Pfalz
Das erlebt die Wasserschutzpolizei bei ihren Kontrollen auf dem Rhein
„Schon wieder Kontrolle? Ich bin doch kein Krimineller!“ Die Worte, die aus dem Bootsfunk dringen, sind eindeutig: Dieser Kapitän hat überhaupt keine Lust, dass die Wasserschutzpolizei auf sein Güterschiff steigt, um es zu kontrollieren. Das Polizeiboot steuert trotzdem auf das Binnenschiff zu, zwei Polizisten steigen über und werden von zwei großen Hunden angebellt. Ein herzliches Willkommen sieht anders aus. Marco Schubert schreckt weder das Gezeter des Kapitäns noch das Gekläffe der Bord-Hunde: „Früher sind wir öfter angeschrien worden“, sagt der Polizeihauptkommissar und steigt hinauf zum Führerhaus.
Der Schiffsführer hat Stahl aus dem Stahlwerk in Kehl geholt und bringt die Fracht nach Okriftel im Main-Taunus-Kreis, Main-Kilometer 16. Er ist seit 1981 auf dem Wasser, hat – das wird recht schnell klar – in der Zeit viel erlebt und erklärt den Polizisten deshalb, welche schwarzen Rhein-Schafe sie an seiner statt kontrollieren sollten. Nach ein paar Minuten beruhigt er sich, wird beinahe freundlich zu Marco Schubert und seiner Kollegin Heike Tschirner. „Man muss sie immer erst schimpfen lassen“, sagt Schubert später. Soll heißen: geht vorüber. Auf dem Schiff ist alles in Ordnung, es ist ausreichend Besatzung an Bord, die Lenk- und Ruhezeiten werden eingehalten.
Zurück auf dem Polizeiboot trägt Schubert das Kontroll-Ergebnis („keine Beanstandungen“) in den Computer ein. Wie alle Wasserschutzpolizisten hat Schubert (48) seine Laufbahn an Land begonnen – doch da hat es ihn nicht lang gehalten: 2000 hat er bei der „Wapo“ angefangen, heute ist er stellvertretender Dienststellenleiter der Wasserschutzpolizei Ludwigshafen, die aufpasst, dass zwischen Rhein-Kilometer 409 und 464 – heißt: zwischen Otterstadt (Rhein-Pfalz-Kreis) und Eich (Kreis Alzey-Worms) – alles seine Ordnung hat. Schubert sagt: „Der Rhein ist die Hauptwasserstraße in ganz Europa.“ 80 Prozent des Güterverkehrs auf dem Wasser wird über den 1233 Kilometer langen Fluss abgewickelt. Für den Polizisten ist die Binnenschifffahrt ein Segen, auch für die Umwelt: „Ein Schiff kann 550 Container mitnehmen“, sagt Schubert. „Das sind 550 Lkw, die nicht auf der Straße fahren.“
Was ist im Container?
Aber was ist in den Containern drin, die vom Terminal am Ludwigshafener Kaiserwörthhafen in alle Welt verschifft werden? Und vor allem: Ist das alles richtig verpackt? Nicht unbedingt, wie Polizeihauptkommissar Marco Schubert berichtet: „Die meisten Verstöße betreffen die Ladungssicherung.“ Die Beamten öffnen regelmäßig Gefahrgutcontainer und prüfen, ob die Ware richtig deklariert und das Gefahrgut sicher verpackt ist. Und sie achten darauf, dass keine Stoffe nebeneinander liegen, die reagieren, wenn sie aufeinandertreffen. Es ist mitunter schon abenteuerlich, wie das Gefahrgut in den Containern gestapelt ist: Schubert zeigt Fotos von Fässern und IBC-Containern mit Chemikalien, die so schlecht verladen wurden, dass sie aneinandergeklatscht sind und beschädigt wurden. Bevor er bei der Wasserschutzpolizei angefangen habe, habe es solche Überprüfungen nicht gegeben, berichtet Marco Schubert: „Ich habe die Containerkontrollen in Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen.“ Auslöser seien Beschwerden der Kollegen im Hamburger Hafen gewesen: Sie fanden es bedenklich, dass Container aus den Binnenhäfen durch ganz Deutschland transportiert wurden, ohne dass jemand mal einen Blick darauf geworfen hätte.
Die Wasserschutzpolizisten kontrollieren auch den Inhalt von Abfallcontainern, die auf dem Terminal auf ihre Verschiffung warten. Sagen wir so: Es gibt nichts, was es nicht gibt in diesen Containern, wie Fotos beweisen, die Schubert bei den Kontrollen gemacht hat. In Containern, die nach Afrika gehen, sind Autos und Kühlschränke, Kleidung, Reifen, Matratzen, Fahrräder und anderer Kram wild übereinander gestapelt. „Da macht man auf und dann fällt einem die Bratpfanne auf den Helm“, verdeutlicht Schubert die Gefahr, die von dieser Fracht ausgeht. Die Polizisten prüfen, ob es sich wirklich um Abfall handelt oder ob die Ware doch noch als Wirtschaftsgut einzuschätzen ist. Wenn sie sich nicht sicher sind, schicken sie Fotos an ein im Abfallrecht spezialisiertes Unternehmen, dass entscheiden kann, was als Abfall exportiert werden kann und was nicht.
Den Hauptanteil ihrer Arbeit mache die Kontrolle der gewerblichen Schifffahrt aus, dazu gehört auch die Überwachung der Gefahrstofftransporte im Landeshafen Nord bei der BASF, wo täglich Tanker mit brennbaren Flüssigkeiten und Gas anlegen. Und auch im Kaiserwörthhafen laufen Schiffe mit gefährlicher Fracht ein, hier ist ein riesiges Tanklager des Minerölkonzerns Shell.
Probleme mit Kläranlage
Neben der gewerblichen Schifffahrt stehen auch die Sportschifffahrt und die Fahrgastschifffahrt unter der Aufsicht der Wasserschutzpolizei: Während es bei der Sportschifffahrt wenig Probleme gebe, seien bei den Fahrgastschiffen oftmals die Bordkläranlagen ein Schwachpunkt. Die Abwässer – vor allem auch aus den Bord-Wäschereien – flössen dann schlecht geklärt in den Rhein. Dies komme zwar nicht mehr so häufig vor wie in früheren Jahren, sagt Schubert. Aber ganz vom Tisch sei das Thema nicht. Denn manche Kläranlagen seien einfach nicht geeignet, andere würden nicht richtig betrieben. Die Kontrollen hätten einen positiven Effekt, findet Schubert: „Wir haben dazu beigetragen, dass die Abwässer nicht mehr in den Rhein laufen.“
Die Wasserschutzpolizei hat wie fast alle Arbeitgeber in Deutschland ein Nachwuchsproblem: Von den 25 Stellen bei der Ludwigshafener Wasserschutzpolizei sind nur 20 besetzt. „Uns fehlt eine komplette Schicht“, sagt der stellvertretender Dienststellenleiter. Über eine flexible Planung, Schichten mit vier statt fünf Polizisten und Überstunden bekomme man die Personalnot abgefangen. Kann denn kein Polizist vom Land aufs Schiff kommen? Schubert winkt ab. Abgesehen davon, dass dort ja auch Personalknappheit bestehe, bedarf es einer zweijährigen Ausbildung, bis Landpolizisten zu Wasserschutzpolizisten werden.
Raus aus dem Büro
Heike Tschirner hat im Mai damit begonnen. Sie war im Schichtdienst in der Inspektion in Speyer, hat zwei Kinder bekommen und Elternzeit genommen und hat dann, als es um den Wiedereinstieg ging, gemerkt, dass sie etwas anderes machen wollte als Innendienst in der Wache. Ganz einfach sei die Entscheidung, als 33-Jährige noch einmal etwas Neues zu beginnen, nicht gewesen, sagt Tschirner – schließlich bedeute die Ausbildung zur Wasserschutzpolizistin viel Lernerei. Zudem müssen die Azubis drei Monate am Stück an die Wasserschutzpolizeischule nach Hamburg, wo sie rechtliche und technische Grundlagen für den Job lernen. Was, wie ihr Chef Schubert weiß, möglicherweise auch abschreckend wirken könnte.
Und trotzdem: Der Job auf dem Wasser ist für die Polizisten angenehmer als der an Land. Polizeioberkommissar Christian Karl sagt: „Jeder, mit dem man spricht beneidet einen.“ Und trotzdem würden die meisten Kollegen den Schritt dann doch nicht wagen – so von wegen: „Aber für mich ist das nichts.“ Karl hingegen hatte irgendwann genug vom Innendienst, wollte raus aus dem Büro: „Ich war zehn Jahre bei der Kripo in Worms und habe einen Tapetenwechsel gebraucht“, erinnert sich der 42-Jährige, der seit fünf Jahren bei der Wapo ist. Das Arbeiten bei der Wasserschutzpolizei sei konzentrierter, findet er. An Land werde die Polizei gerufen, wenn etwas passiert ist: dauernd Telefon, dauernd fährt man von A nach B, dauernd ist man fremdbestimmt. Als Polizist auf dem Wasser setze man die Schwerpunkte selbst. Und das ist ja grundsätzlich nie verkehrt.
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