PFALZ Armut und Corona: Elend unterm Brennglas

Essen? Nicht garantiert„Jetzt wird klar, welche Bedeutung Angebote wie die Schulspeisung eigentlich haben“, sagt Michael Hamm, L
Essen? Nicht garantiert»Jetzt wird klar, welche Bedeutung Angebote wie die Schulspeisung eigentlich haben«, sagt Michael Hamm, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Laut Landes-Sozialministerium leben gut 78.000 Kinder und Jugendliche im Land in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften, 11 Prozent der Rheinland-Pfälzer unter 18 Jahren. Das Armutsrisiko für die Gruppe liegt bei knapp 21 Prozent.

Armut gab es auch schon vor Corona. Die Krise zwingt allerdings, genauer hinzuschauen. Beispielsweise auf die Situation armer Familien im Ausnahmezustand. Was, wenn die „Tafel“ zu hat und auch noch die Schulspeisung ausfällt?

Es gilt Abstand zu halten zu Frau B. und ihren beiden Mädchen, 1,50 Meter, nicht dass einen das örtliche Ordnungsamt auf dem Supermarkt-Parkplatz arretiert. Frau B. ist trotz Distanz und Schal vor dem Mund gut zu verstehen, ein leichter westpfälzischer Anflug dringt durchs Gewebe. Es geht auf den Ersten zu, „gucken Sie rein“, sagt B. mit Handbewegung zum Einkaufswagen, Tütenbrot, Tütenwurst, Tütenkäse, kein Klopapier. Wird sie klarkommen, Frau B., die man ehrlicherweise deshalb angesprochen hat, weil ihr verbeulter Kleinwagen mutmaßlich 15 Jahre auf dem Chassis hat? „Muss“, sagt Frau B. Die ältere Tochter zieht, die jüngere Tochter schiebt, viel Energie, Kita und Grundschule sind zu. „Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte...“, sagt Frau B., und seufzt durch den Schal.

„Die Krise ist ein Brennglas“

Weises Wort zum Spannungsfeld „Corona“ und „Armut“, gelassen ausgesprochen: „Das, was wir jetzt als Folge der Krise erleben, ist eigentlich nichts Neues“, sagt Michael Hamm, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Rheinland-Pfalz/Saarland, „die Krise ist da eigentlich ein Brennglas.“ Die Krise ist ein Stresstest für die Systeme, die gesundheitspolitischen wie die sozialen. Und die Krise ist, folgt man dem bekannten chinesischen Sprichwort und Jürgen Hundemer, auch eine Chance: „Wir sind an einem Punkt, an dem wir etwas für die Zukunft lernen können“, sagt Hundemer, Vorsitzender der Ehrenamtsbörse „Vehra“ und damit auch Chef der Ludwigshafener Tafel. Die zurzeit geschlossen ist.

Was mitten ins Thema führt.

Brandbrief der „Tafeln“

Welche Auswirkungen die Corona-Krise gerade auf arme Menschen hat, das wird zurzeit bundesweit thematisiert, jüngst in einem Brandbrief des Bundesverbandes der Tafeln: Der macht sich „große Sorgen um die 1,65 Millionen Menschen“, die sich dort regelmäßig versorgen. Etwa die Hälfte der bundesweit rund 950 Tafeln hat aus Gründen des Infektionsschutzes zurzeit geschlossen. Was eine per se schon gebeutelte Klientel trifft: „Fakt ist: Unsere Kunden sind arme Leute“, sagt Hundemer.

Arme ältere Menschen, oft alleinstehend und ohne funktionierendes soziales Netzwerk gehören zur Tafel-Klientel, viele Menschen mit Migrationshintergrund. Und die Ludwigshafener Tafel versorgt „im Regelfall 900 Kinder“, sagt Hundemer. Gerade für Familien in prekären Verhältnissen wirkten sich die Einschränkungen durch die Corona-Krise inklusive Schulschließungen besonders gravierend aus, sagt Michael Hamm vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, und das beträfe schon ganz essenzielle Bedürfnisse: „Jetzt wird klar, welche Bedeutung Angebote wie die Schulspeisung eigentlich haben“, sagt er. Verschärft werde die Situation dann auch noch durch bestimmte Phänomene einer mancherorts irre gewordenen Konsumgesellschaft: „Es werden ja selten die Hochpreisprodukte gehamstert“, sagt Hamm.

Was bringt das „Sozial-Schutzpaket“?

Landesweit versuchen ehrenamtlichen Initiativen zur Nachbarschaftshilfe, die Krisenfolgen wenigstens abzumildern. In Ludwigshafen hat die Caritas eine „Tütenaktion“ ins Leben gerufen, die Lebensmittel für Menschen in prekären Verhältnissen sammeln will. Eine „große Hilfsbereitschaft und vielleicht auch die Chance, sensibler mit dem Thema (Armut, Anmerkung der Redaktion) umzugehen“, erkennt Hundemer – und vielleicht auch den Impuls, Ehrenamt und Hilfsangebote besser zu vernetzen. Was dringend Not tue: „Vor Corona haben wir (die Ludwigshafener Tafel) nichts von anderen Hilfsorganisationen gehört“, sagt er ganz offen.

Die Chance in der Krise zeige sich nicht nur im Ehrenamt, meint Hamm: Beschleunigtes, unbürokratischen staatliches Handeln sei angezeigt, so, wie dies beispielsweise im Bereich der Hilfe für Selbstständige durchaus erfolgreich geschehe. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert die zeitweise Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes um 100 Euro, um die Krisenfolgen wie Tafelschließungen und Ausfall von Schulspeisungen zu kompensieren. Bundesangelegenheit, meint das Landes-Sozialministerium – und verweist auf Anfrage unter anderem auf das „Sozial-Schutzpaket“ des Bundes mit vereinfachtem Zugang zu Kinderzuschlag und Grundsicherung. Auf Landesebene mühe man sich unter anderem um die Stärkung ehrenamtlicher Initiativen – beispielsweise durch die Förderung von Nachbarschafts-Netzwerken.

„Die sozialen Kontakte fehlen“

Die Krise zeitigt nicht nur Folgen im Materiellen: „Das Problem ist noch nicht einmal das Geld“, sagt Gudrun Höfer, eine der Leiterinnen der noch geöffneten Speyerer Tafel, „das Problem ist, dass die sozialen Kontakte fehlen“. Deren Wegbröckeln hat Hundemer schon vor der Kontaktsperre in Echtzeit beobachten können – weil mit der Schließung von Schulen und Kitas viele alleinerziehende Tafel-Helfer und Tafel-Kunden nicht mehr hätten in die Räume an der Bayreuther Straße kommen können.

Es gibt eine weitere Frage, die zurzeit verstärkt diskutiert wird: Ob nämlich der erzwungene Heimunterricht die Bildungslücke zwischen Kindern aus armen und Kindern aus besser gestellten Familien noch vergrößere. „Ich teile diese Befürchtung eindeutig“, sagt Michael Hamm. „Wenn Sie einen Akademikerhaushalt haben, dann fällt es denen leichter, nebenbei noch ein wenig Schule zu machen.“

Nur 1000 Schüler in Notbetreuung

Die Schulaufsichtsbehörde ADD kann auf Nachfrage „nicht gänzlich ausschließen, dass manche Kinder Nachteile erfahren könnten“. Man nehme „diese Sorge deshalb sehr, sehr ernst“ und prüfe zurzeit Möglichkeiten zur besseren Unterstützung der Eltern. Die Notversorgung im Land wird das Problem momentan kaum abmildern können: Gerade 1000 von landesweit 520.000 Schülern befinden sich laut Landes-Bildungsministerium pro Tag in Notbetreuung.

„Tafel“ Ludwigshafen will nach Ostern wieder öffnen

Weises Wort zur Corona-Krise, gelassen ausgesprochen: „Schwierig auf allen Ebenen“, sagt Jürgen Hundemer von „Vehra“. Erste Anzeichen für eine Normalisierung gibt es: Die Ludwigshafener Tafel wird wahrscheinlich nach Ostern wieder öffnen, mit kontaktloser Lebensmittelausgabe, vielleicht mit Hilfe des Ludwigshafener Ordnungsamts vor Ort. Weises Wort zum Abschluss: „Wir sollten die Krise nutzen, um noch einmal über gesamtgesellschaftliche Solidarität nachzudenken“, meint Hamm.

Hat bei Frau B. eigentlich mal jemand aus der Nachbarschaft angefragt, ob er helfen kann? „Hä?“, fragt Frau B., „nee“. Frau B. seufzt durch den Schal.

Coronavirus: Die aktuelle Entwicklung im Live-Blog

x