Panorama Der große Knall vor der Geburt
«New York.» Die große Neuigkeit wird spektakulär verkündet: Auf den sogenannten „Gender Reveal Partys“ sprühen Konfetti-Bomben blaue oder rosa Glitzerschnipsel über Haus und Gäste, verrät das farbige Innere der mit großer Geste angeschnittenen Torte das Geschlecht des Babys oder offenbaren Jedi-Lichtschwerter mit blauem oder pinkem Laser, ob man sich demnächst über einen kleinen Luke oder eine kleine Leia freuen darf. Die Partys sind derzeit der neueste Schrei in Sachen familiärer Festivitäten, die in den USA ohnehin mit weit größerem Aufwand betrieben werden als in Europa. Das beginnt bereits mit dem gern inszenierten Heiratsantrag, geht über die Brautparty bis zur aufwendigst zelebrierten Hochzeit, die 2018 im Durchschnitt 44.000 US-Dollar (rund 36.000 Euro) kostete. Sobald sich Nachwuchs ankündigte, folgt dann die „Baby Shower“, die – analog zum Junggesellinnenabschied – oft von Freundinnen und weiblichen Familienangehörigen ausgerichtet wird und der werdenden Mutter neben den Erinnerungsfotos auch jede Menge Geschenke und Fachwissen rund um die Geburt vermittelt. Die Partyartikel-Industrie überbietet sich in den USA mit immer neuen, spektakuläreren Möglichkeiten, das Geschlecht mit lautem Trommelwirbel aufzudecken. So hat der größte Anbieter Party City 2018 über eine Million entsprechender Artikel verkauft und plant, das Angebot zu verdoppeln. Gekauft werden neben den Klassikern Kuchen, Konfetti und Ballons auch Feuerwerkskörper, Farbpatronen oder Rubbellose. Es gibt Eier, mit wahlweise blauem oder pinkem „Eigelb“, Footbälle mit entsprechendem Farbstoff gefüllt und jede Menge Seiten im Internet voller Inspirationen. Aus europäischer Perspektive, wo es vielerorts als Unglück bringend gilt, wenn vor der Geburt eines Kindes auch nur Geschenke gekauft werden, mutet dieser Aufwand eher seltsam an. Warum also werden familiäre Meilensteine in den USA so exzessiv und mit immer neuen Ideen gefeiert? „Das hat ganz grundsätzlich damit zu tun, dass die kanadische und US-amerikanische Kultur in diesen Dingen sehr konsumorientiert ist und man mit den aufwendigen Feiern zeigt, dass man sich es leisten kann“, sagt Florence Pasche Guignard von der Universität Toronto, die sich dem Thema wissenschaftlich näherte. Mit diesen Festen werde unter anderem eine Lücke gefüllt, die die christliche Religion rund um das Thema Schwangerschaft aufweise. „Anders als beispielsweise im Hinduismus gibt es im Christentum kein Zelebrieren der Schwangerschaft, existieren für diesen Übergang in eine neue Lebensphase keine Rituale“, erklärt sie. Die Partys seien ein willkommener Weg, diese Phase ausgelassen mit Freunden und Familie zu feiern. Inzwischen gibt es auch schon eine Gegenbewegung Voraussetzung sei dabei natürlich, dass die Feiern in einem kulturellen Umfeld stattfinden, in dem es keine Diskriminierung eines Geschlechts gibt, betont die Forscherin. Und so seien auch die Kinder die einzigen, die Enttäuschung zeigen dürfen, wenn sich der dezidierte Wunsch nach einer Schwester oder einem Bruder nicht erfüllt. Für alle anderen sei dies ein absolutes Tabu. Aber auch jenseits solcher Selbstverständlichkeiten sind die Feierlichkeiten in Zeiten, in denen Geschlechtsidentität ein diskutiertes Thema ist, nicht unumstritten. „Für Feministinnen ist es eine heikle Sache“, betont Pasche Guignard – ein Spagat zwischen dem Wunsch, Schwangerschaft und Weiblichkeit ausgelassen feiern zu können, und der Zuweisung eines Geschlechts, bevor das Kind überhaupt geboren ist. Deshalb gebe es inzwischen auch die Gegenbewegung des „Gender Repeals“ (wörtlich: Geschlechts-Außerkraftsetzung), so die Forscherin. Diesen Ansatz vertrat kürzlich auch Jennifer Finney Boylan, Professorin der Columbia University, Transgender-Aktivistin und Reality-TV-Persönlichkeit, in einer Kolumne in der „New York Times“: „Das Geschlecht eines Kindes zu feiern, ehe es überhaupt geboren ist, ist ein heikles Unterfangen. Es schafft Erwartungen darüber, wer dieses Kind sein wird. Und hinterlässt den unglücklichen Eindruck, dass das Geschlecht das Wichtigste an diesem Kind ist, das es zu feiern gilt.“