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Ernst-Johann Reinhardt: Lilo Wanders wurde mein Schutzschild vor dem Leben
Herr Reinhardt, es ist mehr als 20 Jahre her, dass Sie das letzte Mal als Lilo Wanders „Wa(h)re Liebe“ moderiert haben. Stört es Sie, dass Sie für viele Menschen immer noch die Moderatorin dieser Sex-Sendung sind?
Überhaupt nicht! Das ehrt mich! Schließlich habe ich alle, die heute über 35 Jahre alt sind, mit „Wa(h)re Liebe“ aufgeklärt. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer sind mir dankbar, dass ich ihnen geholfen habe, ihre sexuelle Identität zu finden.
Aber „Wa(h)re Liebe“ hat nicht nur aufgeklärt. Ging es nicht vor allem um Voyeurismus, bevor Pornografie immer und überall verfügbar war?
Es ging um beides. Mir war stets bewusst, dass es ein kommerzielles Format war. Deshalb haben wir über Pornodrehs, Swingerclubs, Penisgröße und all diese Dinge berichtet. Ich hatte nie ein Problem, offen über Sexualität zu reden.
Gibt es guten Sex ohne Liebe?
Aber ja! Sex mit Liebe ist ein zelebriertes Festmahl. Sex ohne Liebe wie ein Abstecher in eine Imbissbude oder zu McDonalds. Manchmal muss man eben schnell den Hunger stillen. Das ist überhaupt nicht zu verurteilen – vorausgesetzt, dass alle Beteiligten einverstanden sind und ihren Spaß haben.
Sie werden in wenigen Tagen 70. Ist Sex da immer noch so wichtig?
Natürlich! Das Tolle beim Sex im Alter ist: Man kann so viel entspannter sein. All die Schönheitsideale und Vorgaben gelten nicht mehr. Es geht nur noch darum, gut miteinander zu sein, einen Komplizen oder eine Komplizin zu haben und sich mit einer gewissen Schamlosigkeit aneinander zu erfreuen.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie an Ihrem 16. Geburtstag Ihrer Familie gesagt haben: „Ich bin schwul!“ Wie hat die Familie reagiert?
„Aber das wissen wir doch längst“, sagte meine Mutter. Ich hatte offene Tore eingerannt. Ich habe zwar nicht rumgetuckt, aber ich war halt mädchenhaft. Auch in meiner Jugendclique wurde ich zuvor schon wie ein Zauberwesen behandelt und von allen beschützt. Denn die Ansage an meinem 16. Geburtstag war ja eigentlich schon mein zweites Coming-out. Selbst zu akzeptieren, dass man schwul ist, ist das erste Coming-out. Es anderen mitzuteilen, ist das zweite Coming-out.
Wann haben Sie sich das erste Mal als Frau verkleidet?
Während des Kinderkarnevals, mit acht Jahren. Ich wurde zunächst ohne Nachfrage im Kreis der Mädchen aufgenommen. Erst als sie checkten, dass ich gar kein Mädchen war, war ich draußen. Mit elf oder zwölf Jahren habe ich mich das erste Mal heimlich geschminkt. Ich habe mir Rosenblütenblätter auf den Wangen verrieben und mir mit abgebrannten Streichhölzern die Augen umrandet. Plötzlich kam meine Oma ohne anzuklopfen in mein Zimmer. Ich habe meinen Kopf unter die Decke gesteckt, und sie dachte, ich spiele Indianer.
Was reizte Sie damals, was reizt Sie heute daran, sich als Frau zu verkleiden?
Ich war ein geducktes Kind. Viele harte Schicksalsschläge hatten mein Selbstwertgefühl angegriffen. Ich hatte wenig Kraft, aus mir heraus meine eigene Rolle zu finden. Darum bin ich schon früh in Rollen geschlüpft, habe zum Beispiel so getan, als ob ich mein eigener Zwilling sei, um unbefangener mit Menschen kommunizieren zu können. Das war die Keimzelle meiner Schauspielerei. Die Figur Lilo Wanders wurde später mein Schutzschild vor dem Leben.
Als Lilo Wanders sind Sie erstmals 1988 im Schmidt Theater auf der Reeperbahn aufgetreten. Verkleiden Sie sich auch privat manchmal als Lilo Wanders?
Nein. Das Lilo-Outfit ist meine Arbeitskluft. Wenn ich mich in Lilo verwandele, sage ich: „Papa zieht den Blaumann an und geht auf Schicht.“
Muss man heutzutage als queerer Mensch in Deutschland noch oder wieder Angst haben?
Ich will nicht in die Kerbe hauen und so die Angst verstärken, aber ich weiß, dass es in Deutschland queere Menschen gibt, die Angst haben. Ich empfehle ihnen, trotzdem mit Selbstbewusstsein und erhobenem Kopf durchs Leben zu gehen. Das beeindruckt und erhöht so die Sicherheit.
Ist Ernie Reinhardt Feminist?
Ja. Jeder Mann sollte Feminist sein, damit der etwas größeren Hälfte der Menschheit endlich Gerechtigkeit widerfährt.
Ihr Vater war ein kleinwüchsiger, buckliger Mann, der unter den Folgen der Kinderlähmung litt. Er starb, als Sie vier Jahre alt waren. Ihr jüngerer Bruder Momme kam mit Contergan-Schäden zur Welt und starb mit 17 Monaten. Sie waren damals sieben Jahre alt. Vom neuen Partner Ihrer Mutter wurden Sie geschlagen. Seit dem Tod Ihres Vaters war das Geld oft knapp. Klingt nicht gerade nach einer unbeschwerten Kindheit und Jugend.
Bis ich Ende 20 war, dachte ich, dass ich ein wirklich schlimmes Schicksal habe, und das war es ja auch. Die vielen aufeinander folgenden Todesfälle waren traurig und belastend. Aber wenn ich meine Lebensgeschichte jetzt rückblickend mit denen anderer vergleiche, muss ich sagen: Ich bin relativ unbeschadet rausgekommen.
Obwohl Sie schwul sind, haben Sie 1985 Ihre Frau Brigitte geheiratet. Mittlerweile sind Sie seit 40 Jahren zusammen, haben drei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder. Wie führt man als schwuler oder bisexueller Mann so lange eine Ehe mit einer Frau?
Ich verschanze mich nicht hinter dem Schutzschild „bisexuell“. Ich bin ein schwuler Mann. Punkt. Früher war ich ein Mädchen im Jungenkörper, aber ich wollte körperlich nie eine Frau sein und mein Begehren zielte immer auf Männer.
Warum sind Sie seit 40 Jahren mit einer Frau zusammen?
Die Liebe macht alles möglich. Vielleicht war es eine karmische Begegnung, dass Brigitte und ich aufeinandergetroffen sind. Ansonsten gäbe es unsere tollen Kinder und Enkelkinder nicht.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie oft zweifeln, ob Sie zu tiefer Liebe fähig sind. Wieso denken Sie das?
Weil ich vor allem in meiner Kindheit und Jugend so vieles verpacken musste, habe ich eine Schutzschicht um mich herum geschaffen, um nicht völlig aus der Bahn geworfen zu werden, wenn etwas scheitert oder wieder jemand stirbt. Wenn mich etwas eigentlich wirklich erschüttern müsste, fahre ich deshalb zunächst wie auf Autopilot weiter. Ich erkenne dann erst zeitverzögert, dass ich etwas verdränge. Für mich ist das Ideal der Liebe, wenn Seelen sich berühren. Aber manchmal muss man einen Kokon um seine Liebe spinnen, um nicht am Leben oder einer enttäuschten Liebe zu zerbrechen.
Ihre Frau erlitt 2012 einen Schlaganfall, seit 2013 sind Sie auch mit einem Mann liiert. Mit wem leben Sie?
Ich habe immer mit meiner Frau zusammengelebt. Das mit meinem Partner ist eine „Sache zur linken Hand“. Die Beziehung ist sehr beglückend, auch wenn wir uns nicht oft sehen. Aber da wir so gut wie nie telefonieren, haben wir uns wahnsinnig viel zu erzählen, wenn wir zusammenkommen. Da staut sich immer in jeder Hinsicht vieles auf – und es wird immer schöner.
Sind Sie glücklich?
Ach, das Glück. Oft macht man sich falsche Hoffnungen, dass Glück ein langanhaltender Zustand sein könne, aber es währt immer nur wenige Augenblicke. Ich kann zum Beispiel Glück empfinden, wenn ich nach einer Veranstaltung nach Hause komme, das Gartentor öffne und im endlosen Himmel über mir die Sterne blitzen sehe. Oder wenn ich einem kleinen Kind in die Augen schaue und so für eine kurze Zeit eine innige Verbindung zwischen uns entsteht.
Haben Sie Angst vor dem Alter?
Nö. Ich bin doch schon alt. Dabei hatte ich mit 50 Jahren das Gefühl, noch mal in eine Art Pubertät zu geraten. Auch wenn wir es nicht so gravierend wie Frauen erleben: Auch Männer gehen durch eine Art Klimakterium. Aber das habe ich zum Glück schon hinter mir.
Lesezeichen
Ernie Reinhardt: „Waren Sie nicht mal Lilo Wanders? Licht und Schatten auf der Bühne meines Lebens“, Goldmann-Verlag, 272 Seiten, 20 Euro.
Die Serie
In der „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen – um einen Rückblick und eine Vorausschau zu wagen, um eine andere Seite von ihnen vorzustellen oder weil man einige Zeit nichts von ihnen gehört zu haben glaubt. Alle Beiträge unter rheinpfalz.de oder einfach den Code scannen.