Panorama Suche im Mondscheinloch

Julens Eltern José Rosello und Vicky Garcia hoffen, dass ihr Kind lebend gerettet wird.
Julens Eltern José Rosello und Vicky Garcia hoffen, dass ihr Kind lebend gerettet wird.

«Totalán.»Das Drama um Julen wirft viele Fragen auf. Arbeiteten die Retter gut und schnell genug? Die Meinungen gehen auseinander. Eines steht aber fest: Der Unfall, der die Welt bewegt, bringt ein großes Problem schonungslos ans Licht.

Den kleinen Julen kennen die wenigsten Menschen persönlich. Dennoch: Das Schicksal des Jungen, der auch gestern im Süden Spaniens in einem tiefen Loch gesucht wurde, hält seit knapp zwei Wochen sein Heimatland und auch die halbe Welt in Atem. Die spanischen Rettungskräfte bekommen Solidaritätsbekundungen und Aufmunterung aus allen Ecken Europas, aber auch aus so entfernten Ländern wie Argentinien oder Costa Rica. „All unsere Gedanken sind bei diesem kleinen Engel“, postete Virginie aus Frankreich im Netz, und Olaf aus Halle an der Saale schrieb: „Auch ganz Deutschland wartet auf gute Nachrichten!“ Ob das Daumendrücken am Ende umsonst war, wusste man gestern immer noch nicht. Eines steht aber schon länger fest: Julen und auch die Eltern und die Nachbarn des Kleinen, die durch eine schier unendliche Hölle der Gefühle getrieben wurden, sind neue, ganz besondere Opfer des spanischen Dürredramas. Der 107 Meter tiefe Brunnenschacht, in den das Kind am 13. Januar bei einem Familienausflug stürzte, wurde nach Behördenangaben auf der Suche nach Wasser ohne Genehmigung gegraben. In Spanien ist das keine Seltenheit. Im Gegenteil: Nach Schätzung der Umweltorganisation Greenpeace gibt es im ganzen Land über eine Million solcher illegaler Löcher. Die Zeitung „El Mundo“ schrieb, in Wirklichkeit seien es viel mehr. Und „diejenigen Bohrungen, die nicht zum Erfolg führen, werden mehr schlecht als recht zugedeckt“. Seit Jahren regnet es in Spanien aufgrund des Klimawandels zu wenig. Flüsse trocknen aus, vor allem im Süden und im Landesinneren gibt es immer mehr steinwüstenähnliche Landschaften. Besitzer von Grundstücken und Fincas beauftragen deshalb sogenannte „Poceros“, erfahrene „Löchergräber“, mit Bohrungen, die oft in wahren Nacht- und Nebelaktionen nur bei Mondbeleuchtung ausgeführt werden. Im Volksmund heißen diese Schächte deshalb „Mondscheinlöcher“. Der erfahrene „Pocero“ Antonio Jesús Perálvarez, der für seine Arbeit 2000 bis 4000 Euro kassiert, nahm im Gespräch mit „El Mundo“ kein Blatt vor den Mund. „Meine Aufgabe ist es, das Loch zu bohren. Um die Abdeckung kümmert sich auch bei legalen Bohrungen der Auftraggeber. Zumal der oft nach einigen Tagen wieder schauen will, ob Wasser herauskommt.“ Normal sei es, die Öffnung des Loches „mit einem großen Stein zuzudecken, den ein Kind nicht hochheben kann“. Ein achtköpfiges Team von Bergarbeitern war gestern Abend nur noch Zentimeter von der Stelle entfernt, an der sich der Zweijährige befinden sollte, wie spanische Medien unter Berufung auf die Einsatzkräfte in Andalusien berichteten. Von dort wollten sie ein Loch bohren und mit einer Kamera den Schacht ausleuchten, um Julen aufzuspüren. In Kneipen, Cafés und Büros war das Schicksal des Jungen auch gestern Gesprächsthema Nummer eins. Dabei wurden oft Zweifel an der Arbeit und den Einschätzungen der Retter und der Behörden laut. Es sind meist Laien, die Zweifel äußern, zum Teil die wildesten Spekulationen anstellen. Aber nicht nur. „Ich halte es für nahezu unmöglich, dass der Junge im Schacht drin ist“, sagt auch ein Experte wie Luis Avial von der Geophysik-Firma Falcon Hightech. Normal wäre es demnach gewesen, dass das Kind in dem winzigen Schacht ziemlich weit oben steckengeblieben wäre. Experten und Politiker weisen alle Kritik zurück. Das Kind sei zweifellos im Schacht, man habe Augenzeugen des Sturzes und im Loch Haare von Julen gefunden, berichtete die Vertretung der Zentralregierung in Andalusien.

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