Beziehungen Sehnsucht nach Berührung: Einmal kuscheln, bitte

Die Sehnsucht nach Berührungen ist groß.
Die Sehnsucht nach Berührungen ist groß.

Nicht nur im „Liebesmonat“ Mai sehnen sich Menschen danach, einfach nur liebevoll berührt und gehalten zu werden. Im Alltag kommt dies oft zu kurz. Kuscheltherapeuten wollen Abhilfe schaffen.

„Die Menschen sind latent unterkuschelt“, findet Elisa Meyer, „dabei sehnen sie sich nach Wärme und Geborgenheit.“ Die Philosophin und Buchautorin bietet Kuschelstunden in ihrer Leipziger Praxis an und führt Menschen zu Kuschelevents zusammen. Während ihres Studiums ist ihr der Berührungsmangel aufgefallen, der hierzulande herrsche und der kulturell geprägt sei.

Eine Kuschelstunde für 70 Euro

Dabei ist die Sehnsucht nach Berührung groß. Kuscheln stelle Vertrauen und eine Verbindung zum Gegenüber her, erklärt Meyer. „Bei einer angenehmen Berührung wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, wir fühlen uns mit dem Gegenüber wohl.“ Meyers Kunden - „Menschen von 18 bis 88 Jahren, vom Gärtner bis zum Arzt, vom Arbeitslosen bis zum Akademiker“ - ist so eine Kuschelstunde 70 Euro wert. Dabei stellt die 37-Jährige klar, dass Kuscheln nichts mit Erotik oder Sexualität zu tun hat.

Die Motive ihrer Kunden für eine Kuschelstunde sind unterschiedlich. Jüngere Leute seien oft schüchtern, trauten sich nicht, einen anderen zu berühren und wüssten oft auch nicht wie, erklärt Meyer. Menschen mittleren Alters hingegen seien oft privat oder beruflich gestresst und wollten sich etwas Gutes tun. Aber auch alte oder verwitwete Menschen, die sich einsam fühlten, nutzten ihr Angebot.

Mit ihrem Angebot ist Meyer nicht alleine. Als „Erfinder“ der professionellen Kuscheltherapie gilt der US-Amerikaner Travis Sigley, der 2009 erkannte, wie sehr sich Menschen nach Berührungen sehnen. Auch die vor rund 20 Jahren entstandene „free hugs“-Bewegung greift dieses Anliegen auf: Wer möchte kann sich bei den Unterstützern – erkennbar an einem Hinweisschild, mit dem sie an öffentlichen Orten stehen – eine kostenlose Umarmung abholen.

Positive soziale Berührung

„Als Herdentiere und soziale Wesen stellen wir über Berührungen Nähe her und erhalten sie“, erklärt Rebecca Böhme den Grund, warum Körperkontakt für Menschen so wichtig ist. Sie arbeitet als Neurowissenschaftlerin im schwedischen Linköping und hat 2019 das Buch „Human Touch“ veröffentlicht. Positive soziale Berührung stärke das Vertrauen in die Mitmenschen; zudem wirke sie stressmindernd, stärke das Immunsystem und sorge für guten Schlaf.

Doch so gerne Menschen Berührungen genießen – in ihrem Alltag ist das keine Selbstverständlichkeit. Durch gesellschaftliche Veränderungen lebten Menschen weniger in langfristigen Beziehungen und hätten weniger Kontakt mit ihrer Kernfamilie, gibt Böhme zu bedenken. Auch Fernbeziehungen nähmen durch berufliche Erfordernisse zu. Durch die Corona-Pandemie hätten Menschen weitere Berührungsängste entwickelt. In dieser Zeit seien Treffen mit Freunden vom realen in den digitalen Raum verschoben worden. Auch die #MeToo-Debatte mit ihrem Fokus auf übergriffige Berührungen haben die Menschen nach Ansicht von Böhme reservierter werden lassen.

Sehnsucht nach Geborgenheit

Zugleich bleibt die Sehnsucht nach Geborgenheit. Und so bieten inzwischen an immer mehr Orten Kuscheltherapeuten ihre Dienste an, treffen sich Menschen zu Kuschelpartys, Workshops oder ganzen Wochenenden. Melanie Fritz bietet seit 2007 Kuschelabende in Erlangen an. Sie ließ sich inspirieren von der Berlinerin Rosi Doebner, die bereits 2005 Menschen zusammenführte.

„In unserer Gesellschaft ist körperliche Nähe sehr mit Sex gekoppelt; es ist kaum möglich, außerhalb von Partnerschaften körperliche Nähe zu bekommen“, sagt Fritz. „Wir sind keine körpernahe Gesellschaft – viele streicheln ihr Handy häufiger als einen Menschen“, beobachtet die Heilpraktikerin für Psychotherapie. Deshalb seien Räume wichtig, in denen die Menschen körperliche Nähe und Wärme bekämen. Bei Fritz treffen sich abends bis zu 25 Personen – meist Singles – zum Kuscheln.

Wohlfühlkissen und flauschige Decken

Aber auch wer in einer Partnerschaft lebt, kann vom Kuscheltrend profitieren. Die Berliner Kuscheltrainerin Angeline Heilfort vom Netzwerk „KuschelRaum“ hat mit ihrem Team Fotos von über 30 einladenden Kuschelpositionen ins Netz gestellt. Sie tragen Namen wie „Wiege“, „Lieblingsplatz“, „Unterm Flügel“, „Kuschelkäfer“ oder „Sterne gucken“.

Manchmal aber ist weder ein Partner da noch ein Kuscheltherapeut. Vielleicht sind auch deshalb im Zuge des „Hygge“-Trends Wohlfühlkissen und flauschige Decken als Wohnaccessoires so beliebt. Auch Gewichtsdecken, die durch ihren sanften Druck eine entspannende und schlaffördernde Wirkung haben sollen, werden zunehmend angeboten. „Eine schwere Decke kann einen gewissen Mangel lindern, aber sie kann kein vollständiger Ersatz sein“, findet Neurowissenschaftlerin Böhme. Dennoch geht sie davon aus, dass schon weitere technische Hilfsmittel wie Kuschelroboter entwickelt werden.

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