MAINZ / NEUSTADT RHEINPFALZ Plus Artikel Sorgen um Gemüseernte in der Pfalz

Für die Spargelernte werden dringend noch Helfer gebraucht.
Für die Spargelernte werden dringend noch Helfer gebraucht.

Auf Pfälzer Äckern gedeiht jede Menge Frühlingsgemüse. Bisher kann der Appetit der Verbraucher darauf ausreichend gestillt werden. Doch das könnte sich vielleicht ändern, wenn die Situation in der Landwirtschaft sich nicht bessert. Denn nicht nur für die Ernte mangelt es infolge der Corona-Krise an den dringend benötigten ausländischen Saisonkräften.

Rund 100 Saisonhelfer braucht der Neustadter Landwirtschaftsbetrieb Quartier Christ für die nun beginnende Zeit der Spargelernte, gekommen sind aber nur acht. Notgedrungen pausiert er nun damit. Ein drastisches Beispiel, das verdeutlicht, wie belastend die Personalprobleme sind, mit denen die heimische Landwirtschaft derzeit zu kämpfen hat. Auf verschiedene Weise bemüht man sich, Wege aus der Misere zu finden. Für Lichtblicke sorgen dabei auch Hilfsangebote von Menschen aus anderen Branchen.

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie setze er sich „mit Hochdruck dafür ein, dass die Produktion von regionalen Lebensmitteln trotz Restriktionen aufrechterhalten werden kann“, versichert der Bauern- und Winzerverband (BWV) Rheinland-Pfalz Süd grundsätzlich. Dabei sei die Sicherung des Einsatzes ausländischer Saisonarbeitskräfte in den Betrieben mit Anbau von besonders arbeitsintensiven Kulturen momentan vorrangig.

Mehr als 40.000 Helfer werden benötigt

Der Bedarf an solcher Unterstützung ist groß: In Rheinland-Pfalz werden vor allem für den Gemüse-, Obst- und Weinbau jährlich mehr als 40.000 Saisonhelfer benötigt. Die meisten von ihnen kommen seit Jahren aus Rumänien, gefolgt von Polen, die zuvor lange die größte Gruppe unter den Vertretern der verschiedenen Herkunftsländer gestellt hatten.

Warum es jetzt an solchen Arbeitskräften fehlt, dafür führt BWV-Sprecher Andreas Köhr zwei Gründe an: Zum einen würden Personen aus Rumänien, die gerne kommen möchten, derzeit an den Grenzen zu Ungarn an der Durchreise gehindert. Zum anderen wollten viele derzeit nicht gerne nach Deutschland reisen „aus berechtigter Sorge“ wegen der Virusgefahr oder weil sie Bedenken haben, dass ihnen die Rückreise erschwert oder verwehrt werden könnte oder sie daheim vielleicht erstmal in Quarantäne müssten.

Benötigt werden Saisonarbeiter jetzt und in nächster Zeit nicht nur vor allem für die Ernte von Spargel, anderen Gemüsesorten und Erdbeeren, sondern zudem fürs Auspflanzen. Zum Spargelstechen sei bisher nur ein kleiner Teil der derzeit benötigten Helfer angereist. Und mit steigenden Temperaturen werde der Bedarf an Saisonarbeitskräften insgesamt weiter wachsen. BWV-Präsident Eberhard Hartelt fordert daher „schnellstmöglich Lösungen für den akuten personellen Mangel in den Betrieben“. Eine Einreise von Saisonhelfern aus Polen und Rumänien müsse durch Regelungen auf EU-Ebene oder bilaterale Absprachen gesichert werden. Dabei seien unbürokratische und kreative Lösungen gefragt.

Lockern von Vorgaben gefordert

Wie Köhr weiter erklärt, trägt der BWV mit, dass sich der Deutsche Bauernverband bei der Bundesregierung für eine ausnahmsweise Lockerung bei Vorgaben zur Arbeitszeit sowie bei der zeitlichen Befristung sozialversicherungsfreier Arbeitsverhältnisse einsetzt. Solche seien derzeit für Arbeitnehmer aus anderen Ländern nur bis zu 70 Tagen erlaubt.

Was die Einreise nach Deutschland anbelangt, scheine die grundsätzliche Frage, ob Saisonarbeitskräfte auch als Pendler gelten, inzwischen geklärt. Köhr verweist dazu auf eine Verlautbarung des Bundesinnenministeriums. Demnach sind grenzüberschreitende Reisen aus „berufsbedingten Gründen oder zur Ausübung einer Berufstätigkeit zur Durchführung von Vertragsleistungen“ zulässig. Genannt werden dabei neben Berufspendlern unter anderem Saisonarbeitnehmer. Wobei zum Beleg geeignete Unterlagen wie Arbeitsverträge mitzuführen sind. Die deutsche Grenze sollte also „kein Hindernis mehr sein für die Einreise von Saisonarbeitern - unabhängig davon, ob sie per Flugzeug oder auf dem Landweg erreicht wird“, sagte Köhr am Freitag. Allerdings änderten sich die Situation und Informationslage ständig.

Probleme bei Einreise

In der Praxis gibt oder gab es zumindest diese Woche indes noch Probleme und Verwirrung in Sachen Einreise. Auch der Neustadter Spargelspezialist Ralf Christ, in dessen Betrieb das Stangengemüse auf rund 77 Hektar angebaut wird, kann ein Lied davon singen. Die Lage ist demnach unklar, zudem würde bezüglich der Vorgaben teils auch unterschiedlich verfahren. Christ hatte für 24 rumänische Saisonkräfte für diesen Donnerstag Linienflüge von Bukarest nach Frankfurt gebucht. Doch morgens erfuhr er zu seinem Verdruss, dass es keinen Sinn machen würde, den Flug anzutreten: Die Einreise in Frankfurt werde – trotz Vorlage der Arbeitsverträge - nicht genehmigt, teilte ihm die Fluggesellschaft mit, wie er erzählt. Bei einem Anruf bei der Bundespolizei sei ihm das bestätigt worden. Doch habe er von anderen Fällen erfahren, wonach Saisonarbeitnehmer in Memmingen und Frankfurt-Hahn einreisen durften.

Inzwischen hätten 92 der erwarteten 100 ausländischen Saisonkräfte abgesagt aus Angst vor dem Coronavirus und vor allem vor eventuellem Quarantäne-Zwang, schildert Christ die extreme Personalnot. Nicht nur deshalb hat sich der Neustadter Betrieb nun entschlossen, die frisch gestartete Spargelsaison zu unterbrechen. Sondern angesichts der „Dynamik, die das Coronaproblem weiter entwickelt“, auch aus Verantwortung seinen Mitarbeitern gegenüber. Man hoffe, Ende April, Anfang Mai die Saison wieder aufnehmen und wenigstens die späteren Spargelsorten ernten zu können.

Bauernpräsident Hartelt geht davon aus, „dass der Bedarf an ausländischen Saisonarbeitskräften selbst bei freiem Personenverkehr nicht vollständig gedeckt“ werden könnte. Daher sollten auch alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um eingereiste Saisonhelfer flexibel einsetzen zu können. Zudem müsse die Beschäftigung von Personen aus anderen Branchen in der Landwirtschaft vereinfacht werden, so Hartelt.

Erfahrene Kräfte werden benötigt

Köhr weiß, dass einzelne Betriebe sich bei der Suche nach Saisonkräften bereits zum Beispiel an Gastronomie-Betriebe oder an Reinigungsfirmen wenden. Beim Quartier Christ hatten sich ihrerseits schon viele Leute aus der Gastronomie beworben, wie Ralf Christ berichtet - darunter auch Kunden. Doch in seinem Hof ist das Problem, dass die im Umgang mit Spargel versierten Saisonkräfte nicht so einfach ersetzt werden können, einfach zu groß. Man freue sich sehr über die Hilfsbereitschaft und sei dankbar dafür. Aber man müsse sehen, wen man wofür einsetzen kann: „Man kann leider nicht jeden, der sich meldet, auf den Acker stellen.“ Und auch arbeitsrechtliche Fragen gelte es zu klären.

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