Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Retrospektive: Galerie Beck blickt auf das Werk von Katrin Alvarez

In der Ausstellung zu sehen: „Vorahnung“ aus dem Jahr 2014, eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch, Tier und Natu
In der Ausstellung zu sehen: »Vorahnung« aus dem Jahr 2014, eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch, Tier und Natur; hier ein Ausschnitt.

„Zeit ist nur eine Betrachtung“ nennt die Galerie Beck in Homburg-Schwarzenacker ihre aktuelle Ausstellung. Gezeigt wird in einer großen Retrospektive das Werk von Katrin Alvarez. Anlass ist der 80. Geburtstag der international beachteten Künstlerin.

Der Stil von Katrin Alvarez, den sie über die Jahre hinweg konsequent weiterentwickelt hat, fesselt auf den ersten Blick. Bunt sind diese Arbeiten, phantastisch, geheimnisvoll. Aber auf den zweiten Blick irgendwie auch verstörend. Denn inspiriert von dem in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandenen Phantastischen Realismus lenkt Alvarez den Blick weg vom äußerlich Gefälligen hin zur Innenwelt.

Geboren wurde die Malerin 1944 im mecklenburgischen Güstrow als Tochter eines Wehrmachtsoffiziers und einer Architektin und Kunstlehrerin. Sie absolvierte zunächst ein Jurastudium in Köln und ein Volontariat bei der Kölnischen Rundschau, bevor sie autodidaktisch zu malen begann, Gedichte und Kurzgeschichten schrieb und auch einige Jahre in Veterinärpraxen arbeitete.

„Dieses überlaute Getöse von Respektlosigkeit“

Über ihre Kunst sagt sie: „Die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle sichtbar machen zu können, besitzt den höchsten Wert in meinem Leben. Aber vor allem während der letzten Jahre, wenn sich die Nachrichten aus der ganzen Welt in meinem Kopf gegenseitig den Platz streitig machen vor lauter scheinbarer Wichtigkeit, da reichen mir meine Werkzeuge nicht mehr. Dieses überlaute Getöse voller Respektlosigkeit und Aggressivität und die hemmungslose Ausbeutung der Natur machen mich hilflos. Ich suche immer noch nach meiner Verantwortung als Künstlerin: Ein ästhetischer Elfenbeinturm kann nicht genug sein. Ich bin viel zu leise mit meiner Leinwand und meinen Farben.“

Diese Befürchtung bestätigen ihre Arbeiten nicht, vielmehr bestechen sie durch ihre Komplexität und Aussagekraft. In der für den Phantastischen Realismus typischen Kombination von akribischer Detailgenauigkeit mit oft surrealen Themen oder Symbolen visualisiert sie Prozesse der menschlichen Psyche, Gedanken und Träume, die von der Mythologie sowie dem Unbewussten inspiriert sind. Faszinierende, aber auch verstörende Verbindungen von Bizarrem und Vertrautem entstehen so und verzahnen sich in organischer Komplexität.

Endzeitstimmung bei Mensch, Tier und Natur

In „Vorahnung“ aus dem Jahr 2014 stilisiert Alvarez einen Baumstamm als Symbol des Lebens um zu einem menschlichen Körper, dessen organische Struktur sie wie in einem Querschnitt visualisiert. Aus seinen Ästen erwachsen anstelle der erwartbaren Früchte einerseits deutlich erkennbare, menschliche Gesichter, andererseits aber auch anonyme Körper. Auffallend sind die skeptisch-wehmütigen Blicke und die abwehrende oder in sich versunkene Haltung der Gestalten. Ein Fisch im Vordergrund ist von feinen Wurzeln umschlungen und kann offensichtlich kaum noch atmen. Selbst die eigentlich warmen Erdtöne des Bildes nehmen hier einen bedrohlichen Ausdruck an und unterstreichen den dystopischen Charakter des Bildes, der eine Endzeitstimmung im Verhältnis von Mensch, Tier und Natur heraufbeschwört.

Die Frage, wer wir als Menschen sind, drängt sich hier unwillkürlich auf. Und auch Katrin Alvarez beschäftigt sich damit in „Identitäten“ aus dem Jahr 2023. Aus tiefem Dunkel blickt dem Betrachter ein zartes, filigranes Frauengesicht mit verhüllter Traurigkeit entgegen, feine Risse lassen es wie eine Skulptur wirken. Diesen Eindruck verstärkt ein weiteres Gesicht, das rechts aus dem Bild erwächst und Assoziationen an Köpfe von Pharaonen weckt. Links tritt ein dunkles Gesicht hervor. Diese verschiedenen Facetten weiblicher Identitäten sind von einer aus den Köpfen quellenden, undefinierbaren, rötlich-gelben Masse überwuchert – Gehirn, Gedanken, Bewusstseinsströme, die Menschen verbinden, aber auch bedrängen.

Urmenschliche Themen, zeitlos verbindlich

In diesen thematischen Kontext fügt sich auch „Blueprint“ ein, in dem ein Frauengesicht aus einer Vielfalt schemenhafter Gestalten heraustritt, die alle eine Geschichte erzählen und vielleicht Spiegelbilder eines Ichs sind, mit denen sich die Figur in ihren Gedanken auseinandersetzen muss.

Gedanken können sich aber auch wie Parasiten in das menschliche Gehirn hineinbohren; diesen Prozess veranschaulicht Katrin Alvarez in ihrem gleichnamigen Bild. Die elektrischen Vorgänge im menschlichen Gehirn hinter dem schönen, doch leidenden Frauengesicht macht sie durch einen kleinen, elektrischen Schaltkreis auf der Stirn deutlich.

Andere Arbeiten von Katrin Alvarez schaffen durch die Einbeziehung mythischer Symbole eine zeitlose Verbindlichkeit urmenschlicher Themen.

Info

Katrin Alvarez: Zeit ist nur eine Betrachtung. Galerie Beck, Am Schwedenhof 4, 66424 Homburg/Saar, bis 13. September. Geöffnet dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Mehr zum Thema
x