Zweibrücken
Pikser im Minutentakt: 117 Bewohner erhalten Corona-Impfung
„Ich han kä Angschd, ich bin 100 Johr alt un han schun viel erlebt“, sagt Gertrud Härtel vor der Impfung. Die älteste Bewohnerin des Wichern-Hauses ist zugleich die erste Bewohnerin im Speisesaal, der nun als Impfzentrum dient. Trotz vieler Menschen in dem Raum herrscht kein Durcheinander.
Um 19.05 Uhr wird es plötzlich still. Die Helfer stehen dicht nebeneinander und warten, wie die 100-Jährige auch, auf den Impfstoff, der von Apotheker Kurt Andres (Pfalzgrafen-Apotheke) in einem Nebenraum vorbereitet wird. Hans Prager, der designierte Chef des Rotkreuz-Kreisverbands Südwestpfalz, weiß die Seniorin aufzuheitern und zu beruhigen. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich hab’ das schon zwei-, dreimal gemacht. Ich bin der beste Spritzer nördlich von Ixheim.“ Dann geht’s ganz schnell. Der Impfstoff wird auf einem Rollwagen zur ersten Station gebracht, Prager desinfiziert den Oberarm, warnt die 100-Jährige vor „gleich gibt’s einen kleinen Pikser“ – und geschafft. Wo eben noch der Impfstoff in den Arm gespritzt wurde, ist nun ein kleines Pflaster zu sehen. Die tapfere 100-Jährige wird wieder zurück auf ihr Zimmer gebracht.
117 Impfungen am Abend
Für die Ärzte, Helfer und Angestellten des Heimes fängt der Abend jetzt erst richtig an. 117 Bewohner sollen in den kommenden Stunden noch geimpft werden, 26 Bewohner verzichten auf die Schutzimpfung, „viele davon aber, weil wir den gesetzlichen Betreuer vorab nicht erreichen konnten“, schildert Wichern-Haus-Leiter Raphaël Baumann. Am Mittwoch sollen dann 83 Beschäftigte ihre Schutzimpfung erhalten. „Das Ziel ist, dass wir heute Abend alle zwei Minuten eine Impfung schaffen“, sagt Baumann. Alle wollten die Anstrengung für die Bewohner ob des späten Impfbeginns so gering wie möglich halten.
Während es anfangs noch etwas hakt, spielen sich die Abläufe schnell ein: Mit einem Aufzug werden die Bewohner nach und nach ins Erdgeschoss gebracht und dann in den Speisesaal geschoben. Am Eingang wird überprüft, ob es sich um den richtigen Impfling handelt, und ob der Bewohner seit dem Aufklärungsgespräch weitere Medikamente einnehmen musste. Dann geht’s zu einer der vier Impfstationen, piks und die nächsten sind an der Reihe. Parallel dazu ist ein Impfteam im Haus unterwegs, dass die Patienten impft, die nicht mehr mobil sind.
Land wechselt die Strategie
Baumann ist froh, dass es am Dienstag grünes Licht aus Mainz gab und die Zweibrücker Heime nun auch mit Impfstoff versorgt werden. „Zuletzt war es schon eine kleine Hängepartie und ein Wechselbad der Gefühle“, sagt Baumann. Am Dienstagmorgen gegen 10 Uhr habe er erfahren, dass das Land seine bisherige Strategie aufgibt, zunächst nur den Heimen in Corona-Hotspots Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Das Problem: Viele dieser Heime hatten offenbar die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen – das Wichern-Haus hingegen schon. In einem Kraftakt haben Baumann, seine Angestellten, Rotkreuz und fünf Zweibrücker Ärzte dafür die Weichen gestellt, dass das Wichern-Haus am Sonntag impfbereit war. „Nur so viel: Es wurden rund 3000 Seiten Papier für die Aufklärungsgespräche ausgedruckt, Betreuer einbestellt, und, und, und. Das war eine geile Teamleistung, was hier runtergerissen wurde. Da hat keiner an die Feiertage gedacht“, lobt Baumann. Entsprechend groß sei nun die Erleichterung, dass es endlich losgeht. Unterdessen fährt erneut der Rollcontainer mit den Impfstoffspritzen an Baumann vorbei: Die nächsten vier Impflinge warten schon.