Zweibrücken / Melbourne
Warum eine Zweibrückerin eine Firma in Australien gegründet hat
Seit August wohnt Irene Becker zusammen mit ihren drei Kindern wieder in der Rosenstadt − vorübergehend, wie sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ betont. In der Brust der 41-Jährigen schlagen zwei Herzen: das einer Zweibrückerin und ein australisches. 2008 ist Becker für zwei Semester Auslandsstudium (Pädagogik und Wirtschaft) nach Melbourne gezogen; mit über fünf Millionen Einwohner neben Sydney die größte Stadt Australiens, gelegen an der Südostküste des Kontinents, allerdings nicht die Hauptstadt Australiens, das ist Canberra. 2011 zog die heute 41-Jährige fest in die Metropole, wanderte nach Australien aus. „Sydney ist wie Hamburg, da werden Cocktails getrunken, und es ist gehobener, Melbourne lässt sich gut mit Berlin vergleichen“, witzelt Becker.
Ihre Karriere in Australien begann im Marketing. Nebenbei hat sich Becker ihre Selbstständigkeit aufgebaut. „In Australien ist die Kinderbetreuung extrem teuer. Was Eltern in Deutschland im Monat bezahlen, kostet das dort pro Tag“, umreißt sie den Grundgedanken ihres Unternehmens. Der australische Durchschnitt in Sachen Kinderbetreuung liegt bei 90 bis 150 australischen Dollar pro Tag, also zwischen 50 und 90 Euro; ein australischer Dollar entspricht etwa 60 Cent. Wie teuer die Kinderbetreuung in „Down Under“ ist, hängt sowohl vom Umfang als auch von der jeweiligen Nähe zum Stadtzentrum ab. Vom Staat gibt es zwar finanzielle Zuschüsse, diese ständen jedoch nur Leuten mit ständigem Wohnsitz sowie australischer Staatsbürgerschaft zu. Zudem reicht die Förderung bei weitem nicht aus, Eltern müssen also einen Großteil der Kosten aus eigener Tasche bezahlen.
Als Beckers eigene Familienplanung dann im Raum stand, war klar: Den Nachwuchs in den Kindergarten schicken ist zu teuer, ihren Job wollte sie aber auch nicht zwecks Kinderbetreuung aufgeben. Die Idee: eine Au-pair-Kraft einstellen. „Aus Deutschland kannte ich das Au-pair-System gut. Warum also keinen Au-pair nach Australien holen?“ Gesagt, getan. Ein Au-pair hat daheim auf die Kinder aufgepasst, Becker und ihr Mann waren im Job flexibel. „Irgendwann hatten dann die Nachbarn Interesse, so ist nach und nach eine Agentur daraus entstanden.“
Jeden Abend geht’s an den Strand
Australien ist teuer, stellt Becker klar. Das gilt sowohl für die Flüge nach Australien, aber auch für Unterkunft und Lebensunterhalt. Die Au-pairs kommen bei ihren Gastfamilien nicht nur günstig unter, sie lernen auch die australische Kultur direkt von Einheimischen kennen. „Die Australier sind entspannter als die Engländer, aber bodenständiger als die Amerikaner.“ Viel Zeit wird an der frischen Luft verbracht, „abends geht es an den Strand“, sagt Becker. Fast alle Australier leben an der Küste, im Landesinneren wohnt kaum jemand. „Wenn jemand sagt, er wohnt weit vom Strand weg, meint er wenige Kilometer“, kommentiert die 41-Jährige. Zudem hat der Sport in Australien einen hohen Stellenwert. Manche Sportarten haben sogar Feiertage, sagt Becker.
Kulturschock für Kinder und Au-pairs
In Deutschland will Becker nun etwa ein halbes Jahr bleiben – zusammen mit ihren drei Kindern. „Für die war es natürlich ein gewisser Kulturschock“, sagt sie. Größte Hürde: Die enorme Zeitumstellung; Melbourne ist zehn Stunden vor der deutschen Winterzeit, Telefonate mit Freunden müssen also gut geplant sein. Und auch das deutsche Schulsystem unterscheidet sich stark vom australischen, meint Becker. Während in „Down Under“ das selbstständige Arbeiten wichtig ist, werde in Deutschland viel mehr aufs Auswendiglernen gesetzt.
Einen Kulturschock erlitten aber nicht nur Beckers Kinder, auch die meisten Au-pairs, die sie nach Australien vermittelt, bekommen diesen spätestens nach ein paar Tagen. „Sie müssen sich darauf einstellen, dass es in Australien anders ist als daheim.“ Ihre Agentur vermittelt aber nicht nur junge Weltentdecker, eigene „Au-pair-Buddys“ sind als Ansprechpartner da und helfen bei der Eingewöhnung. Die Au-pairs stammen übrigens aus der gesamten Welt. Pro Jahr vermittelt Beckers Agentur rund 100 junge Leute.
Was Becker in Deutschland überrascht
Becker ist zwar in Deutschland aufgewachsen, kennt also gut die deutsch-australischen Kulturunterschiede. Eine Sache überrascht die 41-Jährige aber jedes Mal, wenn sie wieder „daheim“ ist − und zwar im Negativen: „Ich bin schockiert, wie viele Unternehmen hier dicht machen.“ Sie, die eine Firma aus dem Nichts aufgebaut hat weiß, wie schwer die ersten Jahre in der Selbstständigkeit sind. „Man wird mit vielen Problemen konfrontiert, von denen man vorher keine Ahnung hatte: Buchhaltung, Steuern und so weiter.“ Umso wichtiger ist es ihrer Meinung für Unternehmen, ruhig Hilfe von Externen in Anspruch zu nehmen. Eine eigene Firma bedeutet für Becker auch eine gewisse Altersvorsorge − vor allem, wenn man selbst irgendwann nicht mehr arbeiten will oder kann. Damit der Laden weiterläuft, braucht es gutes Personal, meint sie. Mit Eintritt in den Ruhestand das über Jahre aufgebaute Unternehmen − egal in welcher Branche − absperren, nur weil sich kein Nachfolger findet, ist für Becker wenig nachhaltig und oft sehr schade.
Internet
Die Au-pair-Vermittlung von Irene Becker findet man im Internet unter 99aupairs.au.