Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Münchens letzte Kutscherin

Susi Schimmer (rechts) und ihr Lohnkutscher Jürgen Heyer machen Schimmel Wuschel fahrbereit.
Susi Schimmer (rechts) und ihr Lohnkutscher Jürgen Heyer machen Schimmel Wuschel fahrbereit.

Als einzige Frau fährt Susi Schimmer Touristen im Landauer oder Einspänner durch den Englischen Garten. Und alle Ministerpräsidenten des Freistaats hat sie zur Wiesn kutschiert. Doch das Geschäft ist flau. Rikschafahrer und Corona machen ihr zu schaffen.

Ein letzter Blick, dann setzt Susi Schimmer sich den Zylinder auf den Kopf. Es ist ihr Lieblingsstück, ohne den die letzte Kutscherin Münchens nicht auf den Bock steigen würde. Jetzt noch die Weste an, dann geht es hinaus in den Hof. Dort steht schon Jürgen Heyer, ihr Lohnkutscher, mit Schimmel Wuschel. Er ist eines der fünf Pferde, mit denen Schimmer im Landauer oder im Einspänner durch den Englischen Garten fährt. Als Einzige hat sie eine Lizenz dafür. Diese stammt noch von Thea Pfeffer, die 1945 damit begonnen hatte, in der Barbarasiedlung in München Lebensmittel, aber auch Leichen zu transportieren. An der Hauswand über der Eingangstür in der Schwere-Reiter-Straße 22 hängt noch ihr altes Firmenschild „Fiaker und Transporte Pfeffer + Co“.

Schimmer geht in diesem Haus seit fast fünfzig Jahren ein und aus, das wie ein Museum für Pferdegeschirr, Zylinder und Kutschen anmutet. Zehn Jahre war sie alt, als ihre Freundin Gabi sie überredete, bei Pfeffer die Pferde zu striegeln und die Boxen auszumisten. „Seit 48 Jahren mache ich das hier“, sagt Schimmer und nimmt die Mistgabel in die Hand, weil Jana gerade Pferdeäpfel im frisch gemachten Stall fallen ließ. Im Englischen Garten muss sie diese nicht einsammeln. Schimmers Pferde wie auch die der berittenen Polizei dürfen sie dort fallen lassen.

Am Chinesischen Turm startet die mittlerweile 57-Jährige ihre Touren. Doch nur auf Anfrage. Seit 2016 ist das Geschäft rückläufig. Die Rikschafahrer sind zur Konkurrenz in der Stadt geworden. „Die kommen meist schon aus der Innenstadt mit ihren Gästen oder sprechen die Touristen an“, meint die Münchner Kutscherin. Hinzu komme, dass Firmenfahrten weniger gebucht würden, seit ein großes Hotel sein Wiesnpaket mit Kutsche durch einen Oldtimeromnibus ersetzt habe und sie seit dem Anschlag auf die Zwillingstürme in New York wegen der danach verordneten Sicherheitsmaßnahmen ihren Standort auf der Wiesn verloren habe.

Von Stoiber bis Steeger

Dass sie auch noch nach mehr als 25 Jahren den Bayerischen Ministerpräsidenten nicht mehr auf die Wiesn fahren darf, stößt ihr besonders bitter auf. Ein anderer habe den Auftrag erhalten, sagt sie, und steht im Esszimmer neben einem Banner, das ihr einst einer der Regierungschefs des Freistaates überreicht hatte. Edmund Stoiber war Dauergast, es folgten Günther Beckstein, Horst Seehofer und zuletzt Markus Söder in seinem ersten Jahr als Ministerpräsident. Doch, so tröstet sie sich, zuletzt habe sie Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, auf die Wiesn kutschiert. „Ein sehr nette Frau. Das war ein Erlebnis.“

Auch der Sänger Roberto Blanco und die Schauspielerin Ingrid Steeger seien in einer ihrer Kutschen chauffiert worden. „Vom Jürgen“, sagt sie. Der 60-Jährige ist ihr einziger Lohnkutscher und wegen Corona in Kurzarbeit. Ohne Touristen und den abgesagten Weihnachtsmarkt ist seit vergangenem Jahr das Geschäft noch mehr eingebrochen. Doch die Pferde machen trotzdem Mist, wollen fressen und müssen gestriegelt werden. Mindestens eine Stunde auf Hochglanz gebracht werden sie vor jeder Ausfahrt. Nicht nur die Mähne wird gebürstet, auch der Schweif wird gewaschen und gelbliche Flecken mit Gallseife oder Silbershampoo auf dem Fell der Schimmel entfernt.

Mehr als zehn Stunden täglich ist die gelernte Sattlerin – im Keller über der Nähmaschine hängt ihre Urkunde als Bundessiegerin ihres Jahrgangs – mit ihrer Kutscherei beschäftigt. Seit 15 Jahren hat sie keinen Urlaub mehr gemacht. Lange bevor Hans Holzmann, den sie bei Pfeffer kennengelernt hatte, 2015 verstarb. Seitdem führt sie die von Holzmann und ihr 1989 übernommene Kutscherei alleine weiter. Holzmann hatte Pfeffer bereits als Bub beim Versorgen der Pferde geholfen und den Umgang mit Geschirr und Leinen von ihr gelernt. Mit 15 Jahren lenkte er erstmals selbstständig ihre Hochzeitskutschen durch München. „Auf dem Kutschbock zu fahren, war sein Lebenselixier“, erklärt die Witwe. Sogar krebskrank sei er noch gefahren.

Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen

Überall im Haus hängen Fotos, wie er stolz auf seinem Kutschbock saß, darunter auch auf der viersitzigen Berline, einer um 1900 von der Kutschenmanufaktur Aumüller-München gebauten Hochzeitskutsche. Sie ist eine von 13 Kutschen, die in der Scheune hinter dem Haus stehen. Über 100 Jahre sind sie alt. Schimmer zeigt stolz den roten Landauer mit fünf Scheiben aus geschliffenem Glas. „Die sind in das klappbare Verdeck integriert und können, wenn mit geschlossenem Verdeck gefahren wird, komfortabel geöffnet werden“, erklärt sie. Der luxuriöse Glaslandauer werde der „SLK von 1903“ genannt. Nachbar Hans Heinz kommt hinzu. Er ist auch schon öfter mit der Kutsche mitgefahren. Im Gesellschaftswagen auf den Nockerberg. „Man fühlt sich in die alte Zeit zurückversetzt und sieht vieles, was einem aus dem Auto nicht auffällt“, schwärmt er.

Heyer spannt derweil Wuschel vor die Viktoriakutsche – einen Einspänner, von dem Schimmer insgesamt fünf Stück besitzt. Mit auf dem Kutschbock sitzt Isabella Krammel. Die 22-Jährige hat gerade ihre erste Stelle nach dem Architekturstudium angetreten und wohnt in der Nachbarschaft. Die Pferdeliebhaberin kommt seit knapp fünf Wochen zu ihr und hat sich von den 150 Zylindern, die bei Schimmer im Keller lagern, einen aufgesetzt. „Sie stammt aus Bad Abbach und möchte sehen, wie in der Stadt Kutschieren geht“, sagt Schimmer mit ihrem trockenen Humor. Heute darf Isabella erstmals eine Kutsche mit Kurbelbremse ausprobieren. Schimmer hat Vertrauen in sie.

Isabella hat das, was eine Kutscherin braucht: „Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen“, sagt die 57-Jährige nachdenklich. Aber dass Isabella alles einmal wie Schimmer im Hauptberuf machen wird, davon ist nicht auszugehen. Jetzt wünscht sich die letzte Kutscherin Münchens erst mal ein gutes Geschäft und gesunde Pferde.

In der „Garage“: die repräsentative grüne Viktoriakutsche.
In der »Garage«: die repräsentative grüne Viktoriakutsche.
Die junge Isabella Krammel darf eine Kutsche mit Kurbelbremse ausprobieren.
Die junge Isabella Krammel darf eine Kutsche mit Kurbelbremse ausprobieren.
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