Saarbrücken
Napoleon am Staatstheater: Aktueller denn je
In drei Stunden fordert Regisseur Armin Petras das Publikum mit Lautstärke, schnellen Schnitten und ständig wechselnden Darstellern. Ein Meisterwerk. Wie ein opulentes Schlachtengemälde von Erneste Meissonier erzählt Regisseur Armin Petras die Geschichte Napoleons am Saarbrücker Staatstheater. Einige Gemälde verschiedener Künstler präsentiert er sogar anfangs – in Gold gerahmt – auf der Bühne und einmal hält das Ensemble inne, um selbst zum Gemälde zu erstarren. Der Regisseur, der an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Regie studiert hat, orientiert sich immer wieder an bekannten Gemälden des Imperators und unterstellt ihm, dass er mit den Darstellungen bewusst seine Geschichte manipuliert und nach seiner Manier erzählen lässt. Eine Version, die die Legende vom strahlenden Held nährt, und eindeutig eine Parallele zur heutigen Medienmanipulation zieht. So zum Beispiel, als Bonaparte als junger korsischer General für die Alpenüberquerung lieber einen Esel anfordert, da dieser – das weiß er aus Erfahrung – für die Berge geeigneter sei als prächtige Schimmel. In Öl fixiert erscheint er allerdings genau so, dargestellt auf einem weißen Pferd.
Petras erzählt die Geschichte von Männern, die Macht bekommen, sie missbrauchen und in ihrem Wahn ihre Macht immer weiter ausbauen, koste es, was es wolle und auch weitermachen, wenn der Etat am Ende ist. Die Parallelen zur jüngeren Geschichte im 20. Jahrhundert und zum Heute sind gewollt. Im Hintergrund laufen immer wieder Kriegsszenen aus den beiden Weltkriegen.
Wechselnde Koalitionen der Großmächte
Über drei Stunden Bühnenkunst präsentiert Armin Petras dem Saarbrücker Publikum in fünf Bildern eine weitgehend historische Abfolge der politischen Karriere, aber auch des Privatlebens Napoleons.
Dabei wechseln acht Schauspieler immer wieder die Rollen und allein vier von ihnen zeigen unterschiedliche Facetten der Napoleonfigur. Verwirrend ist das in keiner Weise – eher angebracht, um die wechselnden Koalitionen der Großmächte sowie die Charakterveränderungen Napoleons aufzuzeigen. Betont der anfangs, dass er nur an Ruhm und Glück interessiert sei und nicht an politischer Macht, will er schon bald unbedingt Kaiser werden und führt Krieg gegen die ganze Welt, um Frieden zu haben. Aus dem blonden Jüngling (John Armin Sander), der – als er seine künftige Frau Josephine de Beauharnais trifft, eher wirkt, als sei er ihr Sohn und der Bruder ihrer beiden Töchter, wird eine machtbesessene Seele, die mal von Sébastian Jacobi, mal von Wolfgang Michalek und auch von Anna Jörgens sowie Bernd Geiling verkörpert wird. Manchmal sind sogar zwei Napoleonfiguren auf der Bühne, die miteinander konkurrieren.
Vielschichtiges Bühnenbild
Beeindruckend ist das Bühnenbild, entworfen von Julian Marbach, das vielschichtig daherkommt, Aufstieg und Fall auch mit technischen Möglichkeiten vor Augen führt. Ist der Raum anfangs dreigeteilt, wird er bald eins, dessen Boden letztendlich Napoleon verschluckt. In einer Badewanne, in der alle fünf Schauspieler versammelt sind, die ihn verkörpern, geht er unter.
Nach Motiven von Carl Hauptmann, Ferdinand Bruckner und Abel Gance erzählt der Regisseur die Geschichte Napoleons, die am Samstag im Großen Haus des Saarländischen Staatstheaters Premiere feiert, und einer monumentalen Dokumentation gleicht. Am oberen Bühnenrand sind jeweils die Orte, das Datum und das Geschehen geschrieben. Die Geschehnisse, ein Abriss europäischer Geschichte von 1795 bis 1821, wird von den Schauspielern live auf der Bühne präsentiert und durch Video-Einspielungen in schwarz-weiß ergänzt.
Monumentale Inszenierung
Durch den gewaltigen Chor bekommt die Inszenierung etwas Monumentales – und Tragisches. In Sprechgesängen fordert das Volk das Seine, singt Arbeiterlieder und klagt an. Dass das Volk auch heute nicht gehört wird, bildet der Regisseur ab, als die Sänger am Ende in moderner Kleidung auf der Bühne stehen. Doch die Katharsis bleibt aus, weiß der Zuschauer, dass sich solche Machtspiralen wiederholen. Man sollte alles über alle wissen, um Verbrechen zu verhindern, lässt der Regisseur seinen Imperator sagen und plakatiert damit das Heute und die nahe Zukunft.
Nach seiner Antigone-Inszenierung ist Armin Petras am Saarländischen Staatstheater eine weitere großartige Regiearbeit gelungen. Petras war Oberspielleiter am Theater Nordhausen, Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel, Hausregisseur am Schauspiel Frankfurt und Kurator der Spielstätte Schmidtstrasse12 in Frankfurt am Main. Von 2006 bis 2013 führte er als Intendant das Berliner Maxim Gorki Theater. Von dort wechselte er als Intendant ans Schauspiel Stuttgart. Ab der Spielzeit 2018/19 war Armin Petras Hausautor und Hausregisseur am Theater Bremen, ab 2020 am Staatstheater Cottbus. In den letzten beiden Jahren leitete er im Kollektiv das Schauspiel am Staatstheater Cottbus. Daneben inszenierte er an diversen Theatern. Außerdem ist er oft unter dem Pseudonym Fritz Kater Autor zahlreicher Theaterstücke.
Das Premierenpublikum der Uraufführung erlebt trotz Überlänge einen kurzweiligen Abend und quittiert das Stück mit einem satten, begeisterten Applaus. Zwei Drittel der Theaterbesucher lässt es sich nicht nehmen, die Schauspieler mit Bravo-Rufen und Ovationen im Stehen zu feiern.
Weitere Aufführungen
25. und 27. Januar, 3., 6., 13. und 27. Februar sowie am 5. und 22. März und am 9. und 22. Mai. Karten gibt es an der Vorverkaufskasse des Saarländischen Staatstheater und unter staatstheater.saarland. Am 25. Januar, 11.30 Uhr, findet in der Alten Feuerwache ein Theatergespräch mit Daniel Cohn-Bendit und Markus Messling (Käte Hamburger Kolleg Cure) zu „Napoleon“ statt, das von Tilla Fuchs (SR Kultur) moderiert wird.