FreundschaFt
Gefangen und geliebt – eine deutsch-französische Geschichte
Jene düstere Zeit brachte auch Freundschaften hervor, die auf keinem offiziellen Papier festgehalten und nicht von Staats- und Regierungschefs auf den Weg gebracht wurden: zum Beispiel jene zwischen dem Ehepaar Ludwig und Erika Siener aus Weyher in der Südpfalz und der Familie Tocqueville-Campart aus der Normandie. Die Freundschaft hält nun schon seit 80 Jahren und überdauerte vier Generationen. Dabei begann sie mitten im Krieg.
Er sollte im Weinbau helfen
Ludwig Siener war vier Jahre alt, als ein Franzose namens Edmond Tocqueville vor der Türschwelle seines elterlichen Hauses in Weyher stand. Tocqueville sollte in den Folgejahren Sieners Mutter beim Weinbau unterstützen. Er tat das nicht etwa, um Geld zu verdienen. Der damals 21-jährige Franzose wurde dazu gezwungen: Er war als Kriegsgefangener nach Deutschland gekommen. Auf welchen Wegen und aus welchen Gründen, das lässt sich heute nicht mehr exakt nachvollziehen. Edmond Tocqueville ist im Jahr 2003 gestorben. Sein Enkel Sandy Campart, den es mit seiner Mutter und seinen Kindern bis heute regelmäßig in die Südpfalz zieht, kennt nur Bruchstücke der Geschichte.
Misslungene Flucht
„Weil der Krieg für ihn aussichtslos erschien, wollte er zunächst nach England flüchten, was aber misslang“, erzählt Sandy Campart der RHEINPFALZ am SONNTAG. „Um nicht eingezogen zu werden, versteckte sich mein Großvater auf dem Bauernhof seines Cousins. Doch er wurde verraten und kam schließlich nach Deutschland.“ Campart, ein junger Mann von schlanker Statur, kann sich gut auf Deutsch verständigen. Die Sprache hat er in der Schule gelernt. Und im Laufe der Jahre erzählte sein Großvater Edmond Tocqueville ihm einiges an Geschichten.
Der Vater starb in Russland
Ludwig Siener dagegen war noch ein Kind, als sein Vater Karl starb. Der Vater fiel 1940 im Krieg. „In Russland“, berichtet der heute 85-Jährige. Seine Mutter Luise habe also Unterstützung bei der Arbeit in den Weinbergen gut gebrauchen können. Die Hilfe von Tocqueville ab 1941 kam zur richtigen Zeit. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie freundlich und lieb er zu mir und meinem Bruder war“, erzählt Ludwig Siener über Edmond Tocqueville. Der Junge habe von dem Franzosen häufig Süßigkeiten bekommen, die diesem wiederum von seiner Familie aus Frankreich zugeschickt worden waren.
Untergebracht im „Schwanen“
Nach der Arbeit in Weyher ging es für Edmond Tocqueville abends zurück nach Rhodt. Dort war er mit Landsleuten in einer Unterkunft namens „Schwanen“ untergebracht, die heute ein Weingut beherbergt. Auch wenn seine Landsleute alle das gleiche Schicksal ereilt hatte, sei Edmond Tocqueville über Nacht nicht in bester Gesellschaft gewesen, erzählt sein Enkel. Zuneigung und Liebe, so sagt er, habe sein Großvater nur im Hause Siener erfahren. Er sei willkommen gewesen, habe mit der Familie am Tisch gesessen, erinnert sich Ludwig Siener – ganz so, wie es auch in manch anderen Familien der Fall war, die einen Kriegsgefangenen beschäftigten. Tocqueville sprach zwar kein Wort Deutsch, die Sieners kein Französisch. „Aber wir haben uns verstanden“, sagt der 85-jährige Ludwig Siener.
Rückkehr in den 1960er-Jahren
Die Jahre vergingen. Als der Krieg endete, reiste auch Tocqueville zurück in die Heimat. Doch er kehrte wieder zurück. Zwanzig Jahre später, Mitte der 1960er-Jahre, ließ er sich erstmals wieder in Weyher blicken. Dieses Mal mit Frau und Töchterchen Maryline an der Hand. Der Familienvater wollte seinen Liebsten den Ort zeigen, an dem er gefangen und willkommen zugleich war. Ludwig Siener, damals mit seiner Frau Erika verheiratet, erinnert sich noch genau an den Tag. Und an die Zeit danach, die von gegenseitigen Besuchen geprägt war. Sie bekamen mit, wie Tocqueville in seiner Heimat vom Bäcker zum Polizisten aufstieg – und wie die Familie größer wurde.
„Hier meine ersten Schritte gelernt“
Denn auch Maryline kam in den Folgejahren mit ihrem Sohn Sandy nach Weyher und tut das bis heute, auch nach dem Tod ihres Vaters. „Hier habe ich meine ersten Schritte gelernt“, berichtet Sandy Campart.
Aus dem kleinen Jungen ist inzwischen ein gestandener Mann geworden, der Vizepräsident der Universität von Caen ist und der jedes Mal 900 Kilometer von Le Mont-Saint-Michel nach Weyher fährt, um in der Südpfalz zur Ruhe zu kommen und die Si eners zu besuchen. Die Südpfalz sei für ihn zu einer zweiten Heimat geworden, erzählt er, und der Kontakt zu dem deutschen Ehepaar bedeute ihm viel. „Die Freundschaft zwischen unseren beiden Familien zeigt, dass auch in schlechten Zeiten etwas Gutes entstehen kann. Auf verbrannter Erde kann später immer noch eine Pflanze wachsen“, sagt Campart.
Sitzbank gestiftet
Der Familienvater hat der Gemeinde Weyher nun eine Sitzbank gestiftet. Sie ist bereits aufgestellt worden, und zwar am östlichen Ortsrand unterhalb der Römerstraße. Von dort hat man einen schönen Blick über die Rheinebene. Das Geschenk sei ein Dank für die Gastfreundschaft der Si eners. „Sie soll gleichzeitig symbolisch dafür stehen, dass Menschen unabhängig von ihrer Herkunft ins Gespräch kommen und bleiben sollen“, sagt Campart.