Reptilienhaltung RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Kobra als Wachhund

Sieht prächtig aus, wird aber schnell zu groß: der Grüne Leguan.
Sieht prächtig aus, wird aber schnell zu groß: der Grüne Leguan.

Über 1000 Tiere werden jedes Jahr ins Landauer Reptilium gebracht. Manchmal sind die Halter mit ihnen überfordert. Oder die Exemplare sind schlicht zu groß geworden für ihre Terrarien. Tierschützer plädieren dafür, exotische Arten aus Privathaushalten zu verbannen. Auch in den Pfälzer Tierheimen wird die Entwicklung kritisch betrachtet.

Uwe Wünstel hat schon viel erlebt. Der Leiter des Wüstenzoos Reptilium wird immer angerufen, wenn es irgendwo brenzlig wird. In bester Erinnerung ist ihm noch eine James-Bond-Aktion in Rheinland-Pfalz, bei dem er mit dem SEK in einer Wohnung anrücken musste. „Rocker hatten Waffen und Kokain in einem Terrarium mit Wasser deponiert“, erzählt er. Bewacht wurde dieses Versteck von zwei Kobras. „Die mussten wir da rausholen.“

Giftiges Getier wieder eingesammelt

Haarig sei auch ein Fall in Baden-Württemberg gewesen, bei dem ein Selbstmörder vor seinem Ableben sämtliche Terrarien geöffnet hatte. „Es wimmelte dort von giftigem Getier, aber das haben wir auch geschafft.“ Bei Wünstel sind auch die beiden Taranteln gelandet, die ein Unbekannter Ende April in ein Heidelberger Tätowierstudio geworfen hatte. Ob er die Giftspinnen nur loswerden wollte oder mit der Arbeit des Tätowierers unzufrieden war, hat die Polizei bislang nicht herausgefunden.

Echte Spezialisten für exotische Arten

Der Leiter des Reptiliums verteufelt die Privathalter dennoch nicht. Der 19-Jährige, dessen Boa ausgebüxt sei, stehe halt in den Schlagzeilen, sei aber ein Einzelfall. „Viele Halter züchten jahrzehntelang zwei, drei Arten und sind echte Spezialisten, die ich auch um Rat frage“, sagt er. Die Mehrheit sei unauffällig und bilde sich regelmäßig weiter. „Diese Leute kennen die Parameter, die erforderlich sind, damit exotische Arten sich in einem Terrarium wohl fühlen.“ Auch Wünstel legt Wert darauf, dass der Artenschutz im Reptilium gewährleistet ist: „Bei der Größe der Terrarien und anderen Voraussetzungen liegen wir weit über den Haltungsrichtlinien.“

Exoten wachsen den Leute über den Kopf

Wünstels Fachwissen ist gefragt. Im Wüstenzoo werden Spaltschildkröten gezüchtet, die entweder ausgewildert oder andere zoologische Einrichtungen weitergegeben werden, um den Genpool der selten gewordenen Tiere zu vergrößern. Aus Privathaushalten kommen vor allem Wasserschildkröten und Riesenschlangen wie Pythons und Boas. Häufig abgegeben werden aber auch Großechsen wie Grüne Leguane. „Die sehen putzig aus, wachsen aber sehr schnell“, sagt der 41-Jährige. „Wenn sich ein vermeintliches Pärchen dann noch als zwei Männchen entpuppt, muss man die trennen. Und dafür fehlt den Leute meist der Platz. “

Hoher Aufwand für die Terrarien

Der Aufwand, der für Reptilien betrieben werden muss, wird laut Wünstel oft unterschätzt. In den Terrarien müsse alles stimmen, die Luftfeuchtigkeit, die Beleuchtung und die Versteckmöglichkeiten. Auch das Füttern sei nicht ohne. Daher sei es wichtig, sich zunächst zu informieren, bevor man sich für eine Tierart entscheide. „Berufstätigen würde ich zum Beispiel Leopardgeckos empfehlen, weil sie abends aktiv sind.“

Tierschützer sehen die Modewelle kritisch

Der Tierschutzbund hat kürzlich den massiven Anstieg des Exotenhandels kritisiert. Bundesweit seien 2020 doppelt so viele Reptilien eingeführt worden als in Vorjahren, hieß es in einer Pressemitteilung. Tierschützer sehen hier eine Modewelle und lehnen die Haltung von Exoten in Privathaushalten als nicht artgerecht ab.

Meldepflicht nur für Krokodile

Eine Meldepflicht nach der Artenschutzverordnung besteht nach Auskunft des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums nur für krokodilartige Reptilien. Hier müssen auch Zu- und Abgänge dokumentiert werden. „Die zuständigen Behörden können die Bestände kontrollieren“, teilt Sprecherin Manuela Ohs auf Anfrage mit. Wie oft das geschieht, ist unklar. Das Ministerium betont aber, dass das Halten von Arten aus tropischen Regionen gute Sachkenntnis erfordert.

Tierheime überfordert von Skorpion und Co.

Christina Heim vom Tierheim Landau ist da anderer Meinung. Ihrer Ansicht nach gehören Reptilien in die freie Wildbahn ihres Herkunftslandes. Dort seien sie besser aufgehoben. „Was wir bekommen, geben wir ans Reptilium oder eine Auffangstation weiter.“ Auch im Tierheim Kaiserslautern ist niemand glücklich, wenn Reptilien dort landen. „Wir haben einige Terrarien und nehmen immer mal wieder Schlangen auf“, sagt Anne Knauber. Vor kurzem habe die Tierrettung jedoch einen Skorpion aufgesammelt. „Da waren wir froh, dass wir den nicht nehmen mussten. Das war schon sehr speziell.“

Kanareneidechsen aus der Post gerettet

Im Tierheim Speyer wurden 2019 42 Kanareneidechsen aufgepäppelt. Sie waren per Post in Baumwollsäckchen eingenäht verschickt und vom Zoll beschlagnahmt worden. „Es handelte sich um einen Wildfang“, erzählt Patrycj Schwarz. „Wir waren echt glücklich, dass die alle überlebt haben und in ihrer Heimat wieder ausgewildert werden konnten.“ Das Tierheim werde immer wieder angerufen von Haltern, die ihre Schlangen loswerden wollten. „Die Leute sagen entweder, dass ihnen die Zeit fehlt oder dass ihre neue Partnerin Angst vor den Tieren hat“, so Schwarz.

Würgeschlangen vegetieren vor sich hin

Barbara Matz vom Ludwigshafener Tierheim hat den Eindruck, dass Reptilien wie Wegwerfgegenstände gehandhabt und auch ausgesetzt werden. Große Würgeschlangen vegetierten oft ihr Leben lang in zu kleinen Terrarien vor ich hin. In Ludwigshafen haben es die Mitarbeiter vermehrt mit Bartagamen zu tun: „Diese Wüstenbewohner sorgen für hohe Stromkosten, was meist unterschätzt wird.“

Fachleute warnen vor Salmonellen

Auch das Landesuntersuchungsamt (LUA) sieht die private Haltung von Reptilien kritisch. Es weist darauf hin, dass solche Tiere in hohem Maße mit Salmonellen besiedelt sind. Diese Bakterien können Menschen mit geschwächtem Immunsystem und Kleinkindern gefährlich werden. „Der direkte Kontakt mit Schlangen und anderen Reptilien sollte vermieden werden“, sagt LUA-Sprecher Achim Ginkel. Er rät den Besitzern, regelmäßig Hände zu waschen und Geräte oder Terrarien nicht dort zu säubern, wo mit Lebensmitteln hantiert werde. Außerdem sollten sich die Tiere nicht frei in der Wohnung bewegen dürfen. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass ein Drittel der Salmonelleninfektionen bei Kleinkindern durch Reptilien hervorgerufen wird. Das LUA hat dazu keine Zahlen.

x