Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Lebensmittel verarbeiten: Die Weltretterin

Koch Bastian zaubert aus Pilzen ein schmackhaftes Essen.
Koch Bastian zaubert aus Pilzen ein schmackhaftes Essen.

Nichts soll verschwendet werden: Im „Community-Kitchen“ (Gemeinschaftsküche) in München können tonnenweise Lebensmittel für Beschäftigte verarbeitet werden, die sonst weggeworfen würden. Ein Besuch.

Mit ihrem fröhlichen Lachen gewinnt Günes Seyfarth alle. Die 42-jährige verheiratete Mutter dreier Söhne hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Welt zu verändern. Ihr jüngstes Baby: das Community-Kitchen in München. Es ist Teil von „Shaere“, eines der größten Zwischennutzungsobjekte der Landeshauptstadt. Wo bis Ende 2020 Tausende Mitarbeiter der Allianz in einem viergeschossigen Bürogebäude ein und aus gingen, entstehen peu à peu auf 42.000 Quadratmetern Fläche Werkstätten, Eventflächen, Theater- und Kinosaal. Die ersten Künstler, eine Musikschule und Werkstätten sind bereits eingezogen. Seyfarth hat sie mit an Bord geholt.

Die studierte Betriebswirtin und Seriengründerin steht vor dem Wegweiser im Eingangsbereich des ehemaligen Bürogebäudes. Gleich links im Erdgeschoss geht es zum Community-Kitchen. Der Pfeiler zwischen den automatisch aufgehenden Glastüren am Eingang ist bunt bemalt wie auch die Wände in der ehemaligen Kantine. Alles mit geschenkten Farben. Nichts soll verschwendet werden.

Noch gehen über den Tresen nur knapp 100 Mahlzeiten täglich. 10.000 könnten es werden, denn in der Großküche ließen sich täglich bis zu sieben Tonnen Lebensmittel im Drei-Schicht-Betrieb verarbeiten. Zwei Tonnen sind es derzeit. Nicht frisch eingekaufte, sondern solche, die andere wegwerfen würden; von Erzeugern, Bauern, Großhändlern und Weiterverarbeitern aus der Region. So maximal um die 100 Kilometer um München herum. Mindestens acht Lieferanten sind notwendig, um Abwechslung in die Küche zu bringen, meint Seyfarth.

Niemand ist verpflichtet

Leckeres Essen, aber auch Eingekochtes in Gläsern oder Gedörrtes entsteht daraus. „Es soll wie bei Mama zu Hause sein, was Magen und Herz wärmt“, sagt Seyfarth. Sie sitzt im Restaurantteil, der mit bunten unterschiedlichen Möbeln heimelig eingerichtet ist. Alles Spenden, alles vor dem Wegwerfen gerettet. Wie die Spielecke für die Kinder.

Zunächst hatten sie in der ehemaligen Vorstandsküche, dem kleinsten Teil der Großküche, Rezepte kreiert, die es ermöglichen, den Küchenplan flexibel zu gestalten. Es sei nicht langfristig zu planen, welche Lebensmittel tatsächlich vor dem Verderben bewahrt werden können. Es gebe keine Verträge, nur Haftungsausschlüsse. Niemand sei verpflichtet. Es werde nur Ware abgenommen, wenn diese sonst weggeworfen und verzehrfähig sei.

Ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen

„Es wird alles in Wellen passieren. Irgendwann kommt Kontinuität, weil es viele Wellen geben wird“, gibt sich Seyfarth zuversichtlich und erklärt, dass global 33 Prozent der Lebensmittel weggeworfen würden, in den USA sogar 40 Prozent. Das bedeute, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, sei die drittwirksamste Maßnahme im Klimaschutz, so Seyfarth, die auch Mitgründerin des Vereins Foodsharing in München ist, „Auch das ist mir ganz wichtig, das wissen die wenigsten Leute“, betont sie und fügt hinzu: „Dass wir so viel Gemüse überhaupt anbauen, um 40 Prozent wegzuwerfen, ist einfach irrational.“ Und dieser globalen Verschwendung will Seyfarth den Garaus machen.

Die ehemalige Allianzküche dient als Versuchsküche. Neun Angestellte, aber auch Praktikanten und 40 Ehrenamtliche helfen in der Mitmachküche. Das passe super zur Zwischennutzung, die bislang auf fünf Jahre ausgelegt ist. Ziel sei es, andere Unternehmer zu befähigen, bei sich auch ein Community-Kitchen aufzubauen und mit einer lokalen Lieferantenstruktur weltweit grüne Spots zu ermöglichen. „Hier lernen wir erst mal, wie alles funktioniert und münzen das dann um“, erklärt Seyfarth.

Auch Geflüchtete werden versorgt

Alles soll kompakt in Containern möglich werden. In drei Jahren sollen sie vom Band laufen. Erste Skizzen dafür bestehen schon. Der Lebensmittelretterin schwebt ein Lager- und ein Produktions- und Ausgabecontainer vor. Und irgendwann so in 15 Jahren, möchte sie aus dem Markt sein. Der Grund: Die Idee sei, dass die Lebensmittelverschwendung reduziert oder gar eliminiert sei und man ihr Projekt nicht mehr bräuchte.

„Wir würden gerne unsere Geschäftsgrundlage verlieren“, sagt sie und lacht. Doch nun muss sie erst dafür sorgen, dass weiterhin von Montag bis Freitag tagsüber das Essen über den Tresen gehen kann. „Es entwickelt sich immer weiter hier“, sagt sie. Auch mit Öffnungszeiten am Wochenende experimentieren sie. Außerdem versorgen sie derzeit ankommende Geflüchtete aus der Ukraine am Münchner Hauptbahnhof mit 1500 warmen Mahlzeiten täglich.

Die Gründerin Günes Seyfarth präsentiert an der Ausgabetheke einen Apfel.
Die Gründerin Günes Seyfarth präsentiert an der Ausgabetheke einen Apfel.
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