Zweibrücken
Omas Vergangenheit: Spurensuche in Zweibrücken und den Niederlanden
„Erst seit einem Jahr weiß ich, dass meine Oma Deutsche war“, sagt die Niederländerin Natasja Kluit. Und nicht nur das: Großmutter Anna, die wie Kluit jahrzehntelang in einem Ort in der Nähe der südholländischen Universitätsstadt Leiden wohnte, ist 1917 in Zweibrücken geboren und war offenbar Anhängerin der Nazis. Ganz im Gegensatz zu ihrem Onkel Otto Vollmar, der in der Rosenstadt als Lebensmittelhändler und Fuhrunternehmer bekannt war und den Faschisten hier ein Dorn im Auge war.
Zusammen mit ihrem Ehemann Mark Schellekens hält sich Natasja Kluit zurzeit in Zweibrücken und der Saar- und Südwestpfalz auf, um nach Spuren ihrer Familie zu suchen, von der einige Mitglieder einst in die Niederlande ausgewandert sind. In Zweibrücken geblieben ist Otto Vollmar, der bis zu seinem Tod 1977 eine Obst- und Gemüsehandlung sowie eine Transportfirma in der Hofenfelsstraße 95 betrieben hat. Während der Naziherrschaft hat er viel riskiert, indem er ausländischen Zwangsarbeitern immer mal wieder Obst aus seinem Laden zusteckte, was in der Diktatur streng verboten war. Und weil er in seinem Lastwagen noch bis weit in die 30er Jahre Schlachttiere für befreunde jüdische Viehhändler transportierte, wurde sein Schaufenster damals mit Nazi-Sprüchen wie „Judenladen“ beschmiert. Ein Artikel im NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ schmähte Otto Vollmar als „Judenfreund“.
„Es war sein großes Glück“, sagt die Nachfahrin Natasja Kluit, „dass seine Tochter, die im Gemüseladen mithalf und in Zweibrücken als ,Sauerkraut-Liesel’ bekannt und beliebt war, mit einem Nazi-Funktionär verheiratet war. Der war wohl Ottos Schutz vor Verhaftung und womöglich dem KZ.“
Ein strammer Nazi sei auch Ottos Bruder Hermann Vollmar gewesen, ergeben die Recherchen der Nachfahrin. Wie Otto und der dritte Bruder Karl hatte Hermann bei Dingler in Zweibrücken den Schlosserberuf erlernt; anschließend war er als Kesselschmied-Handwerksbursche auf Wanderschaft im In- und Ausland unterwegs. Unter anderem in Antwerpen, wo er die Niederländerin Anna van den Buuse kennenlernte, die er 1914 in Völklingen heiratete – Natasja Kluits Urgroßmutter.
Kollaborateur im Weltkrieg
Als Soldat im Ersten Weltkrieg verwundet, wanderte Hermann in der anschließenden Krisenzeit 1920 mit Frau und Tochter in die Niederlande aus. Dort, in Leiden, schloss sich die Familie später einer nationalistischen auslandsdeutschen Gemeinschaft an, die mit Bier- und Musikfesten, Heimatabenden und einer eigenen Zeitung ihrem extremistischen Deutschtum frönte. „Von alldem hatten mein Vater und mein Onkel keine Ahnung“, erzählt Natasja Kluit, dass sie und ihr Ehemann Mark erst vor einem Jahr der Wahrheit auf die Spur gekommen seien. Vorher jahrzehntelang unter Verschluss, wurden 2024 in den Niederlanden Dokumente aus der Nachkriegszeit veröffentlicht: Darin geht es um die Überprüfung von 400.000 Niederländern, die der Kollaboration mit Nazi-Deutschland während der Besatzungszeit verdächtig waren. In diesen Akten tauchen Hermann Vollmar, der seit 1938 einen niederländischen Pass besaß, sowie dessen Ehefrau und die Tochter Anna auf: Letztere ist Natasja Kluits Großmutter.
„Ich wusste nicht, dass meine Oma Deutsche war“, berichtet die Niederländerin. „Ihr Leben lang hatte sie nie etwas vom Krieg erzählt. Wir wussten nur, dass sie 1942 in Leiden einen holländischen Nationalsozialisten geheiratet hat. Von dem ließ sie sich in den 50ern scheiden. Sie sagte, ihr Exmann war ein Nazi – sich selbst hat sie dabei ausgeblendet.“ Für Natasja Kluit war Anna Vollmar „immer Holländerin und meine tolle, liebe Oma gewesen“. Und erst jetzt haben Kluit und Schellekens erfahren, dass Urgroßvater Hermann im Krieg als Scherge der deutschen Besatzer zahlreiche junge Holländer aus seiner Nachbarschaft auswählte, um sie zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppen zu lassen.
Geschichte einordnen
„Wenn wir unsere Nachforschungen beendet haben, möchte ich ein Buch darüber schreiben“, sagt Natasja Kluit. „Ich will verstehen, wie meine Oma zum Nazi werden konnte. Für so etwas muss man die ganze Geschichte kennen und einordnen können.“
In ihrem Buch wird sie auch die Rolle von Hermanns Bruder Karl würdigen, der Sozialist war und ebenfalls in die Niederlande zog, dort aber die Staatsbürgerschaft nicht bekam. „Unter deutscher Besatzung hatte er Schwierigkeiten, weil seine Kinder nicht in der Hitlerjugend waren. Deshalb bekam seine Familie keine Lebensmittelkarten. Aber Freunde vom holländischen Widerstand haben ihn damit versorgt.“ Zwischen dem Nazi Hermann und dem Antifaschisten Karl kam es zum lebenslangen Bruch.
Zurzeit recherchieren Natasja Kluit und Mark Schellekens im Landesarchiv Speyer und in Zweibrücken, wo sie neben dem Stadtarchiv auch die letzten noch lebenden Verwandten besuchen. Schon vor einiger Zeit haben sie herausgefunden, dass die berüchtigte Rede, die Propagandaminister Joseph Goebbels am 6. Mai 1934 auf dem Balkon der Zweibrücker Festhalle gehalten hat, seinerzeit im deutschen Rundfunk live übertragen wurde und auch in Holland zu empfangen war. Der Radioprogrammteil der Leidener Zeitung hatte die Goebbels-Übertragung vorab angekündigt.