Alte Riesen Als der Kurfürst scheiterte: Letzter Zeuge eines ehrgeizigen Projekts

Aus kurfürstlichen Zeiten erhalten blieb dieser Weiße Maulbeerbaum in Wachenheim.
Aus kurfürstlichen Zeiten erhalten blieb dieser Weiße Maulbeerbaum in Wachenheim.

In Wachenheim steht ein alter, knorriger Maulbeerbaum. Einst wurden Tausende von Maulbeerbäumen in der Region gepflanzt, um die Seidenproduktion voranzubringen.

Rund 250 Jahre alt ist der Weiße Maulbeerbaum neben dem Haupteingang des jüdischen Friedhofs in Wachenheim im Kreis Bad Dürkheim. Damit stammt er aus jenen Zeiten, in denen man von der ausländischen Seidenherstellung unabhängig werden wollte: „Der Baum blieb als eines der wenigen Relikte damaliger Anpflanzungen erhalten“, sagt Philipp Eisenbarth, Obstbaumkenner aus Bad Dürkheim.

Für die Seidengewinnung werden die Gespinste von Seidenraupen benötigt. Diese Larven sind auf die Blätter des Weißen Maulbeerbaums spezialisiert. Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz (1724 bis 1799), ein vielseitig interessierter Förderer von Kunst und Wissenschaft, ergriff besonders autoritäre Maßnahmen, um die Seidenraupenzucht zu fördern. Seinem Hofkammerrat erteilte er die Weisung, in den rheinischen Kurlanden große Plantagen und Alleen anzulegen.

Abgelehnte Bäume

Schon vor 5000 Jahren wurden in China Seidenraupen gezüchtet. Die Larve des Seidenspinners, auch Maulbeerspinner genannt, hat eine besondere Fähigkeit: Wenn sie etwa einen Monat alt ist, produziert sie aus einem gewundenen Faden ein seidenes Gespinst. Nach abgeschlossener Entwicklung soll aus diesem fein gewebten Kokon der Falter schlüpfen. Dazu lässt der Mensch es jedoch nicht kommen. Um Seidengarn zu gewinnen, kocht er die Kokons mitsamt den darin lebenden Puppen.

Allein im Oberamt Neustadt gab es zu kurfürstlichen Zeiten über 14.000 Maulbeerbäume. Doch bei der Bevölkerung waren sie unbeliebt. Die aufgezwungene Pflanzung und Pflege stieß auf Ablehnung. „Etliche Bäume wurden heimlich gefällt und spätestens nach dem Ende der Kurpfalz verschwanden die meisten, sodass nur einzelne Exemplare übrig blieben“, erklärt Eisenbarth.

Saniertes Naturdenkmal

Der Wachenheimer Maulbeerbaum am jüdischen Friedhof ist als Naturdenkmal ausgewiesen. Er hat einen mächtigen Stamm mit graubrauner, tief gefurchter Borke. Über drei Meter misst sein Umfang. Vom sehr ähnlichen Schwarzen Maulbeerbaum – Morus nigra – ist der Weiße Maulbeerbaum – Morus alba – am besten an seinen fad-süßlichen, meist weißlichen Früchten zu unterscheiden.

„Der Schwarze Maulbeerbaum hat nie weiße Früchte“, sagt Experte Eisenbarth, „aber umgekehrt kann der Weiße Maulbeerbaum auch dunklere oder sogar ganz schwarze Früchte haben, was manchmal zu Verwechslungen führt.“ Die Bezeichnung „Maulbeere“ leitet sich vom lateinischen morum ab, sie hat also nichts mit dem Wort „Maul“ zu tun.

Immer noch vital

Mit stark ausgehöhltem Stamm und eingefügten Eisenstangen weist der Baum an der Friedhofsmauer intensive Sanierungsmaßnahmen auf. Sein Wurzelwerk ist großenteils von Pflastersteinen und Asphalt überdeckt. Knorrige Verwachsungen ziehen sich um Stamm und Astwerk. Wie jedes Jahr hat er wieder ein volles Laubkleid angelegt, lässt seine Früchte reifen und zeigt sich auch in hohem Alter vital und rüstig.

Die Serie

In vielen Orten der Pfalz stehen markante Bäume – wir würdigen die „Alten Riesen“ in einer Serie.

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