Pfalz
Die Lieblingswiese der Störche als Unesco-Kulturerbe?
Im deutschen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes ist die Wiesenbewässerung an der Queich bereits seit Ende 2019 gelistet. Bei der länderübergreifenden Initiative für die internationale Bewerbung lag die Federführung in den Händen der österreichischen Unesco-Kommission. Neben Deutschland mit den Queichwiesen und einem ähnlichen Projekt in Mittelfranken und Österreich gehören zu den Antragstellern die Schweiz, Italien, Luxemburg, die Niederlande und Belgien. Sie wollen mit ihrem Antrag „Traditionelle Bewässerung in Europa: Wissen, Technik und Organisation“ aufgenommen werden in die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“.
Flutung nach Plan
Hinter den rund 50 Mitgliedern der Südpfälzer Initiative liegt ein langer Weg. „Ein erster Schritt ist es, auf die nationale Liste zu kommen“, sagt Pirmin Hilsendegen, ein pensionierter Lehrer aus Ottersheim (Landkreis Germersheim). Und das ist Ende 2019 gelungen. Die Wiesenbewässerung an der Queich ist ein jahrhundertealter Brauch, der bis ins Mittelalter zurückreicht.
Die Queich ist ein Nebenfluss des Rheins, der von der Quelle in Hauenstein im Kreis Südwestpfalz bis zur Mündung in Germersheim 52 Kilometer lang ist. In sieben Gemeinden von Landau über Offenbach, Ottersheim, Knittelsheim, Bellheim, Hochstadt bis nach Zeiskam werden im Frühjahr nach einem festgelegten Plan entlang des kleinen Flusses landwirtschaftliche Flächen für ein bis drei, vier Tage geflutet. Zu diesem Zweck wird Wasser aus der Queich umgeleitet über Kanäle, die das Wasser auf der einen Seite zuleiten, auf der anderen Seite aber über Entwässerungsgräben auch wieder zurückführen in die Queich. „Das hat vor allem einen landwirtschaftlichen Nutzen, auch wenn die herausragende Bedeutung dieser Kulturtechnik für Flora und Fauna inzwischen erkannt wurde“, unterstreicht Hilsendegen. Zwar sei die Viehwirtschaft, für die die Wiesen zur Futtergewinnung besonders wichtig waren, sehr stark zurückgegangen. Und doch handele es sich nicht um ein reines Naturschutzprojekt. Es sei immer noch ein landwirtschaftliches Instrument.
Die Unterhaltung der Gräben liege zwar in den Händen der Kommunen. Aber um die Wiesen kümmern sich die Bauern. „Und wenn die nicht mähen, sind es ganz schnell keine Wiesen mehr“, sagt der Sprecher der Interessengemeinschaft Queichwiesen, für den es eine Herzensangelegenheit ist, sich um „diese außergewöhnliche Landschaft“ zu kümmern.
Nachdem der Brauch fast eingeschlafen war, ist es gelungen, die Wiesen zu einem Gemeinschaftsprojekt aller betroffenen Gemeinden werden zu lassen. Da nur noch in Offenbach und Ottersheim die Tradition gepflegt worden war, hieß es erst einmal, für die Sache zu werben. Aber durch die Unterstützung des Landes Rheinland-Pfalz und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ist es den Gemeinden gelungen, die Gräben für die Bewässerung wieder herzurichten. Und so findet sich ein rund 400 Hektar großes Areal in der Südpfalz, in dem ein Brauchtum zu bestaunen ist, das vor 100 Jahren noch weit verbreitet in Deutschland war.
Nicht im heißen Sommer
Die Flutungen finden in enger Absprache mit der Abteilung Wasserwirtschaft der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd statt. Die Behörde hatte in den heißen Sommern vor zwei und drei Jahren diese untersagt, weil die Queich zu wenig Wasser hatte. Mit entscheidend für eine breite Zustimmung war das nahe gelegene Storchenzentrum in Bornheim. Die Wiederansiedlung der Zugvögel, die früher in jedem Dorf um Landau zuhause waren, ging Hand in Hand mit dem Betreiben des Bewässerungssystems in den Queichwiesen.
Die traditionelle Bewässerung ist eine gesteuerte Flutung. Die Flächen behalten dadurch ihren Charakter als sogenannte wechselfeuchte Wiesen. Und die sind Heimat seltener Arten, weshalb sie auch zu den Natura-2000-Gebieten gehören, also ein geschützter Lebensraum für Tiere und Pflanzen sind.
Info
- Die Homepage: https://queichwiesen.de
- Buchtipp: Christian Leibundgut/Ingeborg Vonderstrass: Traditionelle Bewässerung – ein Kulturerbe Europas, 2016, Langenthal.