Störche und Klimawandel RHEINPFALZ Plus Artikel Vom Globetrotter zum Nesthocker

Den gefährlichen Flug über die Meerenge von Gibraltar scheuen mittlerweile viele Störche, die sich aus der Pfalz in ihre südlich
Den gefährlichen Flug über die Meerenge von Gibraltar scheuen mittlerweile viele Störche, die sich aus der Pfalz in ihre südlichen Winterquartiere aufmachen. Dadurch verkürzt sich auch die Heimreise zu ihren Nestern, wenn die Brutsaison wieder naht.

Weißstörche gelten als typische Zugvögel mit Winterquartieren in West- und sogar Südafrika. Doch immer mehr Adebare bevorzugen nur noch Kurzstreckenflüge oder bleiben gleich ganz in heimischen Gefilden. Eine Folge des Klimawandels? Wissenschaftler wie Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie haben da ihre Zweifel.

Kaum hat das neue Jahr begonnen, tauchten auch schon die ersten Störche wieder am Himmel über der Rheinebene auf. Zumindest gefühlt kehrten die eindrucksvollen Vögel deutlich früher als noch vor Jahren aus ihren Winterquartieren zurück. Wolfgang Fiedler, Verhaltensbiologe am Max-Planck-Institut (MPI) in Radolfzell (Landkreis Konstanz), verweist bei einem Videovortrag am Bornheimer Storchenzentrum auf Langzeit-Untersuchungen in Ostpolen. Danach trafen dort die Adebare über einen Beobachtungszeitraum von 1983 bis 2002 hinweg im Durchschnitt zehn Tage früher ein.

Dieses Phänomen ist bei Zugvögeln nicht ungewöhnlich. Frühere Ankunft in Brutgebieten, verlängerte Brutzeiten oder gar das völlige Ausbleiben des Reisefiebers sind festzustellen. Die Vermutung liegt nahe, dass solche Verhaltens-Änderungen Folgen des Klimawandels sein könnten. Mehlschwalben etwa kehren inzwischen durchschnittlich zehn Tage früher aus Nordafrika nach Deutschland zurück als noch vor 30 Jahren.

Viele Arten breiten sich nordwärts aus

Zudem hat eine über mehrere Jahrzehnte angelegte Untersuchung nach Fiedlers Worten ergeben, dass in Großbritannien 59 Vogelarten ihre Brutgebiete um einen Kilometer pro Jahr nach Norden ausgedehnt haben. Andererseits tauchen wärmeliebende Arten wie der farbenfrohe Bienenfresser in immer größerer Anzahl in Deutschland auf. Selbst so „exotische“ Zuwanderer wie der Halsbandsittich überstehen inzwischen hierzulande die Wintermonate problemlos.

Manche heimische Art muss dagegen Federn lassen. So zum Beispiel der Kuckuck. Er bevorzugt Fernreisen, seine Winterquartiere liegen südlich der Sahara und in Zentralafrika. Seine innere Uhr ist so eingestellt, dass er Mitte April bis Anfang Mai nach Deutschland zurückkehrt. Wenn der Kuckuck anderen Singvogelarten seine Eier unterjubeln möchte, haben die aber inzwischen selbst schon mit der Brut begonnen und erkennen deshalb den Betrugsversuch. Denn sie kehren oft früher aus dem Süden zurück. Und die innere Uhr des Kuckuck müsste folglich neu gestellt werden.

Es gibt also offensichtlich Klimawandelgewinner und -verlierer. Ohne Zweifel befinden sich die Weißstörche seit längerem auf einer Gewinnerstraße: Zwischen Anfang der 70er und Mitte der 80er Jahre waren sie in Rheinland-Pfalz ausgestorben. Doch seit etwa 2007 registriert die Aktion Pfalzstorch steile Zuwachsraten. 359 Brutpaare wurden im vergangenen Jahr allein in der Pfalz gezählt.

Viele Westzieher sparen sich den Flug übers Meer

Doch Wolfgang Fiedler winkt ab: „Das ist noch kein Beweis, ob beim Weißstorch ein Zusammenhang mit dem Klimawandel besteht.“ Zwar gibt es Indizien, die das nahe legen. So die bereits erwähnte frühere Rückkehrzeit aus den Winterquartieren. Auch hat sich der Zeitraum, in dem der Storchennachwuchs das richtige Alter zum Beringen erreicht hat, seit den 80er Jahren von 48 auf 90 Tagen fast verdoppelt, was auf ausgedehnte Brutzeiten hindeutet. Und vor allem bei jenen Störchen, die im Spätsommer auf Südwestkurs gehen, häufen sich auffällige Verhaltensveränderungen. Sie sparen sich den ebenso kräftezehrenden wie riskanten Flug über die Meerenge von Gibraltar nach Afrika und überwintern in Spanien oder Frankreich. Und in Oberschwaben wächst nach den Worten des Radolfzeller Wissenschaftlers sogar die Fraktion jener Adebare, die es daheim am schönsten finden. In Rheinland-Pfalz ist diese Nesthocker-Neigung allerdings nicht in gleichem Maße zu beobachten.

Doch gerade beim Weißstorch spielen noch andere Faktoren als der Klimawandel eine bedeutende Rolle. In Baden-Württemberg, dem Elsaß und Rheinland-Pfalz wird seine Wiederansiedlung seit Jahrzehnten durch Eingriffe des Menschen massiv gefördert. So wurden Störche durch künstliche Nester zum Bleiben verführt, wurden Lebensraum und Nahrungsangebot storchenfreundlicher gestaltet. Beispielsweise finden Adebare durch die Bewässerung der südpfälzischen Queichwiesen einen reichlich gedeckten Tisch vor. Auch bemühten sich Energieversorgungsunternehmen, die Gefahren des Stromschlages an Leitungsmasten zu verringern.

Die Anziehungskraft von Mülldeponien

Die anstrengende Fernreise bis zum Binnendelta des Niger im westafrikanischen Mali ist auch deshalb nicht mehr so verlockend, weil es auf dem Weg dorthin weitaus bequemer zu erreichende Futterquellen gibt. Beispielsweise die Reisfelder, die in Südeuropa vielerorts angelegt wurden. Dort hat sich eine aus Nordamerika eingeschleppte Krebsart ausgebreitet, die den Speisezettel der Störche bereichert. Und vor allem sind es riesige Müllkippen, die mit ihrem Nahrungsangebot auf Adebare unwiderstehlich wirken. Allerdings verbunden mit dem Risiko, dass die Vögel versehentlich Kunststoffreste verschlucken und elend zugrunde gehen.

„Wir wissen nicht, ob und inwieweit der Klimawandel bei den Weißstörchen eine Rolle spielt“, lautet daher Fiedlers Fazit. Angesichts der vielen Einflussfaktoren, die auf diese Vögel einwirken, könnten sie jedenfalls nicht als Paradebeispiel für dessen Folgen herangezogen werden.

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