Corona-Krise Lippen hinter der Maske: Ein Problem für Gehörlose

Maske ab? Gehörlose und Schwerhörige müssen die Lippenbewegung des Gegenübers sehen, um besser zu verstehen.  Foto: dpa
Maske ab? Gehörlose und Schwerhörige müssen die Lippenbewegung des Gegenübers sehen, um besser zu verstehen.

Masken vorm Gesicht lassen einen mitunter nicht nur wie ein Bankräuber aussehen. Mundschutz ist zurzeit nötig, aber er kann nerven: beim Sprechen und Arbeiten. Und Brillenträgern beschlagen die Gläser. Hörbehinderte Menschen, besonders Gehörlose aber haben mit Maskenträgern ganz andere Probleme.

Markus Schell* schaut Menschen genau auf die Lippen, wenn diese reden. Das hilft ihm zu verstehen, was sein Gehör nicht kann. Und darin ist er sehr gut. Auch ohne Ton kann der Mann aus der Vorderpfalz sogar sehen, ob jemand Deutsch, Englisch oder Spanisch spricht. Vom Mundbild ähnliche Worte wie „Mama“ und „Papa“ oder „Mutter“ und „Butter“ voneinander zu unterscheiden, ist eine Herausforderung.

Schüchtern, aber nicht hilflos

Jetzt, da sich viele ganz legal verhüllen müssen, ist es für ihn mit seiner Behinderung besonders schwer. Von jemandem zu verlangen, ein paar Schritte zurückzutreten, die Maske abzunehmen und dann deutlich das Gesagte zu wiederholen, das traut er sich nicht, erzählt dessen Vater. „Dazu ist er viel zu schüchtern.“ Deshalb begleitet er seinen erwachsenen Sohn jetzt häufiger als sonst. Letztens etwa zum Arzt, als es um einen Gesundheitscheck für dessen Arbeitsplatz ging. In besagter Arztpraxis wäre der gehörlose Mann sicher auf Verständnis gestoßen, hätte er darum gebeten, dass man nach der Untersuchung die Maske abnehme. So war der Vater dabei und half.

Als Markus vier Jahre alt war, bekam er eine Hirnhautentzündung. Und: „Über Nacht war er taub“, sagt der Vater. Damals sei es schwer gewesen, einen Kita-Platz für gehörlose Kinder zu finden. Doch von einer Expertin, die gehörlosen Kindern das Sprechen beibrachte, erfuhr die Familie von einer besonderen Schule: der Schule für Hörsprachbehinderte in Frankenthal. „Sie hatten bundesweit ein ziemlich einmaliges Konzept.“ Statt die Kinder ausschließlich in Gebärdensprache zu unterrichten, hätten sie auch Lautsprache gelernt und vor allem Lippenlesen. Dort hat Markus später die Mittlere Reife gemacht und nach einer Ausbildung zum Buchbinder eine Anstellung gefunden. Lange schon hat er ein Hilfsmittel, ein sogenanntes Cochlea-Implantat, mit dem kann er laute Geräusche wahrnehmen, nicht jedoch hören.

Fenstermasken beschlagen schnell

Für gehörlose und schwerhörige Menschen wurden sogar Masken mit einem Sichtfenster entworfen. Doch die erwiesen sich als wenig tauglich: die Fenster beschlugen. Auch für Schwerhörige, die meist die Gebärdensprache beherrschen, gehört neben der Handbewegung die Mimik und das Mundbild zum Verstehen dazu.

Der Landesbehindertenbeauftragte Matthias Rösch ruft zu gegenseitigem Verständnis auf. Außer der Bitte, mit Distanz die Maske abzunehmen, könnten auch Papier und Stift für die Kommunikation genutzt werden oder die Spracheingabe des Smartphones, rät er. Der Deutsche Gehörlosen-Bund schätzt die Gruppe der Gehörlosen oder Hörgeschädigten in Rheinland-Pfalz auf etwa 6000 bis 8000 und in ganz Deutschland auf rund 80.000 bis 100.000 Personen.

Wo die Kommunikation auch ohne Worte klappt

Markus Schell hat wegen seiner Behinderung selten negative Erlebnisse, sagt der Vater. Aber in der Bahn sei er einmal dumm angemacht worden, weil er etwas nicht verstand. „Die hielten ihn wohl für doof.“ Meist bewegt sich Markus aber im gewohnten Umfeld. Mit dem Bäcker um die Ecke verstehe er sich auch ohne Worte – und trotz Schutzmaske.

* Name von der Redaktion geändert

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