Zweibrücken / Yorktown
Zweibrücker Soldaten haben die Unabhängigkeit der USA erkämpft
Der 19. Oktober ist das wichtigste historische Datum des Jahres und wird mit „pride, pomp and circumstance of glorious war“ (Shakespeare) gefeiert, mit einem Umzug durch die Stadt, an dem Militärkapellen, Trachtengruppen, Traditionsvereine in historischen Kostümen teilnehmen, Trommeln geschlagen und Pipes gespielt, Salven abgefeuert und Fahnen und Fähnchen geschwungen werden. Das alles passiert in Zweibrückens Partnerstadt Yorktown, denn heute wird dort der Yorktown Day gefeiert, der Sieg über die Briten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Es war an diesem Tag, als im Jahr 1781 General Lord Cornwallis und seine geschlagene Armee kapitulierte und die Waffen und Banner vor den siegreichen Feldherren George Washington und Comte de Rochambeau niederlegten.
Alle vier Jahre nimmt eine Delegation aus Zweibrücken an den Feierlichkeiten teil. Denn die völkerverbindende Freundschaft der beiden Städte, die im Jahr 1978 geschlossen wurde, geht auf dieses historische Ereignis zurück. Die entscheidende Schlacht vor den Toren der kleinen Stadt am York River, die auch „the German Battle“ genannt wird, wurde nämlich durch zwei Regimenter Royal Deux Ponts unter Führung Zweibrücker Kommandeure entschieden, die damit einen wesentlichen Beitrag zur Unabhängigkeit der damaligen Kolonien und Gründung der United States of America beitrugen.
Das kleine Herzogtum auf der politischen Weltbühne
Wie kam das kleine Herzogtum hinter der Grenze der Grande Nation zu dieser Rolle auf der politischen Weltbühne? Die Antwort findet man einige Jahre früher in Paris und Versailles. Dort erregte ein sonderbarer Diplomat Aufsehen, ein Amerikaner, der um Beistand im Freiheitskampf seines Volkes gegen die Kolonialmacht Britannien warb; ein Mann, den man zunächst wegen seines Äußeren und seiner „amerikanischen Art“ als Hinterwäldler belächelte und „le Trapeur“, nannte, den Trapper: In seinen Stiefeln und mit seiner enormen Pelzmütze hob er sich von der eleganten Welt des Versailler Hofes ab. Schon bald aber war Mister Franklin der Mittelpunkt der Feierlichkeiten am Hofe, und die Trappermütze wurde zum dernier cri der Damen in den Salons an der Seine, zum letzten Schrei.
Mit einer dieser Damen, die sich Comtesse de Forbach nannte, verband ihn bald eine herzliche Freundschaft. Das war Marianne Camasse, die Witwe des kurz zuvor verstorbenen Herzogs Christian IV. von Zweibrücken. So ergab sich alsbald auch der Kontakt zwischen dem Diplomaten aus Übersee und den Herzogsöhnen Christian und Wilhelm, inzwischen Offiziere in den beiden Regimentern Royal Deux Ponts, die ihr Vater der französischen Krone unterstellt hatte.
Die politische Großwetterlage begünstigte das Werben Benjamin Franklins um militärische Unterstützung. England beherrschte die Weltmeere, hatte gerade im sechsjährigen Krieg, auf dem amerikanischen Kontinent wegen der Beteiligung indianischer Stämme auf beiden Seiten auch „Indian War“ genannt, die französischen Besitzungen in Klein-Frankreich eingenommen, das nun Kanada hieß, und trat der Grande Nation auf die Füße, wo auch immer sich die Gelegenheit bot. Da hatte die Aussicht, sich mit der Freiheitsarmee Washingtons zu verbünden und den Union Jack aus den Kolonien zu vertreiben, für Ludwig XVI. etwas Verlockendes. Es wurde ein Freundschaftsvertrag geschlossen, dem bald die transatlantische Waffenbrüderschaft folgte. Und am 4. April 1780 war es soweit: Sieben Schiffe mit 300 Kanonen und fünf Regimentern lichteten in Brest die Anker und setzten die Segel. An Bord auch die beiden Kommandanten der Zweibrücker Regimenter, die Grafen Christian und Wilhelm.
Mehr Soldaten fallen dem Skorbut zum Opfer als auf dem Schlachtfeld
Die Überfahrt dauerte über zwei Monate, in denen Stürme und Scharmützel mit englischen Fregatten Alltag waren. Der schlimmste Feind jedoch war der Scharbock, der Skorbut, dem mehr Soldaten zum Opfer fielen als allen Schlachten auf dem anschließenden Feldzug. Brigadier Georg Flohr aus Sarnstall hat die Leiden in einem Reisebericht beschrieben und dankte darin seinem Gott, als er am Morgen des 14. Juni mit seinen Kameraden im kleinen Hafen von Newport an Land gehen konnte und endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
Dies war jedoch nur die Etappe, in der man sich von den Strapazen erholte und auf den Marschbefehl wartete, der erst im folgenden Frühjahr erfolgte. Dann ging es in Eilmärschen nach Süden, denn dort, an der Chesapeake Bay in Virginia, wartete der Feind.
Die Briten verschanzen sich in Yorktown
Die Zeichen standen günstig. General George Washington war mit der einheimischen Miliz zu den französischen Regimentern gestoßen, Admiral de Grasse mit der Flotte von Süden hinzugeeilt, hatte die Bay auf der Seeseite abgeriegelt und die englischen Truppen vom Nachschub abgeschnitten. Der britische Oberbefehlshaber Lord Cornwallis saß mit seiner Truppe in der Falle. Man verschanzte sich in Yorktown und hoffte auf das Kriegsglück.
Sie hofften vergebens, die Briten. Anfang Oktober hatten die Alliierten unter Washington und Rochambeau die Stadt eingeschlossen und schossen sich auf die Festungsanlagen ein. Cornwallis’ letzte Chance war der erwartete Frontalangriff des Gegners in der üblichen Formation: Im schutzlosen Ansturm über das weite Feld vor den Schanzen, hinter wehenden Fahnen mit klingendem Spiel und lautem Hurra; da wären die Verteidiger im Schutze der Palisaden im Vorteil gewesen. Es kam jedoch anders.
Die Angreifer verlegten sich auf eine völlig neue Taktik. Im Schutze der Dunkelheit gruben sie sich in mehreren Nächten mit dem Spaten durch den leichten Flusssand der Ebene bis dicht vor die feindlichen Linien. Der finale Ansturm musste dann nur noch eine kurze Strecke durch das Feuer der Gewehre und Geschütze, um die Schanzen des Gegners zu überrennen. Graf Wilhelm selbst kämpfte an der Spitze seines Bataillons, als man die Redoute Nr. 9 einnahm. Die benachbarte Festung Nr. 10 wurde von der Truppe unter General von Steuben gestürmt. Die Schlacht war im Handstreich entschieden.
Der Zweibrücker Graf sitzt neben George Washington
Zwei Tage später, am 19. Oktober 1781, im Moore House die Kapitulation, für die eine Seite als Siegesfeier, für die andere als Schmach. Die britische Vorherrschaft über den Kontinent war gebrochen, die Unabhängigkeit des neuen Staates besiegelt. An der Festtafel saß Graf Christian neben den Generälen Rochambeau und Washington. Sein Bruder Wilhelm konnte nicht teilnehmen, da er beim Sturm auf die Redoute erhebliche Gesichtsverletzungen erlitten hatte. Ihm blieb die Ehre, wenige Wochen später als erster auf dem Schiff Andromaque die Heimreise anzutreten und in Versailles dem König die eroberten Standarten zu Füßen zu legen.
Im historischen Gedächtnis der Vereinigten Staaten von Amerika ist der Sturm auf die Redoute Nr. 9 durch das Zweibrücker Regiment unauslöschlich eingeprägt. Am Yorktown Day sind sich die Partnerstädte auf besondere Weise verbunden.
Info
Um die Schlacht bei Yorktown geht es auch in Wolfgang Ohlers neuem Buch „Kriegspfad oder Jean Jacques in Amerika – Erzählung aus der Neuen Welt“ (Echo Verlag, 208 Seiten). Es handelt sich um den zweiten Band der Trilogie, die im Januar mit dem Band „Falschgold oder Theater im Schloss“ begonnen wurde und nächstes Jahr mit einem weiteren Band abgeschlossen wird. Erzählt werden die Abenteuer des Jean Jacques Roux, der als Adjutant des Grafen Wilhelm von Forbach mit dem Regiment Royal Deux Ponts in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zieht und an der finalen Schlacht bei Yorktown teilnimmt. Das Buch wird am Freitag, 10. November, um 19 Uhr im Herzogsaal vorgestellt. Derzeit ist es noch nicht erhältlich.