Mainz RHEINPFALZ Plus Artikel Wie der Cannabis-Konsum in Mainz erprobt werden könnte

Inzwischen hat sich die Kiffer-Szene verlagert, die Grünfläche vor der Mainzer Christuskirche heißt im Volksmund dennoch „Haschw
Inzwischen hat sich die Kiffer-Szene verlagert, die Grünfläche vor der Mainzer Christuskirche heißt im Volksmund dennoch »Haschwiese«.

Seit Mai ist klar: Die Stadt Mainz möchte sich als Cannabis-Modellregion bewerben. Sollte sie den Zuschlag erhalten, wird über fünf Jahre der Verkauf des Rauschmittels in lizenzierten Geschäften erprobt. Aber nicht alle finden die Legalisierung gut.

Es ist ein Geruch, den man in Mainz immer wieder wahrnimmt. Etwa beim Gang entlang des Rheins oder im Studentenviertel der Landeshauptstadt. Es riecht rauchig-süßlich, nicht beißend oder aufdringlich, aber markant. Kenner wissen es sofort: Hier wird Cannabis geraucht. Platt ausgedrückt: Da kifft jemand.

So riechen könnte es in näherer Zukunft bald überall in Deutschland. Denn die Bundesregierung möchte Cannabis legalisieren. In Mainz könnte das Rauschmittel zudem in speziellen Geschäften verkauft werden, denn die Landeshauptstadt möchte sich als Cannabis-Modellregion bewerben. Das hat der Stadtrat im Mai auf Antrag von FDP, SDP, Grünen und Linken beschlossen. Sollte Mainz den Zuschlag erhalten, wird über einen Zeitraum von fünf Jahren der Verkauf von Cannabis in staatlich lizenzierten und überwachten Geschäften erprobt. „Cannabis-Konsum gibt es in weiten Teilen der Gesellschaft“, sagt Daniel Köbler. Der 42-Jährige hat die Mainzer Bestrebungen mit voran gebracht, sitzt seit 2004 für die Grünen im Stadtrat, seit 2011 im Landtag und ist außerdem Ortsvorsteher des Stadtteils Oberstadt.

Neun Prozent der Deutschen haben im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert

Laut Bundesgesundheitsministerium haben 4,5 Millionen Deutsche, knapp neun Prozent der Bevölkerung, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert. Niemand sei bislang nachweislich alleine wegen des Konsums gestorben.

Die Modellkommunen sind in den Legalisierungsplänen der Bundesregierung vorgesehen. Pro Monat dürfen laut den Plänen an Über-21-Jährige 50 Gramm des Rauschmittels abgegeben werden, 30 Gramm an 18- bis 21-Jährige. Zudem sollen Volljährige 25 Gramm zum Eigenkonsum straffrei besitzen und bis zu drei Pflanzen privat anbauen dürfen. In nicht-gewinnorientierten Vereinen mit maximal 500 Mitgliedern darf ebenfalls Cannabis zum Eigenkonsum angebaut werden. Ein fertiges Gesetz gibt es bislang noch nicht.

Wird der Schwarzmarkt geschwächt?

Ein Cannabis-Verein gründet sich auch gerade in Mainz. Trotz mehrfacher Kontaktversuche gab es bis Redaktionsschluss keine Rückmeldung seitens des Clubs.

Obwohl Köbler die Legalisierungspläne der Regierung begrüßt, sagt er: „Cannabis ist eine Droge.“ Er begrüßt es daher, dass der Verkauf zunächst unter wissenschaftlicher und medizinischer Aufsicht vonstatten gehen soll. Er erhofft sich von der Legalisierung, dass der Schwarzmarkt geschwächt würde. Der Konsum sei dann sicherer, da die Wahrscheinlichkeit von Verunreinigungen sinke.

Viele Bewerbungen im Rhein-Main-Gebiet

In Kaiserslautern ist eine Entscheidung über eine Bewerbung als Cannabis-Modellregion noch nicht getroffen. Im Rhein-Main-Gebiet möchten sich neben Mainz jeweils auch Darmstadt, Frankfurt und Offenbach am Main bewerben. Für Köbler sind die Mainzer Ambitionen daher nur folgerichtig. Schließlich sei es sinnvoll, wenn mehrere Städte im Rhein-Main-Gebiet den Zuschlag erhalten. „Dann wären wir eine große Modellregion“, sagt er. Unterschiede innerhalb des eng vernetzten Gebiets gäbe es dann nämlich nicht.

Wer nun aber in Rheinland-Pfalz Hals über Kopf in Richtung Landeshauptstadt hetzen möchte, um sich möglichst schnell mit dem grünen Kraut einzudecken, dem sei gesagt: Mehr als beschlossen ist die Bewerbung in Mainz noch nicht. Die Stadt verweist auf Anfrage darauf, dass es zunächst ja einmal das fertige Gesetz seitens des Bundes braucht, um weiter zu planen. Zudem sei noch gar nicht abzusehen, bis wann und wo die Bewerbung abgegeben werden muss.

Polizei-Gewerkschaft sieht Legalisierung kritisch

Bis es so weit ist, erwartet Köbler ein langwieriges Verfahren. „Das ist schließlich rechtliches Neuland“, sagt er. Auch wie es mit der Bewerbung weiter gehe, sei unklar. Köbler geht aber davon aus, dass diese zügig eingereicht werde, sobald das fertige Gesetz steht. Köbler ist sich sicher, dass seine Heimatstadt eine gute Modellkommune abgeben würde.

Etwas skeptischer steht die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Rheinland-Pfalz der Legalisierung gegenüber. Sven Hummel, stellvertretender Landesvorstand, und Philipp Bauer, Kreisgruppenvorsitzender des Landeskriminalamts (LKA), äußern im RHEINPFALZ-Gespräch Bedenken unter anderem in Sachen Jugendschutz.

THC-Gehalt steigt

Zwar ist laut Gesetz-Entwurf die Abgabe von Cannabis an Jugendliche unter 18 Jahren verboten, allerdings könne das etwa hinter privaten Türen nicht verhindert werden, sagen die Polizisten. Problematisch sei dann unter anderem der hohe Gehalt des Cannabis-Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC). „Früher waren wir bei sechs, sieben oder acht Prozent. Jetzt sind wir bei 30 bis 40 Prozent“, berichtet Bauer. Er glaubt nicht an eine Schwächung des Schwarzmarktes. Dieser könnte gerade für Unter-18-Jährige Anlaufstelle werden. An die Minderjährigen dürfte ja dann offiziell kein Cannabis verkauft werden.

Das sei schlecht für die noch wachsenden jugendlichen Gehirne. Nach Angaben der Krankenkasse AOK könne der Cannabis-Konsum bei Jugendlichen unter anderem kognitive Fähigkeiten beeinträchtigen. Dazu zählen etwa die Gedächtnisfunktion oder die Aufmerksamkeit. Zudem störe der Cannabis-Konsum den Umbauprozess des Gehirns. Dieser laufe bis zum 22. Lebensjahr, also bis zu einem Alter, in dem laut Entwurf der Konsum schon erlaubt ist.

Verkehr wird beeinflusst

Bauer und Hummel glauben darüber hinaus nicht, dass sich durch die neue Regelung Geld bei der Polizei einsparen lasse. Neue Herausforderungen kämen auf die Beamten zu, etwa bei Verkehrskontrollen. „Das sieht man in den Ländern, die schon legalisiert haben“, sagt Bauer. Etwa in Kanada oder den Vereinigten Staaten werde der Verkehr durch berauschte Fahrer beeinflusst. „Und dort ist die Verkehrsdichte geringer als bei uns“, fügt der Kreisgruppenvorsitzende an. Zudem müssten die Cannabis-Vereine überprüft werden, die ja die Pflanzen nicht-gewerblich anbauen dürfen. Welche Behörde das übernehmen soll, sei noch unklar.

Daniel Köbler sitzt für die Grünen im Stadtrat und im Landtag.
Daniel Köbler sitzt für die Grünen im Stadtrat und im Landtag.
Die Gewerkschaft der Polizei in Rheinland-Pfalz steht der Legalisierung skeptisch gegenüber.
Die Gewerkschaft der Polizei in Rheinland-Pfalz steht der Legalisierung skeptisch gegenüber.
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