Panorama
Eltern vermisst? Geschwister unauffindbar? Susanne sucht.
Wo ist Herbert J.? Nach Aussage der Auftraggeberin soll der Mann 1975 in Köln-Kalk gewohnt haben, allerdings ist nur die Straße bekannt. „In so einem Fall sind Telefonbücher oft mein erster Schritt“, sagt Susanne Panter, während ihr eine Mitarbeiterin der Nationalbibliothek Frankfurt routiniert einen Stapel alter Fernsprechbücher überreicht. Warum ihre Kundin den Mann wiederfinden möchte, weiß Susanne Panter nicht. Sie sei wortkarg gewesen, erzählt sie, es könnte um eine verflossene Liebe gehen. Doch der Grund ist eigentlich Nebensache, denn Panter ist im Jagdfieber.
Personensucherin nennt sie ihren Beruf. Seit 1996 hilft sie ihren Kunden, Menschen zu finden, von denen manchmal nicht mehr als der Name bekannt ist. Susanne Panter recherchiert weltweit, ihre Erfolgsquote liegt angeblich bei über 90 Prozent. Mehr als 4000 Menschen hat sie nach eigenem Bekunden bisher aufgespürt. Ihr schmeichelt der Gedanke, dass diese Zahl den Einwohnern einer Kleinstadt entspricht.
Eigentlich habe sie etwas ganz anderes werden wollen, erzählt sie. „Direkt nach dem Abi auf die Journalistenschule und dann zum ,Spiegel’ , als investigative Reporterin. So hatte ich mir das vorgestellt.“ Sie schmunzelt. Susanne Panter spricht und denkt schnell, manchmal kichert sie über einen lustigen Gedanken, schon bevor sie ihn äußert.
Fernsprechbücher durchpflügen
Als aus den ambitionierten Plänen nichts wird, lernt sie zunächst Bankkauffrau und bildet sich zur Kommunikationswirtin weiter. Das Interesse an detektivischer Arbeit bleibt. Mitte der Neunziger gründet sie nach einem Klassentreffen und den dort üblichen „Was macht eigentlich“-Gesprächen mit einer Freundin einen privaten Personensuchdienst. Gute Freunde sind jedoch nicht automatisch gute Kollegen, nach kurzer Zeit beenden die Frauen ihre Zusammenarbeit. Seitdem forscht Susanne Panter alleine, für Recherchen im Ausland greift sie auf ein Netzwerk von ortskundigen Mitarbeitern zurück.
Es ist bereits der zweite Anlauf bei der Suche nach Herbert J. Vor ein paar Tagen war sie schon einmal in der Nationalbibliothek, die Kundin hatte ihr zunächst ein Jahr in den Achtzigern genannt. Nun soll es doch schon 1975 gewesen sein. Vorsichtshalber hat sich Susanne Panter die Fernsprechbücher der Jahre 1973 bis 1977 aushändigen lassen. Neugierig beginnt sie, die dünnen Seiten der dicken Bücher zu sichten.
Ein Serienstar – mit eher alltäglichen Methoden
Vor ein paar Jahren wurde das Fernsehen auf sie aufmerksam. Der SWR widmete der heute 52-Jährigen unter dem Titel „Die Aufspürerin“ eine mehrteilige Serie, es folgten Einladungen in verschiedene Sendungen. Mit der Realität indes hat die Serie, in der die Frankfurterin ins europäische Ausland oder die USA reiste, wenig zu tun – die meisten Fälle löst sie im Alltag vom Schreibtisch aus.
„Neben dem Melderegister ist das Personenstandsregister meine wichtigste Quelle“, erzählt sie. Seit 2009 sind die hier beurkundeten Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle auch digital verfügbar. Panter schreibt jedoch auch Hausverwaltungen oder ehemalige Nachbarn an, für Nachforschungen in der NS-Zeit greift sie auf Militärarchive oder Akten aus dem Bundesarchiv zurück. Findet sie eine gesuchte Person, macht sie sich mit Hilfe von sozialen Medien ein Bild von deren Lebensumständen.
Zwar findet Susanne Panter auch Jugendfreunde, die erste große Liebe oder die Jahre zurückliegende Zufallsbekanntschaft vom Karneval. Doch der größte Teil ihrer Arbeit besteht aus der Suche nach Angehörigen, meist leibliche Eltern oder Geschwister. Oft kommen diese Aufträge von Menschen, die in den Kriegs- oder Nachkriegsjahren geboren wurden. Eine Zeit, in der nichtehelich gezeugte Kinder ein gesellschaftliches Tabu waren. 2016 gründet Panter die „Herkunftsberatung“, um sich auf derartige Fälle zu spezialisieren.
Die Sache mit der genetischen Einsamkeit
Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er seine Wurzeln nicht kennt? „Es kann zum Beispiel auf Dauer sehr belastend sein, wenn man niemandem in seinem Umfeld ähnlich sieht. ,Genetische Einsamkeit’ hat das eine Psychologin mal genannt“, erklärt Panter. Es gibt aber auch ganz handfeste Gründe für eine Suche, etwa die Frage, ob in der Familie Erbkrankheiten vorkommen. „Vor allem jedoch hat jeder Mensch ein Recht auf die Kenntnis der eigenen Abstammung.“ 2013 entschied das Oberlandesgericht Hamm, dass dieses Recht sogar Vorrang vor der Anonymität hat, die einem Samenspender zugesichert wurde.
Hat man deswegen das Recht, ins Leben anderer Menschen einzudringen? Panter sieht das so: „Ich dringe nicht ein, ich bin nur ein spätes Echo.“ Sie vergleicht ihre Fälle mit Wunden: „Da muss Licht und Luft dran, sonst fangen die an zu eitern“. Sie spricht gern in Metaphern.
Die eigentliche Arbeit sei jedoch gar nicht die Suche, sondern die anschließende Kontaktanbahnung. Denn ihre Recherchen haben Sprengkraft, etwa wenn leibliche Eltern ihrem Lebensumfeld nichts von der Existenz eines weiteren Kindes erzählt haben oder Väter bislang gar nichts von ihrer Vaterschaft wussten. „Die schutzwürdigen Belange der Betroffenen richtig einzuschätzen, ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit“, sagt Panter. Die erste Kontaktanbahnung erfolgt daher meist mit einem Brief, in dem unverfänglich um Mithilfe bei der Familienforschung gebeten wird. So hat der Betroffene bei Nachfragen eine Erklärung.
Die Enttäuschung nach dem Finden
Doch nicht jeder freut sich über die Post aus der Vergangenheit. Im Schnitt jeder Sechste verweigert den Kontakt. Gerade bei der Elternsuche ist das für Panters Klienten hart, handelt es sich doch meist um die zweite Zurückweisung, nach derjenigen im Kleinkindalter. Schon im Vorgespräch bereitet sie ihre Kunden auf diese Möglichkeit vor und vermittelt bei Bedarf spezialisierte Beratung zum Thema „doppelte Kränkung“.
Panter ist selbst Scheidungskind, sie hat vier Stief- und Halbgeschwister. Ihren leiblichen Vater traf sie mit 18 Jahren das erste Mal. Viele Themen aus ihrer Arbeit finden sich auch in ihrem Privatleben wieder. Kommt daher der Wunsch, Menschen wieder zusammenzubringen? Sie denkt nach. „Mag sein. Es hat auf jeden Fall etwas Therapeutisches.“
Nimmt sie einen Auftrag an, leisten ihre Klienten zunächst nur eine Anzahlung. Deren Höhe hängt vom Suchaufwand ab und bewegt sich im mittleren dreistelligen Bereich, der Rest wird erst bei Erfolg fällig. Bei der Recherche und der Kontaktaufnahme ist es ihr wichtig, jeden Schritt mit ihren Klienten abzusprechen, denn viele von ihnen haben schon einmal die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass über ihr Leben entschieden wurde, ohne sie zu fragen. „Ich sage meinen Klienten immer: Sie sind der Busfahrer und haben das Lenkrad in der Hand, ich bin nur der Bus.“ Noch so eine Panter-Metapher.
Heute fährt der Bus jedoch nirgendwo hin, der gesuchte Mann war in der genannten Straße nicht gemeldet. Eventuell muss die Kundin noch mal in ihrem Gedächtnis kramen, sagt Panter. Sie klingt enttäuscht. Ans Aufgeben denkt sie nicht: „Wenn der Name stimmt, dann finde ich ihn.“