Jubiläumskalender Die Oetker-Entführung: „Vieles relativiert sich, wenn Sie dem Tod ins Auge geblickt haben“

Der junge Richard Oetker auf dem Weg zum Gericht, in Begleitung seiner Ehefrau Marion.
Der junge Richard Oetker auf dem Weg zum Gericht, in Begleitung seiner Ehefrau Marion.

Es kostete ihn fast das Leben. Unternehmersohn Richard Oetker war 47 Stunden lang in einer viel zu kleinen Holzkiste gefangen. Trotzdem bot er dem Entführer von Anfang an das „Du“ an.

Richard Oetker ist ein glücklicher Mensch. Das sagt er in einem seiner ersten Interviews überhaupt, im Jahr 2011 war das. Zu diesem Zeitpunkt ist seine Entführung über 30 Jahre her – heute sind es genau 44. Zunächst sprach Oetker nur mit der Presse, wenn es sein musste. Seine schreckliche Geschichte sollte nicht zur Unterhaltung dienen. Doch als sein Entführer Dieter Zlof einen Film über die Tat drehen wollte, reichte es Oetker und er ging selbst mit dem Film „Der Tanz mit dem Teufel“ an die Öffentlichkeit.

1976 wurde Oetker entführt, am 14. Dezember auf dem Parkplatz der Universität Weihenstephan in Bayern. Zlof bedrohte den 25-jährigen Studenten mit einer Pistole und zwang ihn, sich in eine 1,45 Meter lange und 70 Zentimeter breite Holzkiste zu legen. Die Kiste brachte er dann in eine Garage. Er sei ein großer Optimist, sagt Oetker 30 Jahre später im Interview. „Irgendwie, irgendwann komme ich hier schon wieder raus“, habe er in der Kiste gedacht – darauf wollte er vorbereitet sein.

Er versuchte, eine Verbindung zum Entführer aufzubauen und sagte, er hielte nichts von Höflichkeitsfloskeln in dieser Situation. Der Entführer solle ihn doch duzen. Die Antwort: „Ja, Richard, jetzt willst du wohl noch meinen Namen wissen.“ Den verriet Zlof allerdings nicht. Stattdessen warnte er: Oetker sei an einen Stromkreis angeschlossen. Wenn er Krach mache, bekomme er Stromschläge.

Indizienprozess: 15 Jahre Haft

Oetker blieb ruhig. Doch beim Öffnen der Garage machte Zlof Krach und löste den Mechanismus aus. Die Stromschläge ließen Oetkers Körper zucken, die Gliedmaßen schlugen aus. Weil er gefesselt war, brachen seine Knochen. „In dem Moment dachte ich, jetzt ist es aus mit mir“, sagt Oetker später. Doch die Panne rettete ihm wohl das Leben, wie sich herausstellte. Denn Lebensgefahr bestand vor allem, weil die Lunge durch das beengte Liegen beschädigt war. Wegen der Stromschläge durfte Oetker sich in der offenen Kiste aufrichten.

21 Millionen Deutsche Mark (etwa 10,5 Millionen Euro nach heutigem Verständnis) forderte Zlof damals als Lösegeld. Oetkers Vater bezahlte. Bei der Übergabe konnte der Entführer durch einen Trick fliehen und entkam mit dem Geldkoffer. Kurz darauf wurde Richard Oetker in einem alten Auto im Wald gefunden. Zlof wurde erst zwei Jahre später gefasst, als er versuchte, die registrierten Scheine bei einer Bank einzuzahlen. Außerdem wurde seine Stimme von Nachbarn auf einem Tonband erkannt. Er leugnete die Tat, wurde aber in einem Indizienprozess zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Dem Tod ins Auge geblickt

1994 kommt Zlof wieder auf freien Fuß. Er wollte seine Beute, die er vergraben hatte, nun nutzen – schwierig, wegen der registrierten Scheine. Einem angeblichen Angebot aus England, das Geld gegen 75 Prozent des Nennwerts loszuwerden, konnte er nicht widerstehen. So wurde er von Scotland Yard gefasst, das Geld wurde sichergestellt. Ein großer Teil war bereits verrottet, die übrigen 12,5 Millionen Mark bekam Oetker zurück. Seine Tat gestand Zlof erst 1997 offiziell in seiner Biografie.

Oetker bleibt von der Entführung gezeichnet, ist seither stark gehbehindert. Doch die Lebensfreude ließ er sich nicht nehmen: Er arbeitete jahrelang im Familienunternehmen Dr. August Oetker, war von 2010 bis 2016 Geschäftsführer. Die Entführung habe ihm Kraft gegeben: „Ich bin gelassener geworden. Wenn Sie dem Tod bewusst ins Auge geblickt haben, relativieren Sie vieles.“

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. In unserem Jubiläumskalender erinnern wir an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.

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