Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Schüler mit Hörbeeinträchtigung besser zum Abi kommen

Das Kooperationsgebäude des Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation und des Karolinen-Gymnasiums in Frankenthal: Hörbeeinträc
Das Kooperationsgebäude des Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation und des Karolinen-Gymnasiums in Frankenthal: Hörbeeinträchtigte Schüler sollen hier ein ideales Lernumfeld finden.

In Frankenthal nutzen das Karolinen-Gymnasium sowie das Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation gemeinsam ein neues Kooperationsgebäude. Zwei ganz unterschiedliche Schulen wollen auf diese Weise ihre Raumnot lindern. Und zeigen, wie die Inklusion hörbeeinträchtigter Kinder in Zukunft aussehen könnte.

Hier und da wird noch gewerkelt im Kooperationsgebäude des Karolinen-Gymnasiums (KG) und des benachbarten Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation (PIH) in Frankenthal. Der Geruch nach frischer Farbe und neuen Möbeln hängt noch immer in der Luft, obwohl der Neubau bereits seit Herbst bezogen ist. Hell ist es im Inneren, große Fensterfronten und ein Atrium lassen viel Licht herein – sofern die automatischen Jalousien nicht geschlossen sind. Die Sonnenschutzschirme öffnen sich, sobald jemand den Raum betritt. Eine Lüftungsanlage sorgt für ein angenehmes Raumklima.

Auf rund 3000 barrierefreien Quadratmetern Bruttogeschoßfläche verteilen sich 15 Klassensäle, acht naturwissenschaftliche Fachräume, ein Mehrzweckraum und eine Lehrküche. Es gibt Aufzüge, eine Beschilderung in Blindenschrift und zwei Notrufsysteme, an die jedes Klassenzimmer angeschlossen ist. Paniktüren verwehren Eindringlingen den Zugang zu den Räumen, lassen sich aber jederzeit von innen öffnen. Ein Leitsystem ordnet jedem Stockwerk eine Farbe zu und erleichtert die Orientierung, Schülern und Lehrpersonal ebenso wie Rettungskräften. Damit liegt der Frankenthaler Bau sicherheitstechnisch landesweit ganz vorn.

Eine neue Chance

Der Clou steckt jedoch weder in der Gebäudehülle, noch in der Einrichtung. Er steckt in der Vision, die hinter dem ganzen Projekt steht: hörbeeinträchtigten Kinder den Weg zum Abitur zu erleichtern. „Schülerinnen und Schüler des PIH sollen einfacher aufs KG wechseln können“, sagt Theo Wieder (CDU), Vorsitzender des Bezirksverbandes Pfalz und in dieser Funktion zugleich Bauherr des 14,8 Millionen Euro teuren Vorhabens.

Bisher war es so, dass Kinder mit Hörbehinderungen aus der gesamten Pfalz und aus Rheinhessen ihren Bildungsweg von der Kita bis zum Realschulabschluss im PIH, einer Einrichtung des Bezirksverbandes, absolvieren konnten. Im Anschluss standen ihnen dort zudem etliche Berufsausbildungen offen. Doch sobald sie eine Oberstufe besuchen wollten, mussten Hörbeeinträchtigte das PIH verlassen und auf ein Gymnasium wechseln – das oft nicht auf die Bedürfnisse der neuen Schüler eingestellt war.

Auch künftig, sagt Wieder, werde das PIH selbst keine eigene gymnasiale Oberstufe haben. Dafür seien dessen Schülerzahlen zu gering. Jedoch verfügt nun mit dem KG ein Gymnasium in direkter Nachbarschaft über ein Gebäude, das auf den Unterricht mit hörbeeinträchtigten Kindern ausgerichtet ist: Decken und Wände dämpfen den Schall. Eine Akustikanlage filtert Störgeräusche heraus, so dass Kinder mit Hörhilfen besser dem Lehrstoff folgen können. Zu den Pausen ertönt kein Gong, sondern es erscheint ein optisches Signal. Und weil beide Schulen im selben Gebäude Räume belegen, müssen sich frühere PIH-Schüler nicht erst eingewöhnen. Dadurch, so hoffen die Verantwortlichen, werden es künftig mehr Hörbeeinträchtigte zum Abi schaffen.

Die Größenordnung ist indes überschaubar: „Zwei bis drei Schülerinnen und Schüler“ seien es alle zwei Jahre, die in die Oberstufe des KG wechseln könnten, schätzt PIH-Leiterin Ina Knittel. Was einerseits daran liege, dass es Kinder mit Hörbeeinträchtigungen im Schulbetrieb schwerer hätten, weil sie sich im Unterricht viel mehr konzentrieren müssten. Andererseits wechselten Kinder mit Gymnasialempfehlung oft schon nach der Grundschule vom PIH an ein Gymnasium in Wohnortnähe.

Kombinierte Kompetenzen

Für diese Kinder könnte sich mit dem Kooperationsgebäude eine Alternative zum Gang auf eine Regelschule auftun. „Wir kombinieren fortan die Kompetenz eines vollwertigen Gymnasiums mit der Expertise einer Förderschule“, wirbt Wieder für diesen integrativen Ansatz. Das gebe es in dieser Form kaum, zumindest nicht in Rheinland-Pfalz. Kinder, die an einem entsprechend ausgestatteten Gymnasium ihren Abschluss machen wollten, hätten dies bislang etwa in Freiburg oder Essen tun müssen.

Gleichwohl rechnet niemand damit, dass sich nun Massen an interessierten Schülern nach Frankenthal in Bewegung setzen. „Die meisten Eltern entscheiden sich erfahrungsgemäß für eine nahe Schule“, sagt PIH-Leiterin Ina Knittel. Das erkenne man schon daran, dass in Frankenthal rund 300 Kinder am PIH unterrichtet würden – aber zusätzlich würden rund 400 hörbeeinträchtigte Kinder von Pädagogen des Pfalzinstituts an anderen Schulen begleitet.

Eine weitere Hürde: das Schulrecht. Das KG wird von der Stadt Frankenthal getragen. Auswärtige Kinder, auch hörbeeinträchtigte, müssen demnach prinzipiell hinter den Wünschen der Ortsansässigen zurückstehen. Hier möchte Wieder gemeinsam mit Schulträger und Landesregierung eine Art „Öffnungsklausel“ aushandeln: „Wenn sich zeigen sollte, dass Kinder am KG besser aufgehoben wären als an einem Gymnasium vor Ort, dann sollten sie auch hierher kommen dürfen“, meint Wieder. Dann dürfe im Sinne einer bedarfsgerechten Schule auch die Übernahme der Fahrtkosten kein Hindernis sein.

Karin Reißer-Mahla, stellvertretende Leiterin des rund 1100 Schüler zählenden Karolinen-Gymnasiums, ist zuversichtlich, dass der Frankenthaler Weg viel Potenzial hat: „Derzeit haben wir vier hörbeeinträchtigte Kinder in verschiedenen Jahrgangsstufen. Vorzugsweise deren Klassen haben wir in dem neuen Gebäude untergebracht.“ Es dürften gerne mehr werden.

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