Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Lokführer lernen, Schienensuizide zu verarbeiten

In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 700 Menschen bei Schienensuiziden.
In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 700 Menschen bei Schienensuiziden.

Lokführer, die auf ihrer Strecke einen Suizid erleben, sind nach dem Unfall oft auf Hilfe angewiesen. Ein Pfälzer Lokführer und eine Psychologin berichten.

Es war ein ganz normaler Arbeitstag, an dem die Bilder plötzlich wieder da waren. Lokführer Andreas Zimmer passierte mit seinem Zug einen geschlossenen Bahnübergang in Neustadt, als ein junger Mann über die Gleise lief. „Ich habe gebremst und nur darauf gewartet, dass es knallt“, sagt Zimmer. Es hat nicht geknallt. Doch für den Lokführer aus dem Rhein-Pfalz-Kreis war der Tag gelaufen. Denn der 49-Jährige hat schon einmal gegen seinen Willen mit einem Zug einen Menschen überfahren, der nicht mehr leben wollte. Das ist eineinhalb Jahrzehnte her, und Zimmer hat das gut verarbeitet – aber es gibt Momente, da kommen die Bilder aus jener Nacht in Ludwigshafen-Oggersheim wieder hoch.

Es gibt Zahlen, nach denen jeder Lokführer in seinem Berufsleben zwei oder drei Menschen tötet – die Deutsche Bahn äußert sich zu diesen Angaben bewusst nicht, und auch der Lokführer aus dem Rhein-Pfalz-Kreis will auf solche Zahlen nicht eingehen. Denn Andreas Zimmer, der seit 2004 Lokführer ist und sich als Gewerkschafter und Vertrauensperson für seine Kollegen einsetzt, mag seinen Job. Und er will die Leute nicht abschrecken, diesen Beruf zu erlernen.

Und trotzdem ist der Tod auf den Gleisen ein Thema, das ihn und viele seiner Kollegen betrifft: Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 700 Menschen bei Schienensuiziden, in Rheinland-Pfalz waren es laut Bundespolizei vergangenes Jahr 15 Personen. Zimmer weiß, dass sich die Menschen in für sie ausweglosen Situationen befinden, oft auch krank sind. Aber er würde sich trotzdem wünschen, dass die Entscheidung eines Einzelnen, sein Leben zu beenden, „nicht noch mehr Menschen trifft“.

Lokführer Andreas Zimmer
Lokführer Andreas Zimmer

Die Lokführer haben keine Chance

Der 49-Jährige betont, dass ein Lokführer trotz sofortiger Notbremsung keine Chance habe, wenn er einen Menschen auf den Gleisen sehe: Wenn der Zug mit 100 Stundenkilometern unterwegs sei, betrage der Bremsweg rund 500 Meter. Nach einem solchen Ereignis sei es schwierig, das „Kopfkarussell zu durchbrechen“, also nicht darüber nachzudenken, ob man den Unfall hätte verhindern können, wenn man den Bahnhof eine halbe Minute später verlassen hätte oder drei Stundenkilometer langsamer gefahren wäre. Zimmer weiß, dass solche Grübeleien nirgendwohin führen. Denn der Lokführer hatte in dem Moment überhaupt keine Entscheidungsmöglichkeit.

Sein Arbeitgeber, die Deutsche Bahn, unterstütze die Lokführer nach tödlichen Unfällen, berichtet Zimmer: „Bei der DB Regio ist das gut geregelt.“ Von der Pressestelle des Konzerns heißt es: „Betroffene werden durch betriebliche psychologische Erstbetreuer unterstützt, um die direkt nach der Extremsituation eintretenden Belastungsfolgen und Schocksymptome aufzufangen.“ Und auch für Nachsorge und Wiedereingliederung sei gesorgt. Sollten die Lokführer aufgrund des traumatisierenden Ereignisses und trotz einer Therapie nicht mehr als Lokführer arbeiten können, würden sie dabei unterstützt, innerhalb der DB zu wechseln.

Zimmer bestätigt das – berichtet aber auch, dass es Kollegen gebe, die trotzdem schnell weiterarbeiteten, weil bei einer Lohnfortzahlung die Schichtzulagen wegfallen. Andere würden dem Unfall nicht die Bedeutung beimessen wollen – so nach dem Motto „Es ist doch nichts passiert.“

Hilfe ist wichtig

Zimmer selbst war nach dem Vorfall ein halbes Jahr lang in einer ambulanten psychologischen Behandlung an der BG-Klinik in Ludwigshafen – und empfiehlt auch Kollegen, sich nach solchen Vorfällen Hilfe zu suchen: „Irgendwo muss es raus.“ Im schlimmsten Fall trage man die Belastung mit in die Familie, sagt der Vater eines Sohnes, der bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer Ortsgruppenvorsitzender für den Bezirk Süd-West mit Sitz in Ludwigshafen ist und auf der Südpfalz-Strecke zwischen Neustadt und Karlsruhe fährt.

Dass manche Lokführer eigentlich gar nicht zu einem Psychologen wollen, weiß Monika Weiß. Die Sorge, man müsse bei einem solchen Termin sein ganzes Leben ausbreiten, will die Leiterin der Abteilung für Psychologie an der BG-Klinik in Ludwigshafen den Betroffenen nehmen: „Es geht bei den Gesprächen ausschließlich um das Ereignis.“

Psychologin Monika Weiß
Psychologin Monika Weiß

Die Psychologin unterstreicht, dass es bei der Bahn verschiedene Hilfsangebote für die betroffenen Lokführer gibt, und berichtet, dass sie etwa zwei- bis viermal pro Jahr mit Lokführern zu tun habe, die einen Unfall auf den Gleisen erlebt hätten. Sie empfiehlt den betroffenen Lokführern „wenigstens ein Erstgespräch“, am besten drei Tage nach dem Geschehen.

Aufgabe: Neue Bilder ins Gehirn bringen

Grundsätzlich gebe es drei Punkte, die eine stärkere psychische Reaktion erwarten lassen, sagt sie: „Die Situation ist extrem bedrohlich, der Körper reagiert deutlich darauf und es gibt keine Fluchtmöglichkeit.“ Dies sei bei Lokführern, die einen Unfall erleben, meist der Fall. Die Ärztin schreibt die Betroffenen für gewöhnlich 14 Tage krank und gibt ihnen die Aufgabe, als Ausgleich für die belastende Erfahrung bewusst schöne Dinge zu tun. Es gehe darum, „neue Bilder ins Gehirn zu bringen“, verdeutlicht die Psychologin. „Wenn ich zu Hause sitze und das Ereignis immer wieder Revue passieren lasse, prägt es sich besser ein.“ Und das soll vermieden werden. Gut sei, wenn die Menschen ein Umfeld hätten, das sie unterstütze: „Für die, die allein leben, ist es viel schwieriger“, sagt Weiß.

Die Psychologin trifft die Lokführer eine Woche später und 14 Tage später nochmal – und kann eine weitergehende Behandlung einleiten, falls sich weiterer Bedarf abzeichnet. In den meisten Fällen sei das jedoch nicht der Fall. „Der Großteil der Lokführer berichtet von einem Rückgang der Symptomatik unter den vereinbarten Bedingungen“, sagt Weiß. Einige zeigten danach allerdings die Symptomatik einer Posttraumatischen Belastungsstörung: Nach der als traumatisch erlebten Situation holen den Betroffenen die Erinnerungen immer wieder ein (man nennt das Nachhallerinnerungen), er werde von Alpträumen und Ängsten geplagt.

Das Ziel einer Psychotherapie sei, dass die Erinnerung seltener werde und „nicht mehr so viel mit einem macht“, wie Weiß verdeutlicht. Eine Methode, dies zu erreichen, ist es, gedanklich oder in der Wirklichkeit wieder in die Situation zu gehen, vor der man Angst hat, und sie so lange zu wiederholen, bis es gefühlt langweilig wird: „Das ist ein Zeichen, dass der Körper auf die Situation wieder ruhig reagiert“, erklärt Weiß – und nicht mehr mit Erregung wie Angst oder einem Schweißausbruch. Dies in Eigenregie zu erreichen, sei schwierig, und eine therapeutische Begleitung sei daher wichtig, sagt Weiß. Bei Bedarf unterstütze die gesetzliche Unfallversicherung die Lokführer bei der Vermittlung eines Therapieplatzes.

Immer wieder an den Unfallort gehen

Lokführer Zimmer hat seinerzeit von seinem Psychologen an der BG-Klinik den Rat bekommen, immer wieder an die Unfallstelle zu gehen. „Der Köper reagiert zunächst mit Angst und Übelkeit“, erinnert er sich und erklärt: „Es geht darum, hinzugehen und dem Körper zu signalisieren: Da ist nichts Schlimmes.“

Psychologin Weiß berichtet, dass manche Lokführer schon den Anblick von Oberleitungen nicht mehr ertragen könnten, geschweige denn den von Bahnsteigen. Oder sie fürchten, dass hinter jedem Baum jemand steht, der auf die Gleise springt. Die Psychologin hat deshalb zusammen mit den betroffenen Lokführern schon einige Zeit in Zügen, Straßenbahnen und auf Bahnsteigen verbracht, um diese schrittweise wieder an diese Orte heranzuführen. Sie sagt: „Meine Erfahrung ist, dass es die Lokführer wieder in die Arbeitsfähigkeit schaffen und das, was ihnen passiert ist, als einen Teil des Lebens integrieren können.“ Bei Lokführer Zimmer trifft das zu. Er kennt aber auch Kollegen, die könnten noch nicht einmal mehr in einen Zug einsteigen, um als „normaler Reisender“ mitzufahren oder sich in der Nähe eines Bahnhofs aufhalten.

Für die Lokführer, die im Job bleiben, seien Selfie-Knipser an den Gleisen oder Menschen, die über einen geschlossenen Bahnübergang laufen, jedes Mal wieder eine Herausforderung. Denn sie können die Erinnerungen wieder zurückbringen.

Hinweis

Wer Menschen durch einen Suizid verloren hat, kann in einer Selbsthilfegruppe Unterstützung finden. Mehr über Selbsthilfegruppen in der Pfalz lesen Sie hier.

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