Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Staudammprojekt in der Türkei: Warten auf den Untergang

Blick auf Hasankeyf: Die antike Siedlung wird in den Fluten untergehen, die Einwohner finden in einer Neubausiedlung (im Hinterg
Blick auf Hasankeyf: Die antike Siedlung wird in den Fluten untergehen, die Einwohner finden in einer Neubausiedlung (im Hintergrund) eine neue Bleibe. Foto: rtr

Aller Protest war vergebens: In der Türkei hat nach mehr als 20 Jahren Streit die Flutung der antiken Siedlung Hasankeyf begonnen. Entstehen wird ein Stausee mit einer Fläche so groß wie München. Doch die Menschen wollen bis zuletzt in ihren Häusern ausharren.

Hasankeyf. Ein letztes Mal erntet Mehmet noch die Feigen und Trauben in seinem Garten in Hasankeyf. Hier hat der 73-Jährige sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat. Im April nächsten Jahres werden dann seine Beete und Bäume wie auch der Rest der jahrtausendealten Stadt am Ufer des Tigris vom Wasser bedeckt sein. Mit Wehmut schaut der alte Mann auf die Zitadelle, die als eine der wenigen historischen Gebäude über dem künftigen Niveau des Stausees bleiben wird.

Wie andere Einwohner der geschichtsreichen Stadt im Südosten Anatoliens will Mehmet bis zuletzt ausharren. „Dieses Jahr haben uns die Beamten gesagt, wir sollten nicht mehr aussäen, da das Wasser kommen werde“, sagt die 62-jährige Bäuerin Meseha in dem Dorf Cavuslu, das ebenso wie Hasankeyf unter den Fluten verschwinden soll. Sie hätten es aber trotzdem getan, sagt Meseha. „Wir werden bis zum Ende säen.“

Nur noch eine Frage der Zeit

Nach jahrelanger Bauzeit sind am Ilisu-Staudamm im Juni die Schleusen geschlossen worden. Archäologen, Umweltschützer und Einwohner haben sich 20 Jahre lang gegen das Projekt gewehrt, doch die türkische Regierung hat an dem Staudamm festgehalten, der die Region mit Strom und Wasser versorgen soll. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich das Tigris-Tal mit Wasser füllt und Hasankeyf und weitere Dörfer unter den Fluten verschwinden. Langsam, aber sicher wird sich der Fluss dann an den Mauern des Damms aufstauen und zu einem künstlichen See anwachsen, der mit mehr als 300 Quadratkilometern in etwa eine Fläche haben wird wie München.

„Wir haben hier einen mehr als 60 Jahre alten Garten, voller Frische und Leben“, sagt Firat, der in Hasankeyf das Hotel Salikbahce betreibt. Schon seit Jahren lebt er mit dem Wissen, dass alles bald untergehen wird. Wie die anderen 3000 Einwohner von Hasankeyf soll er in eine Neubausiedlung umziehen, die weiter oben am Ufer errichtet worden ist. Doch kein Geld der Welt könne seine Feigenbäume aufwiegen, sagt der 48-Jährige.

Bereits vor 8000 Jahren besiedelt

Hasankeyf ist eine der ältesten menschlichen Siedlungen im Zweistromland Mesopotamien. Archäologische Funde zeigen, dass hier bereits im Neolithikum, also vor mindestens 8000 Jahren, Menschen gewohnt haben. Später siedelten hier die Römer. In byzantinischer Zeit war Hasankeyf Bischofssitz. Für Reisende ins Morgenland war die antike Stadt ein wichtiger Knotenpunkt.

Kritiker werfen der Regierung in Ankara vor, für den Staudamm unschätzbare historische Stätten zu zerstören, darunter jahrtausendealte Höhlen in den Klippen am Fluss. Die Machthaber verweisen dagegen darauf, dass die wichtigsten Moscheen, Mausoleen und andere bedeutende Gebäude in einen neuen archäologischen Park oberhalb des künftigen Seeufers gebracht worden sind, wo sie eine neue Touristenattraktion bilden würden.

Gräber werden nur teilweise verlegt

Auch die Toten auf dem alten Friedhof von Hasankeyf werden derzeit umgebettet, sofern dies ihre Angehörigen beantragt hatten. Unter den Toten, die in ein neues Grab gebracht werden, ist auch ein Junge, der 1997 im Alter von 15 Jahren beim Versuch, Tauben zu fangen, tödlich verunglückt war. Für seinen Bruder Fatih, der für die Verlegung der sterblichen Überreste auf den Friedhof gekommen ist, ist es wie eine zweite Beerdigung.

Auch der zwölfjährige Yunus ist auf den Friedhof gekommen, um das Grab seines kleinen Bruders zu suchen, der 2016 kurz nach der Geburt gestorben war. Als er die kaum noch sichtbare Grabstätte endlich gefunden hat, gibt es eine Enttäuschung: Seine Familie hat nicht den nötigen Antrag auf Umbettung gestellt, weshalb das Grab auf dem alten Friedhof bleiben wird. Wie der Rest von Hasankeyf wird es vom Wasser bedeckt werden.

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