Schule und Corona
Probleme im Unterricht: Risikofaktor Armut
Eigentlich ist es ein Gleichnis, das Axel Geier da erzählt. Eine wahre Geschichte ist es trotzdem: Es gibt also diese Familie aus der Ernst-Reuter-Siedlung in Ludwigshafen, schwieriges Pflaster, sozialer Brennpunkt, viele arme Menschen. Die Familie geht essen, bei einem günstigen Italiener, der erste Restaurantbesuch ihres Lebens für die beiden Töchter, 14, 15 Jahre alt. Nach dem Essen fangen die beiden Mädchen an, den Tisch abzuräumen. „Die wollten das Geschirr in die Küche bringen“, erzählt Geier, der Leiter der Evangelischen Jugendfreizeitstätte Gartenstadt, die am Rand der Siedlung liegt. Wahre Geschichte, ein Gleichnis gleichwohl: Wenn deine Eltern selbst nicht wissen, wie’s geht, können sie’s dir auch nicht beibringen. Und jetzt reden wir über Corona, das Bildungssystem und eine Schere, die immer weiter aufgeht.
Die Lernkompetenz ist gesunken
Es gibt eine recht aktuelle Untersuchung des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Technischen Universität Dortmund zum Thema. Demnach ist die Lesekompetenz von Viertklässlern des Jahrgangs 2021 im Vergleich zu Vorjahren deutlich gesunken, es fehlt im Schnitt ein halbes Jahr Unterricht wegen der pandemiebedingten Einschränkungen des Schulbetriebs. Das, was da passiert ist, trifft auf einen Bildungsstand, der sowieso schon stark von der sozialen Herkunft abhängig ist: Kinder aus Familien mit mehr als 100 Büchern konnten und können besser lesen als Kinder aus Familien mit weniger als 100 Büchern. Die „substanziell niedrigere Lesekompetenz als noch vor fünf Jahren“, so die Studie, macht sich also logischerweise verstärkt bei Kindern aus bildungsfernen Familien bemerkbar. „Insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund zeichnet sich tendenziell eine Zunahme der Unterschiede ab“, bilanziert die Untersuchung.
„Ich hab gar keinen Computer“
Was sich da im Querschnitt der Studie mit über 4000 getesteten Grundschülern zeigt – bei Axel Geier schlägt es ganz direkt auf. Die Jugendfreizeitstätte bietet kostenlose Hausaufgabenhilfe an, über 30 Schülern nehmen daran teil, man liegt hier im Einzugsgebiet gleich dreier Grundschulen. Die Sprachkompetenz habe nachgelassen, gerade bei den Kindern, die zu Hause ausschließlich eine Fremdsprache sprechen, das beobachtet Geier durchaus. Und dass Lernmöglichkeiten im Lockdown viel mit der Herkunft zu tun hatten, das ist natürlich auch Geier aufgefallen, er kennt ja seinen Kiez. Bei manchen seiner jungen Kunden hat er nachgefragt, wie’s denn so gehe mit dem Lernen in Zeiten der Pandemie. „Da kam dann die Antwort: Ich hab’ gar keinen Computer“, sagt Geier.
Verfestigte Armut
Zwei, drei Kilometer Luftlinie entfernt sieht’s im Grunde genommen nicht anders aus: „Unsere Befürchtungen haben sich leider bewahrheitet“, sagt Simone Muth, die Leiterin des Emmi-Knauber-Horts, der ebenfalls Hausaufgabenhilfe anbietet. Die Einrichtung liegt am Rand der Blöcke an der Bayreuther Straße – auch ein schwieriges Pflaster, die Stadt bringt dort Menschen unter, die aus ihrer Wohnung geflogen sind. Es ist verfestigte Armut mit jahrzehntelanger Tradition. Tendenziell habe die Krise die ohnehin schon Abgehängten noch weiter abgehängt, sagt Muth, eine Krise, die „,Kinder aus bildungsfernen Familien stärker betroffen“ habe als Sprösslinge aus besser gestellten Milieus. Dass junge Menschen, die in ihrer Familie kaum oder gar kein Deutsch sprechen, ebenfalls abgebaut haben, das beobachtet auch Muth. Und jetzt könnte man das große Heulen und Zähneknirschen beginnen, aber Hoffnungsschimmer gibt’s auch. Einer davon heißt Soraya* (*Namen geändert).
Es gibt auch positive Beispiele
Soraya heißt nicht wirklich so. Dass die junge Frau anonym bleiben möchte, hängt vielleicht auch mit ihrer Herkunft zusammen: Soraya stammt von der Bayreuther Straße – und sie gibt Nachhilfeunterricht im Jugendzentrum an der Ernst-Reuter-Siedlung. Soraya ist angehende Erziehungswissenschaftlerin. „Nach meinem Abitur war’s mir sehr wichtig, hier zu arbeiten“, sagt sie, sie hat als Schülerin selbst die Hausaufgabenbetreuung genutzt. Momentan hilft sie Uma* bei ihrer Deutschaufgabe, und an der hat die Zwölfjährige erkennbar mehr Spaß als an Mathe kurz zuvor, kann man gut verstehen.
Die Aufgabe besteht darin, eine spannende Geschichte weiterzuspinnen: Ein Witwer bekommt von einem mysteriösen Boten ein mysteriöses Paket, mal gucken, was drin ist. „Vielleicht etwas von seiner toten Frau?“, fragt Uma. Ein guter Ansatz, findet Soraya. Es ist nicht alles trist und hoffnungslos, sagt die junge Frau. Es gebe auch viele positive Beispiele, Menschen, die erst seit Kurzem in Deutschland sind und trotzdem gute Sprachkenntnisse haben.
Die Hoffnung ist weiblich
Die Hoffnung ist allerdings tendenziell eher weiblich, nicht nur in der Ernst-Reuter-Siedlung. „Fast alle Mädchen schaffen einen Schulabschluss – viele Jungs fallen raus“, sagt Axel Geier. Einer, der hier die Hausaufgabenhilfe in Anspruch nimmt, geht sogar aufs Gymnasium, „da sind wir immer ganz stolz, wenn wir so jemanden haben“, sagt Geier. Es ist wahrscheinlich die einzige Art, wie sich soziale Spaltung im Bildungssystem nachhaltig lindern lässt: Gleichsam evolutionär, wenn junge Menschen wie Soraya selbst eben jenes Bildungssystem mitprägen.
„Der Lehrerberuf wird im Vergleich zu anderen Berufen eher auch von Personen aus Nicht-Akademiker-Familien ergriffen“, berichtet Kai Maaz, Direktor des DIPF/Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt und Berlin. Generell gelte allerdings, dass die familiären Voraussetzungen einen erheblichen Einfluss auf die Bildungsperspektiven der Schüler haben – womit sich die Frage stellt: „Welche Möglichkeiten haben wir, durch integratives Arbeiten den Schwächeren zu helfen?“, sagt Maaz.
Zur besseren Verzahnung schon vorhandener Angebote rät der Bildungsforscher da zunächst, Beispiel Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche: „In vielen Fällen wird die in der Schule gar nicht diagnostiziert“, sagt Maaz, ein besserer Austausch zwischen Schule und Therapeuten würde nach seiner Meinung weiterhelfen.
Krise als Brennglas
Die Krise insgesamt hat gewirkt wie das oft zitierte Brennglas, das schon vorhandene Defizite nur allzu deutlich macht. Und abgesehen davon fehlt allen Schülerinnen und Schülern etwa ein halbes Jahr – und der Lehrplan läuft trotzdem weiter. Eine Sommerschule zum Aufholen des Stoffs kann da laut Maaz „positive Effekte haben“ – die nach seiner Erkenntnis aber nicht unbedingt nachhaltig wirken müssen. Dazu könnten spezifische Angebote zum Spracherwerb für Kinder mit Migrationshintergrund gerade jetzt durchaus Sinn machen. Der Direktor des Leibniz-Instituts Maaz sitzt auch in der „Ständigen wissenschaftlichen Kommission“, die die Kultusministerkonferenz im vorigen Jahr einberufen hat. Diese Kommission will im Juni zunächst ein Gutachten zum Thema Digitalisierung an den Schulen vorlegen.
Ob irgendjemand darüber hinaus den Vorschlag machen wird, die betroffenen Schüler schlicht ein halbes Jahr länger zur Schule gehen zu lassen, darf bezweifelt werden: Es wäre ein organisatorischer Albtraum und personell wie infrastrukturell kaum zu machen.
Netzwerk der Förderung
Wenigstens mit der Forderung nach einer Vernetzung der Angebote stößt man in Ludwigshafen auf offene Ohren: In der Gartenstadt ist man sowieso Teil eines Förder-Netzwerks nach dem Lockdown wieder im Regelangebot. Auf dem Höhepunkt der Krise gab’s nach der Vollsperrung zeitweise nur Einzelbetreuung.
Gleichwohl: Heute ist wenig los am ersten schöner Frühlingstag seit Langem. Unten spielen einige Buben Billard, oben rätselt Uma weiter, was in dem Paket sein könnte und Axel Geier hat noch eine Geschichte parat: Einer der Besucher hat mal ein Freundschaftsbuch rumgehen lassen, in das die anderen Kinder eintragen sollten, was sie mögen und sich erhoffen. Unter „Berufswunsch“ hat ein Mädchen „Wrestlerin“ eingetragen, da lief wohl gerade eine Serie über Catcherinnen auf Netflix. Zwei Mädchen haben „Hartzlerin“ eingetragen. Ein Gleichnis auch dies, irgendwie, und das stellt die Frage: Wie willst du irgendeine Perspektive entwickeln, wenn deine Eltern keine haben?
Wir setzen uns noch mal zu Soraya, damit das hier nicht gar so trist endet.
Thema: Lernförderung
Das Nachhilfeangebot in der Gartenstadt ist Teil eines Netzwerks mit dem ziemlich sperrigen Namen „Ludwigshafener Stärkungssystem für verbesserte Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf“ – abgekürzt „Lust“. Dabei wird in insgesamt 19 Einrichtungen der Jugendarbeit Hausaufgabenhilfe angeboten – und die bei Bedarf mit Sprachförderung verbunden. Zusätzlich kann eine sozialpädagogische Förderung helfen, beispielsweise Lernschwächen aufzuarbeiten oder soziale Kompetenzen zu fördern. Rund 400 Kinder nehmen das Angebot insgesamt wahr.