Boule
Von der WM-Nominierung nicht überrascht
Groß war die Überraschung zwar nicht mehr. Trotzdem herrschten großer Jubel und ausgelassene Feierstimmung in Familie und Mannschaft von Gina Müller nach der Nominierung für die Boule-WM.
Seit sie acht Jahre alt ist, spielt Gina Müller aus Ernstweiler mit kleinen Unterbrechungen bei der TSG Mittelbach-Hengstbach Boule, oder wie die Leistungsvariante des Eisenkugelsports auch genannt wird, Pétanque. Pirmasens und Ottersheim waren Auswärts-Stationen der dunkelhaarigen Zweibrückerin, die zusammen mit ihrer Mannschaft im Juni den Verbleib in der Regionalliga Süd gesichert hat. Weil die Runde für dieses Jahr vorbei ist, trainiert sie statt auf den akkurat angelegten und mit feinem Belag versehenen Plätzen am Mittelbacher Sportplatz derzeit auf dem grob geschotterten Parkplatz des Ernstweiler Prinzenparks.
Sehnsuchtsort Villa Borghese
Immer nach der Arbeit, denn die 26-Jährige ist gelernte Erzieherin und betreut im Kindergarten „Haus der kleinen Helden“ in Rimschweiler die Kids. Welcher Belag sie in Rom erwartet, das weiß sie noch nicht. Denn der Spielort der beiden Zweierspielvarianten Doublette Damen (mit Nina Schell aus Baden-Württemberg als Teamkollegin) und Doublette mixed mit dem ebenfalls aus Baden-Württemberg kommenden André Skiba, hat sich bereits zweimal geändert. Derzeit ist die Villa Borghese mit ihrer Parkanlage gesetzt, wenn Spielerinnen aus aller Welt vom 16. bis 22. September um Ruhm und Ehre, Pokale und Preise kämpfen.
Und natürlich kann es auch passieren, dass sie dann dort Weltstars des Boule wie Dylan Rocher aus Frankreich oder Diego Rizzi, der aus Italien stammt, aber für Frankreich spielt, trifft, oder gar gegen sie spielen muss. Denn genauso wie der Bodenbelag, der eine wichtige Rolle beim Boule spielt, sind auch ihre Gegner noch nicht bekannt. Beim Boden hat sie zumindest eine Vermutung. „Ich denke, der Platz ist hart und steinig, nicht tief und somit schnell“, sagt sie. Das bedeutet, die Kugeln laufen schneller als auf tiefen, sandigen Plätzen und die Würfe brauchen daher mehr Gefühl und weniger Kraft.
Als Legerin nominiert
Professionelle Boulespieler werden meist eingeteilt in Schützen, also solche, die gegnerische Kugeln wegschießen, sogenannte Leger, die selten schießen und die eigenen Kugeln vor allem nah an die Holzzielkugel, das Cochonnet, anlegen, sowie Milieu-Spieler, also solche, die beides können. Gina Müller kann beides.
Bei der WM ist sie als Legerin nominiert, während sie in der Regionalliga als gefürchtete Schützin unterwegs ist. Bereits dreimal hat Gina Müller, die von ihrem Vater Walter Müller trainiert wird, an deutschen Meisterschaften teilgenommen, wurde 2011 Dritte bei den Damen und zweimal deutsche Meisterin im B-Turnier.
„Boule ist eine Kopfsache“
Immer mal wieder kommen Anfragen anderer Vereine, ob sie denn nicht Bundesliga spielen möchte oder wenigstens Landesliga in Rheinland-Pfalz. „Aber das will ich zur Zeit nicht, ich bleibe in Mittelbach und der Regionalliga erhalten“, sagt sie bestimmt. Was nicht heißt, dass sie keine Ziele hätte. „Zur WM fahre ich nicht, um zu verlieren“, erklärt sie selbstbewusst. Als Endergebnis wünscht sie sich einen stabilen Platz im Mittelfeld. Damit es dazu kommt, trainiert sie nicht nur mit den Kugeln, sondern macht derzeit auch Meditation und Yoga für die psychische Einstimmung auf den Druck einer Weltmeisterschaft. „Boule ist auch Kopfsache, und ich bin immer noch vor jedem Spiel nervös“, sagt die Erzieherin.
Dass Gina Müller ein Boule-Multitalent ist, hat ihr Vater, der gleichzeitig Mittelbachs Spielertrainer ist und sie auch nach Rom begleiten wird, früh erkannt. Als Anfang Juni der Anruf der Bundestrainerin kam, dem Sichtungsturniere vorangingen, hat der nicht nur gefeiert, sondern auch einen strammen Trainingsplan für seine Tochter aufgestellt. Neben Yoga und Meditation beinhaltet der auch den täglichen Tritt in den Allerwertesten durch ihren Lebensgefährten Jelde Eden, mit dem sie in der Regionalliga zusammen Doublette spielt.
Ein zweites Hobby pausiert
Der zwingt sie nämlich täglich zur Gassirunde mit dem Hund, weil Kondition laut Ginas eigener Aussage eine ihrer Schwächen ist. Bevor es in Rom zur Sache geht, tauscht sie in der Woche zuvor den Schotterparkplatz in Ernstweiler mit Spielfeldern in Monaco bei einem internationalen Damenturnier. Und auch die beiden in Pétanque-Kreisen bekannten deutschen Großturniere in Bacharach an der Mosel und in Travemünde spielt sie noch vor der WM. Zudem stand sie bei der deutschen Meisterschaft im hessischen Tromm auf dem Platz.
Beruf, Privatleben, Training und Turniere unter einen Hut zu bringen, ist für die junge Frau nicht ganz einfach. Ihr zweites Hobby, das Angeln, muss derzeit pausieren. Aber vielleicht angelt sie sich ja in Rom einen Pokal.