Ramstein RHEINPFALZ Plus Artikel Teddybär aus den Trümmern: Ein US- Feuerwehrmann erinnert in der Pfalz an 9/11

Der pensionierte New Yorker Feuerwehrmann Robert Trippodo (61, l.) mit seinem Sohn Dominic (22), der nun in seine Fußstapfen tri
Der pensionierte New Yorker Feuerwehrmann Robert Trippodo (61, l.) mit seinem Sohn Dominic (22), der nun in seine Fußstapfen tritt.

Feuerwehrmann Robert Trippodo suchte nach dem Anschlag auf das World Trade Center nach Überlebenden und Toten. Jetzt spricht er über seine Erlebnisse vom 11. September 2001.

Es ist, als hätte der Himmel nur auf seinen Auftritt gewartet: Um kurz nach 7 Uhr tritt Robert Trippodo (61) in glattgebügelter Uniform, polierten Stiefeln und gerade sitzendem Hut ans Rednerpult. Da ergießt sich über der Air Base Ramstein (Kreis Kaiserslautern) ein Regenschauer. Doch die anwesenden Soldaten und Würdenträger rühren sich keinen Millimeter. Und während der Regen die Uniformen der Soldaten – fast allesamt in Tarnfleck – durchnässt, beginnt Robert Trippodo zu sprechen. Ruhig, aber sichtlich angefasst trägt er vor, was er vor 24 Jahren erlebt hat. Immer wieder stockt ihm die Stimme, als er das Erlebte schildert.

Robert Trippodo lebt mit seiner Familie im US-Bundesstaat Connecticut und war sein Leben lang Feuerwehrmann. Sein Sohn Dominic (22) dient seit einem Jahr auf dem Stützpunkt Ramstein als Angehöriger der Luftwaffe ebenfalls als Feuerwehrmann. So kam es dazu, dass die Air Base Trippodo Senior zu ihrem jährlichen 9/11-Gedenken einlud. Am Morgen des 11. September steht Vater Trippodo vor Hunderten Soldaten auf dem Pfälzer Luftwaffenstützpunkt Ramstein und berichtet von jenem Tag, der wie er sagt, sein Leben für immer verändern sollte.

„Ich muss mein Mädchen finden!“

„Ich war nicht im Dienst“, beginnt Trippodo. Am Morgen des 11. Septembers 2001 habe er gegen 9 Uhr einen seiner Söhne in den örtlichen Kirchenverein gebracht. Dann habe ihn seine Schwester angerufen: Er solle die Nachrichten einschalten. Da war schon das erste Flugzeug in den Nord-Turm des World Trade Centers geflogen. „Wir haben den Rauch von Connecticut aus gesehen“, erinnert sich Trippodo.

Er selbst war mit seiner Einheit nicht direkt am Tag des Anschlags an „Ground Zero“. So nennen die Amerikaner den Ort, an denen über Jahrzehnte die Türme des World Trade Centers standen und in die an jenem Morgen zwei von Terroristen gekaperte Flugzeuge flogen. Die Bilder gingen um die Welt. Die brennenden Türme, Menschen, die in ihrer Verzweiflung aus den obersten Stockwerken sprangen, die in sich zusammenstürzenden Gebäude, Wolken aus Rauch und Asche sowie die Berge aus Schutt.

Trippodo und seine Einheit kamen zwei Tage später an, um zu helfen. Um die Schuttberge zu räumen und nach möglichen Überlebenden und Toten zu suchen. Vorher hatte man sie schlicht nicht durchgelassen in das „Kriegsgebiet“, wie er es nennt. Was er dann erlebte, habe sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Die Überreste eines menschlichen Körpers – ohne Beine, ohne Arme und ohne Gesicht. „Ich sehe ihn heute noch, wenn ich die Augen schließe“, sagt Trippodo und ihm versagt die Stimme. Oder sein Kollege, der sich mit den bloßen Händen durch den Schutt grub, weil seine Verlobte unter den Trümmern begraben war („I gotta find my girl!“ – „Ich muss mein Mädchen finden!“). „Er hat bis Dezember gegraben, bis er ihre Leiche gefunden hatte“, so Trippodo weiter. Da war aus dem Berg längst eine Grube geworden. So tief hatten die Rettungskräfte nach den Opfern gesucht.

Viele Feuerwehrmänner starben an Spätfolgen

Zwei Tage arbeitete der Feuerwehrmann aus Connecticut ununterbrochen in den Trümmern von Ground Zero. „Ich war wütend, traurig und taub“, so beschreibt Trippodo die Zeit in den Trümmern. Nichts sei übrig geblieben, was an Menschen hätte erinnern können, sagt er. Keine Möbel, keine Fotos, einfach nichts. Alles sei durch die Hitze des Feuers zu einer toxischen Asche pulverisiert worden, die in der Folge noch weitere Menschen das Leben kostete. „9/11-Lunge“ heißt die Krankheit, an der vor allem viele Feuerwehrmänner von „Ground Zero“ erkrankten. Einer seiner Kollegen sei daran gestorben, sagt Trippodo. 2004 sei das schon gewesen. Ein anderer Kollege verstarb Jahre später an Bauchspeicheldrüsenkrebs, vermutlich verursacht durch die giftigen Partikel, die die Feuerwehrmänner teils wochenlang einatmeten. Neben den knapp 3000 Opfern des Anschlags sind über 340 Feuerwehrleute unmittelbar oder an den Spätfolgen der Rettungseinsätze verstorben.

Diesen roten Teddybären fand Trippodo in den Trümmern von Ground Zero.
Diesen roten Teddybären fand Trippodo in den Trümmern von Ground Zero.

Doch zwischen all dem Schutt, all dem Tod, der Wut und Trauer habe er diesen einen hoffnungsvollen Moment gehabt, den er nie vergessen werde. „Ich schaufelte in der Nacht Trümmer. Und plötzlich saß da dieser rote Teddybär auf einem der Trümmer.“ Der Teddybär sieht noch immer aus wie neu. „Top of the World“ steht auf ihm gestickt. Wahrscheinlich stammt er aus dem Souvenirshop des World Trade Centers und überstand aus einem unerfindlichen Grund das Inferno. Trippodo steckte ihn ein und nahm ihn mit nach Hause. Jetzt hat er den Teddybären mit ins verregnete Ramstein gebracht – wie eine Mahnung an das, was er und seine Kollegen am Ground Zero erlebten. Denn es vergehe nicht ein Jahr, in dem kein Feuerwehrmann von damals beerdigt werden müsse, sagt der inzwischen pensionierte Trippodo. Viele von ihnen litten noch heute körperlich und seelisch an den Folgen des Anschlags.

Er telefoniere jedes Jahr am 11. September mit seinen alten Kameraden. Und es vergehe kein Jahr, in dem er nicht an diesem Tag weinen müsse, sagt Trippodo und hält sich an diesem roten Teddybären fest. „Wir werden niemals vergessen.“

Robert Trippodo und sein Sohn Dominic umringt von Feuerwehrmännern der Luftstreitkräfte auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein.
Robert Trippodo und sein Sohn Dominic umringt von Feuerwehrmännern der Luftstreitkräfte auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein.
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