Zweibrücken / Dresden RHEINPFALZ Plus Artikel Zwei Mörsbacher schreiben Stück Geschichte im Kampf gegen Aids

In ihrem Atelier in Mörsbach haben Gilbert Baier und Petra Stricker noch ein paar Exemplare ihrer Anti-Aids-Plakate übrig.
In ihrem Atelier in Mörsbach haben Gilbert Baier und Petra Stricker noch ein paar Exemplare ihrer Anti-Aids-Plakate übrig.

Was Gilbert Baier und Petra Stricker vor fast 40 Jahren zum Kampf gegen die Krankheit Aids beigetragen haben, ist heute ein Fall für ein renommiertes Museum in Sachsen.

Zeitsprung zurück in die 80er Jahre. Eine lebensbedrohliche Seuche verbreitet Angst und Schrecken. Was anfangs vor allem gesellschaftliche Randgruppen, Drogensüchtige und Homosexuelle mit häufig wechselnden Partnern trifft, verunsichert bald die ganze Welt, drängt sich ins Sexualleben junger Leute hinein: Aids. Politik und Gesellschaft sind gezwungen, veraltete Tabus und Moralbedenken schleunigst zu überwinden und der tödlichen Immunschwäche mit klarer Sprache und offensiver Aufklärung den Kampf anzusagen. Eine dieser Kampagnen, die in jenen Jahren in einem Atelier in Mörsbach entstanden ist, findet jetzt den Weg als Exponat in die Dauerausstellung im Deutschen Hygienemuseum Dresden. „Was sich liebt, das schützt sich“, lautete der Slogan, den Gilbert Baier und Petra Stricker seinerzeit für ihre Plakate erdacht hatten – ergänzt durch das Motiv zweier Herzen aus Gummi, innig ineinander verschlungen.

Dieses Motiv mit den beiden Gummiherzen ist jetzt Teil der Dauerausstellung in Dresden.
Dieses Motiv mit den beiden Gummiherzen ist jetzt Teil der Dauerausstellung in Dresden.

„Anfang Mai hat sich das Hygienemuseum bei uns gemeldet“, erzählt Petra Stricker, die zusammen mit ihrem Ehemann Gilbert Baier in Mörsbach die Agentur Formart betreibt. Die Museumsmitarbeiterin Sylke Schäfer berichtete in einer E-Mail in die Südwestpfalz, dass die Dresdner Einrichtung auf zwei Aids-Aufklärungsplakate aus den 1980er Jahren gestoßen sei. Ein kleiner Texthinweis auf den Postern gebe die Agentur Formart als Urheber an. Ob das Museum damit in Mörsbach an der richtigen Adresse sei? Schließlich habe man den Wunsch, die beiden Plakate in die Dauerausstellung zu Gesundheitsthemen aufzunehmen.

Laut Aussage von Sylke Schäfer wächst die „Sammlung von Objekten rund um Körperwissen und Körperpraktiken“ kontinuierlich. So befinde sich in Dresden inzwischen eine der weltweit größten Sammlungen von Aids-Plakaten – mit mehr als 12.000 Exemplaren aus 150 Ländern. Eine Auswahl davon wird im sogenannten Sexualitäten-Saal der Dauerausstellung „Abenteuer Mensch“ gezeigt. Neuerdings sind dort auch die beiden Mörsbacher Poster zu sehen: das Motiv mit den beiden Herzen sowie ein zweites, das eine Tablette abbildet – als Symbol für Information und Aufklärung als „Medizin“ gegen die tödliche Krankheit.

Erst das Saarland, dann die tödliche Krankheit

„In den 1980er Jahren waren wir noch eine kleine, junge Zweibrücker Agentur“, blickt Gilbert Baier gut 40 Jahre zurück. Damals hatte Formart mehrere Werbeaufträge von der saarländischen Landesregierung an Land gezogen – zunächst zur Gestaltung einer Anzeigenserie für das Saarland in überregionalen Tageszeitungen. Die Werbeaktion sollte helfen, das kleine Bundesland von seinem alten Malocher-Image von Kohle, Stahl und Dreck zu befreien. Dem staubigen Klischee setzten Gilbert Baier und Petra Stricker flotte Slogans wie „Das Saarland. Heute schon Europa“ entgegen.

Blick in die Dresdner Ausstellung.
Blick in die Dresdner Ausstellung.

„Dann gab das Saarbrücker Gesundheitsministerium eine Aufklärungskampagne gegen Aids in Auftrag“, erzählt Petra Stricker. „Das war damals noch ein sehr heikles Thema, aber im Saarland war man da schon frühzeitig sehr weit.“ So kam es, dass das Mörsbacher Studio zwischen 1987 und 1990 mehrere Ratgeber-Broschüren und Poster darüber entwarf, was Eltern, Erzieher und Jugendliche über Aids wissen mussten. Teil des Programms waren die beiden Plakate, die das Deutsche Hygienemuseum Dresden jetzt als bedeutsame Zeitdokumente der frühen Aids-Jahre erkannt hat.

Städtetrip im deutschen Osten

„Als die Anfrage aus Dresden kam, musste Gilbert erst mal alle Schubladen links machen, um unsere alten Entwurfsskizzen, Texte und Belegexemplare herauszukramen. Wir haben Sylke Schäfer sofort geantwortet und ihr bestätigt, dass die Kampagne von uns stammt. Daraufhin hat uns das Museum nach Dresden eingeladen, was wir natürlich sehr gerne wahrgenommen haben.“ Am 24. Juni übergaben die Eheleute ihr Archivmaterial im Hygienemuseum an Sylke Schäfer und deren Kollegin Nicole Ritzel. Das Mörsbacher Designer-Ehepaar nutzte die Gelegenheit, um die Tour nach Sachsen mit einem Städtetrip unter anderem nach Erfurt und Weimar zu verbinden.

Sylke Schäfer vom Museum im Gespräch mit Gilbert Baier.
Sylke Schäfer vom Museum im Gespräch mit Gilbert Baier.

Der Satz „Was sich liebt, das schützt sich“, den Gilbert Baier sich seinerzeit hatte einfallen lassen, „erschien uns damals besonders aussagekräftig und sehr passend zum Thema“, erinnert sich Petra Stricker, die in Zweibrücken heute auch als Citymanagerin tätig ist. „Wir hatten sogar ein rosa Gummiherz im Haus – das war ein aufblasbarer Schwimmflügel. Technisch war es in dieser Zeit aber noch nicht so einfach wie heute, zwei Gummiherzen gemeinsam in Bewegung darzustellen. Wir konnten ja noch keine Computer nutzen. Deshalb haben wir Detlef Schmalow mit der Fotografie und Verdopplung des Herzens beauftragt.“

Detail der „Gläsernen Frau“ im Hygienemuseum Dresden
Detail der »Gläsernen Frau« im Hygienemuseum Dresden

Dass das angesehene Deutsche Hygienemuseum die Aids-Kampagne von Formart in ihre Dauerausstellung integriert hat, „ehrt uns natürlich sehr“, freut sich Gilbert Baier. „Schließlich sind wir doch nur eine kleine Zweibrücker Agentur.“

Stichwort: Deutsches Hygienemuseum

1912 gründete der Dresdner Odol-Fabrikant Karl August Lingner in der sächsischen Hauptstadt eine „Volksbildungsstätte für Gesundheitspflege“, um die Bevölkerung über die menschliche Anatomie sowie über gesunde Ernährung, Körperhygiene und Gesundheitsvorsorge aufzuklären. Heute versteht sich das Museum als öffentliches Forum für Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft rund um Medizin und Biologie. Das heutige Gebäude wurde 1930 eröffnet, im Krieg zerstört und zu DDR-Zeiten wieder aufgebaut und von 2001 bis 2005 umfassend saniert und umgebaut. Heute empfängt der populäre Ausstellungs- und Veranstaltungsort rund 280.000 Besucher im Jahr. Als Hauptattraktion gilt ein lebensgroßer, durchsichtig dargestellter „Gläserner Mann“, dem 1935 eine „Gläserne Frau“ zur Seite gestellt wurde.

Das Deutsche Hygienemuseum geht auf die Gründung eines Fabrikanten im Jahr 1912 zurück.
Das Deutsche Hygienemuseum geht auf die Gründung eines Fabrikanten im Jahr 1912 zurück.
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