Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Nachfrage bei Zweibrücker Jugendpsychiatrie groß – Südwestpfalz nicht gut versorgt

Die Fachärztinnen Annette Voran und Petra Heidkamp (von links) im Patientengespräch.
Die Fachärztinnen Annette Voran und Petra Heidkamp (von links) im Patientengespräch.

Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen müssen in der Region mitunter lange nach einer Anlaufstelle für professionelle Hilfe suchen. Eine solche bietet sich seit vier Wochen nun am Zweibrücker Schlossplatz.

„Weit und breit sind wir die einzige Einrichtung dieser Art“, sagt die Fachärztin Annette Voran, die mit ihrer Kollegin Petra Heidkamp das Zweibrücker Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie führt. „Dabei ist in der Region der Bedarf an Terminen sehr groß. Theoretisch könnten wir eine Warteliste für die nächsten zwei Jahre aufstellen.“ Denn in puncto Kinder- und Jugendpsychiatrie sei die Südwestpfalz nicht gut versorgt. „Die nächstgelegenen Einrichtungen befinden sich an der Homburger Uni, in Klingenmünster und an der SHG-Klinik Saarbrücken.“ Zudem gebe es noch jeweils eine Praxis in Kaiserslautern und Landstuhl. Weil jugendpsychiatrische Praxen Mangelware sind, reisen Patienten auch aus Trier, Bad Bergzabern und sogar Stuttgart nach Zweibrücken, um hier die Einrichtung aufzusuchen. „Wir bieten auch Videosprechstunden an, in denen wir junge Leute weiter betreuen können, die inzwischen zum Studieren weggezogen sind – bis nach Berlin.“

In weniger dringlichen Fällen, so Voran, müsse man durchaus ein halbes bis ganzes Jahr auf einen Termin warten. „Bei Akutpatienten muss das natürlich schneller gehen. Und bei Autismus – vor allen bei den Kleinen im Vorschulalter – sorgen wir dafür, dass diese Kinder so früh wie möglich in die Förderung und Therapie kommen.“

Seit Corona nehmen die Depressionen zu

Ambulant betreut werden Kinder und Jugendliche vom Babyalter bis 21 Jahre. „Das geht bei den ganz Kleinen mit Fütter- und Schlafstörungen los“, schildert Heidkamp, dass bei den Größeren dann zunehmend ADHS, Lese-Rechtschreibstörungen und Depressionen im Mittelpunkt stehen. „Das war schon vor Corona so, und seither ist es noch viel mehr geworden“, berichtet die Fachärztin, dass viele Jugendliche stark unter den Pandemiebeschränkungen gelitten hätten. „In einer Lebensphase, in der sie normalerweise rausgehen und miteinander etwas unternehmen müssen.“ So hätten die Depressionen spürbar zugenommen, Essstörungen und soziale Ängste.

Jörg Eschmann und Patrick Schaefer (beide Gewobau) sowie Annette Voran und Petra Heidkamp im Gruppenraum unterm Dach.
Jörg Eschmann und Patrick Schaefer (beide Gewobau) sowie Annette Voran und Petra Heidkamp im Gruppenraum unterm Dach.

Ein weiterer Schwerpunkt der Praxis ist die Arbeit mit autistischen Kindern, die die gebürtige Münchnerin Annette Voran als ihr persönliches Spezialgebiet bezeichnet.

Anfänge in der Hallplatz-Galerie

Ihre Praxisräume teilen sich Heidkamp und Voran in einer sogenannten Berufsausübungsgemeinschaft: Dieses Wort-Ungetüm ist die heute branchenübliche Bezeichnung für das, was früher Bürogemeinschaft hieß. Mit Katrin Stolz haben die beiden Gründerinnen eine dritte Fachärztin angestellt; hinzu kommen drei Assistenten, die hier in der Praxis zu Fachärzten weitergebildet werden, sowie zwölf ebenfalls angestellte Therapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter, Erziehungswissenschaftler, Krankenschwestern und Medizinische Fachangestellte (MFAs). „So können wir eine ganzheitliche Versorgung bieten“, sagt Annette Voran, dass man neben den Eltern der jungen Patienten auch mit regionalen Krankengymnasten, Schulen und den Kollegen an der Homburger Uniklinik eine enge Zusammenarbeit pflege.

Zunächst seit Februar 2018 in der Hallplatz-Galerie ansässig, hatte die sozialpsychiatrische Versorgungspraxis zuletzt in den Räumen der früheren Kita Klitzeklein in der Canadasiedlung eine Bleibe gefunden. Übergangsweise, bis zum Ende des Umbaus der neuen Domizils am Schlossplatz 11. Lange Zeit hatte das Geschäftshaus in der Innenstadt als Sitz der Wohnungsbaugesellschaft Gewobau gedient. Als diese vor drei Jahren ihren Sitz ins ehemalige City-Outlet verlegte, fiel bei der Gewobau der Beschluss, das zentral gelegene Stadthaus zu sanieren und zu vermieten. Heute wird eine Etage des Gebäudes von der Finanzabteilung des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums aus der 22er Straße belegt; in den beiden weiteren Stockwerken kümmert sich seit vier Wochen nun das Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie um seine Patienten.

Spiel- und Lernstube für die Canadasiedlung

Petra Heidkamp, die aus Vechta in Niedersachsen stammt, fühlt sich von der Gewobau sehr gut unterstützt. „Bis unsere neue Praxis am Schlossplatz fertig war, hat sie uns die frühere Kita Klitzeklein zur Verfügung gestellt.“ Diese Räume in der Ontariostraße beherbergen seit Jahresbeginn übrigens eine neue Spiel- und Lernstube. Gewobau-Geschäftsführer Jörg Eschmann: „In der Canadasiedlung leben ja jetzt sehr viele Familien mit kleinen Kindern. Deshalb sind wir mit der Spiel- und Lernstube aus der Webenheimstraße umgezogen. Dort wohnen heute vor allem alleinstehende Männer. Da ist der Bedarf stark zurückgegangen.“

Alles in allem hat sich die Gewobau den Umbau ihres Bürogebäudes am Schlossplatz 11 runde 2,4 Millionen Euro kosten lassen. Diese Summe ist nach Auskunft des Architekten Patrick Schaefer in die Dämmung der Fassade und des Daches geflossen, in dreifach verglaste Fenster und den Austausch der aus den 1950er Jahren stammenden technischen Infrastruktur. „Jetzt sind wir auch ganz weg vom Gas und haben eine Wärmepumpe installiert, die durch eine Solaranlage auf dem Dach unterstützt wird.“

Die Zweibrücker Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist am Schlossplatz 11 ansässig.
Die Zweibrücker Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist am Schlossplatz 11 ansässig.

Jörg Eschmann geht davon aus, dass das Gebäude „für die nächsten 20 bis 30 Jahre auf dem aktuellen technischen Stand“ sein werde.

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