Interview
Protestanten: „30 Prozent kirchlicher Gebäude aufgeben“
Die Synode will, dass die pfälzische Landeskirche bis 2035 klimaneutral wird. Wie soll das gehen bei der Vielzahl an Kirchen, Pfarrhäusern und Gemeindezentren, die klimagerecht saniert werden müssen?
Um die Klimaneutralität zu erreichen sind die Gebäude die größte Baustelle. Immobilien machen etwa drei Viertel der Emissionen aus. Das ist die größte Herausforderung. Ein großer Beitrag ist dabei die gemeinsame Nutzung mit Kommunen oder Katholiken und der Abbau von Gebäuden.
Andere Landeskirchen haben errechnet, dass 35 bis 65 Prozent der Gebäuden aufgegeben werden müssten . Wie sieht es in der Pfalz aus?
Die Synode hat beschlossen, dass Kirchenbezirke Konzepte aufstellen sollen, wie sie 30 Prozent ihrer Gebäude bis 2030 aus der Nutzung nehmen. Und zwar so, dass ihr gemeindliches Leben gut aufrechterhalten werden kann.
Welche Vorgaben sollen denn die Gemeinden erhalten beispielsweise für den Einbau einer neuen Heizung?
Geplant ist, dass Kirchengemeinden ab 2023 keine Anlagen mehr einbauen dürfen, die rein fossil betrieben werden, also mit Gas oder Öl. Es muss ein regenerativer Anteil von mindestens 25 Prozent bei der Heizung mit eingeplant werden.
Wie soll dieser Anteil erreicht werden?
Ein regenerativer Anteil kann erreicht werden durch Wärmepumpe, Pelletanlage oder durch Fernwärme, wie das in evangelischen Kirchengemeinden in Ludwigshafen, Kaiserslautern und Pirmasens schon geschieht. Über die Strategie zum Klimaschutz wird die Landessynode dann im Frühjahr 2023 entscheiden.
Wer soll das alles zahlen?
Klimaschutz kostet nicht nur, Klimaschutz spart auch Geld. Durch das Energiemanagement haben viele Kirchengemeinden schon Betriebskosten eingespart. Zunächst muss investiert werden. Ja. Klimaschutz ist nicht umsonst, aber man muss das Geld zielgerichtet und effizient einsetzen. Deshalb muss man sich vor jeder Baumaßname fragen, ist diese Sanierung wirklich zukunftsfähig, wird das Gebäude langfristig erhalten und ist das Geld dort richtig angelegt.
Was macht eine Gemeinde, die auf ihrer denkmalgeschützten Kirche keine Photovoltaikanlage anbringen kann?
Denkmalschutz schließt Solaranlagen nicht grundsätzlich aus. Oder die Gemeinde kann eine Photovoltaikanlage auf dem Kindergartendach errichten. Und die Gemeinde könnte ihre Kirche sparsam heizen, zum Beispiel durch Strahler unter den Bänken oder beheizte Sitzauflagen. Das ist mit wenig Energieaufwand möglich.
Gibt es denn Gemeinden in der pfälzischen Landeskirche, die beim Klimaschutz etwas vorzuweisen haben?
Es gibt viele Kirchengemeinden, die ihren CO2-Ausstoß schon erheblich reduziert haben. Einige haben ihn durch geringe Maßnahmen um die Hälfte heruntergeschraubt. Und es gibt Gemeinden wie die in Neuhofen, die schon klimaneutral wirtschaften.
Wie funktioniert dies dort?
Sie haben drei Gebäude zu einem Wärmenetz zusammengeschlossen und beheizen dies mit Solarthermie und Pellets. Die Anlage ist auf der denkmalgeschützten Kirche angebracht, die Stromversorgung wird teilweise durch die Photovoltaikanlage auf dem Gemeindehaus sichergestellt. Der Kircheninnenraum wurde saniert, damit er auch für nicht-kirchliche Veranstaltungen genutzt werden kann.
Aus der Synode kam der Vorschlag, als Landeskirche ein 3 Megawatt-Windrad zu bauen. Damit wäre man auf einen Schlag klimaneutral. Was halten Sie davon?
Die Investition ist als zusätzliche Maßnahme zu begrüßen, aber sie entbindet nicht, den eigenen Energieverbrauch möglichst zu reduzieren. Klimaschutz heute kann nicht mehr heißen, dass wir uns zwischen unterschiedlichen Maßnahmen entscheiden, sondern dass jede und jeder versucht, das Mögliche zu tun. Und dabei geht es nicht nur um technischen Klimaschutz, sondern auch um Genügsamkeit. Es geht darum, wie wir unser Wohlstandsniveau etwas zurücknehmen können, so dass in Zukunft die Menschen auch noch gut leben können.
Zur Person
Sibylle Wiesemann (45) ist Diplomingenieurin für Raum- und Umweltplanung und Umweltbeauftragte der pfälzischen Landeskirche. Und, wie sie sagt, immer schon ohne Auto in der Pfalz unterwegs.