diesem Vormittag sogar krabbelnd erkundet wird.

Die „Känguru-Touren“ im Kunstmuseum Karlsruhe (vormals Städtische Galerie) finden einmal im Monat, mittwochs um 11 Uhr, statt und sind schnell ausgebucht. Info und Anmeldung: www.kunstmuseum-karlsruhe.de

Auf „Känguru-Tour“: Florentina Mader im Kunstmuseum.
Auf »Känguru-Tour«: Florentina Mader im Kunstmuseum.
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