Madrid RHEINPFALZ Plus Artikel Tierquäler oder Naturschützer?

Umstrittene und blutige Tradition: Stierkampf in Madrid.
Umstrittene und blutige Tradition: Stierkampf in Madrid.

Das Interesse am Stierkampf in Spanien lässt nach. Was Tierschützer freut, besorgt eine Branche, die sich als Hüterin einer jahrhundertealten Tradition versteht. Wie sich Toreros und Züchter gegen den Niedergang stemmen.

Wer mit dem Auto nach Spanien kommt, kann sie nicht übersehen: die riesigen Stiere, die auf 14 Meter hohen Werbetafeln an den Autobahnen prangen. Die Stiere sind Spaniens berühmtestes Markenzeichen. Doch zugleich sind sie Teil einer umstrittenen Tradition. Nun beginnt wieder die Stierkampfsaison, in der die Toreros nicht nur gegen die 500 Kilo schweren Bullen, sondern auch gegen den Untergang ihrer Zunft kämpfen.

Stierkampf ist keine Kultur, sondern Folter“, skandieren Tierschützer, die sich vor den Arenen postieren. Nach einer Statistik des spanischen Kulturministeriums sinkt auch das Interesse: Nur noch acht Prozent der Bevölkerung bekennt, zuletzt einen Stierkampfplatz besucht zu haben. „Der Stierkampf stirbt aus“, umschreibt Antonio Lorca, Stierkampfkritiker von „El País“, Spaniens einflussreichster Tageszeitung, die Lage.

900 Zuchtbetriebe

Immer weniger Interesse, immer weniger Stierkämpfe: Was Tierschützer freut, besorgt die Stierkampfbranche. Sie versteht sich als Hüter einer jahrhundertealten Tradition und als Wirtschaftszweig, der viel Geld bewegt. Toreros und Stierzüchter sehen sich sogar als Naturschützer. „Der Kampfstier ist Garant der Konservierung eines einzigartigen Ökosystems“, schreibt die spanische Vereinigung der Kampfstierzüchter auf ihrer Website. Warum? Weil die Kampfstiere der annähernd 900 Zuchtbetriebe in Freiheit und auf unberührten Weide- und Waldflächen aufwachsen und nicht zusammengepfercht in Ställen.

Eines ist sicher: Das Schild „Vorsicht Kampfbullen“ am Zaun hält zweibeinige Störenfriede von den Weiden fern. Rund 5000 Quadratkilometer in Spanien, die doppelte Fläche des Saarlandes, sind Weidegründe der Tiere. „Der Stier lebt mit Arten zusammen, die vom Aussterben bedroht sind, etwa dem Pardelluchs, dem Kaiseradler oder dem Schwarzstorch – und er schützt sie“, erklärt der Züchterverband.

Einer dieser Züchter ist Fernando Guzman, Besitzer einer Stierfarm rund 50 Kilometer nördlich von Madrid. Er kutschiert seine Besucher per Geländewagen mitten in sein hügeliges Weideland, auf dem, in sicherer Entfernung, mehr als 100 Kampfstiere und Muttertiere grasen. „Wo es Stierweiden gibt, formt sich eine ökologische Insel, die dem Schutz der Natur dient.“ Schon sein Urgroßvater habe hier Kampfbullen gezüchtet. In der Vergangenheit sei ihnen viel Geld angeboten worden, um auf dem Grünland eine Siedlung zu bauen oder einen Golfplatz anzulegen. „Wir haben immer abgelehnt. Dieses Land gehört den Kampfstieren“, sagt Guzman.

Kampfstiere, die später in der Arena von Toreros wie Francisco de Manuel getötet werden. Der 22-jährige Nachwuchsmatador begleitet die Besucher mit Stierzüchter Guzman auf der Bullenfarm. Der Stierkämpfer hat Verständnis für die Empörung der Tierschützer. „Ja, der Stier blutet und der Stier stirbt.“ Aber auch der Torero könne sein Leben verlieren. „In der Arena ist alles möglich“, sagt er. Francisco de Manuel findet aber auch, dass es für einen Kampfstier keinen besseren Tod gebe als in der Arena.

Halbherziges Gesetz

Es ist tatsächlich so, dass nicht nur der siegreiche Torero in der Arena mit Applaus bedacht wird – sondern zuweilen auch der Stier, wenn er es seinem Gegner besonders schwer macht. Ein Stierkampf ohne Blut in der Arena, wie er in einigen Regionen Portugals praktiziert werde, sei keine Alternative, findet der Stierkämpfer. Denn dann werde der Bulle später abseits der Arena oder im Schlachthaus mit einem Schuss in den Schädel getötet – das sei für einen Kampfstier unwürdig.

Züchter Guzman sieht das ähnlich. Gefragt, was für ihn das größte Glück sei, sagt er: „Das Schönste ist, wenn du mit einem Stier, den du aufgezogen hast, Triumphe feierst. Wenn die Zuschauer klatschen. Dann bin ich stolz, Züchter zu sein.“

Spaniens Tierschützer fordern derweil, den Stierkampf zu verbieten. Dieser Wunsch wird vorerst nicht in Erfüllung gehen. Gerade verabschiedete Spaniens Parlament zwar ein neues Tierschutzgesetz der Mitte-links-Regierung, das die Strafen für Tierquälerei erhöht – Stierkämpfe sind davon aber ausgenommen.

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