Zweibrücken
Laith Al-Deen verspricht: „Wir werden in Zweibrücken klotzen“
Sie sind mittlerweile seit über 20 Jahren musikalisch unterwegs – zumindest veröffentlichen Sie so lange schon Alben. Wie hat sich in dieser Zeit Ihre Musik verändert?
Das ist eine Wellenbewegung. Ich begann als eher wüster Bandmusiker. Die anderen, mit denen ich später gespielt habe, sind dagegen mit Techno und Electro groß geworden sind. Diese Einflüsse haben wir dann auf zwei Alben hörbar gemacht. Dann löste sich das alles wieder in Richtung eines Bandsounds auf. Das war ein Prozess, den ich erstritten und den wir dann gemeinsam beschritten haben. Anschließend ging das in Wellenbewegungen weiter, je nach dem Produzenten entweder mit etwas mehr Handgemachtem, mehr Elektronik, ein bisschen die 80er, ein bisschen die 90er Jahre im Blick, mal reduzierter, mal geklotzter. Und das ist genau das, was ich auch auf der Bühne mache. Die Musik soll frei sein. Es fällt mir schwer, Musik nur abzubilden, also einen Song in der immer gleichen Version x-Mal hintereinander zu spielen. So würde ich auch meine Platten beschreiben. Die Stärke meiner Musik ist wahrscheinlich der Wechsel in der Beständigkeit – ein Bild, das mir sehr gefällt.
Sie haben gesagt, Sie waren ein wüster Bandmusiker. Ist der Heavy Metal Metal Ihre alte Liebe?
Ja. Als ich 16 war – also vor drei, vier Tagen – war ich bei einem Napalm- Death-Auftritt in der Alten Feuerwache in Mannheim. Noch heute habe ich das T-Shirt von dem Konzert. Neben einem Iron-Maiden-Schal ist das der einzige Merchandise-Artikel, den ich mir je gekauft habe. Dieses T-Shirt besteht eigentlich nur noch aus Löchern, aber ich kann mich nicht davon trennen. Damals hatte ich meinen ersten Vier-Tage-Tinnitus, gepaart mit einem dreitägigen Hals-Schleudertrauma vom Headbanging. Das hatte ich danach so nie wieder. Der Metal aber bleibt meine alte Liebe, der ich allerdings nicht mehr all zu oft fröne.
Musikalisch haben Sie in dieser Richtung aber nicht weiter gemacht?
Meine musikalischen Anfänge waren tatsächlich viel härter – da ging es ordentlich zur Sache. Aber es hat bei mir auf der Rock-Seite nie richtig geklappt, weil ich immer auch andere musikalische Einflüsse hatte. Man kommt dann relativ schnell zu Sachen wie Funk-Rock oder paart die Musik mit irgendwelchen R&B-Elementen.
Sie waren bei Napalm Death in Mannheim, wo Sie auch heute noch leben. Was reizt Sie an dieser Stadt?
Mannheim ist für mich ganz klar mein Heimatort. Die Stadt ist eine innere Perle, die man tatsächlich erst einmal ausgraben muss, und dann klappt das auch. Wegen des Stadtbildes zu bleiben, wäre mutig.
Am Samstag treten sie im Zweibrücker Rosengarten auf. Was verbinden Sie mit der Stadt?
Nichts. Ich kann mich aber erinnern, dass irgendein Kollege mal einen geografischen Fauxpas beging, indem er Zweibrücken als Stadt im Saarland huldigte und daraufhin einen kleinen Shitstorm – wie ich glaube zurecht – auslöste. In dem Eck kann es relativ schnell passieren, dass man die Grenzen verwischt. Wir haben ja auch öfter in Saarbrücken oder Saarlouis gespielt und geben am 26. September ein Strandkorb-Konzert am Bostalsee. Aber auf Zweibrücken bin ich total gespannt, denn ich bin mir sicher, dass die Pfälzer dort sehr feierlustig sind.
Sie haben gerade das Strandkorb-Konzert angesprochen und haben auch schon Autokino-Konzerte gegeben. Wie zufriedenstellend sind solche Formate für Sie als Musiker?
Es ist extrem befremdlich, wenn man – wie wir im letzten Jahr – ein Konzert gibt, bei dem die Besucher noch nicht einmal die Fenster der Autos ganz öffnen und auch nicht hupen durften. Das ist schwierig und lässt viele Dinge, die ein Live-Konzert ausmachen, offen. Wir hatten danach noch einmal ein Konzert, bei dem Hupen erlaubt war, dadurch gab es zumindest ein wenig Interaktion. Und sobald Interaktion mit dem Publikum stattfindet, ist das auch für uns Musiker wesentlich angenehmer. Und ich möchte das eigentlich auch nicht mehr missen. Das ist das Salz in der Suppe.
Können Sie es nachvollziehen, dass Helge Schneider seine Strandkorb-Konzerte abgesagt hat, da er während der Tournee festgestellt hatte, dass ihm dieses Format nicht passt?
Ja, ich kann das verstehen. Das Argument, „ich kann mich nicht konzentrieren“, ist allerdings Ansichtssache. Von einem eingefleischten Helge Schneider-Fan weiß ich, dass das kein Einzelfall bei Helge war. Diese Abbrecherei hat bei ihm auch nicht viel mit den Strandkörben zu tun. Dass ihm die Kommunikation mit dem Publikum fehlt, kann ich aber nachvollziehen.
Was war für Sie musikalisch in der langen Corona-Zwangspause überhaupt möglich?
Ich habe nicht wie manch andere Kollegen in kreativen Ergüssen mehrere Alben vorbereitet, sondern habe mich mit den drei Kindern meiner Freundin beschäftigt. Und das war tatsächlich eine sehr schöne Sache. Sich auf einen ganz anderen Alltag einzustellen, war zwar keine besonders leichte Übung, aber es hat funktioniert und hat mich auch ein bisschen von der Musik weggebracht. In den letzten Monate spüre ich aber, wie der Hunger nach dem Schreiben, nach der Musik zurückkommt, und das ist für mich eine sehr positive Entwicklung.
Das heißt, Sie arbeiten an einem neuen Album?
Genau. Und es macht großen Spaß. Wir haben ein tolles Akustik-Konzept am Start, das sich gerade aktuell auch live sehr, sehr gut umsetzen lässt. Wenn man Akustik-Konzept sagt, meinen die Leute immer, dass es besinnlich zur Sache geht, aber akustisch und besinnlich hat mit Laith Al-Deen und der Band nichts zu tun. Und so werden wir in Zweibrücken schon ein bisschen klotzen.
Haben Sie Druck verspürt, ein neues Album zu veröffentlichen – zwischen dem letzten und dem vorletzten lagen immerhin vier Jahre?
Wenn ich Jahr für Jahr ein Album veröffentlichen würde, hätte ich ja jetzt schon 20 Stück. Das kann man natürlich machen, wenn man so viel Output hat – ich habe den aber nicht. Bis zum letzten Album hatte ich einen klassischen Zwei-Jahres-Rhythmus, da es ja noch ein Live-Album und ein Best of... gab. Und ich finde, wenn man sich die Alben herauspresst, werden sie nicht unbedingt besser. Nächstes Jahr möchte ich mit einem neuen Album herauskommen.
Gibt es Druck durch die Fans?
Das ist eine gute Frage: Obwohl ich durchaus den einen oder anderen Motivationskick vertragen kann, nervt es manchmal doch sehr. Der Druck baut sich hauptsächlich durch die Sozialen Medien auf. Wenn man einigen Kollegen auf Social Media folgt und feststellt, wie umtriebig sie sind, gerät man unterbewusst immer mehr in Zugzwang: „Verdammt, bei denen läuft’s, lass uns also mal nachlegen, damit ich ähnliche Botschaften aussenden kann.“ Das kenne ich so von früher nicht. Es beruhigt mich dann immer wieder, wenn ich den einen oder anderen Musiker-Kollegen treffe, der sagt, „du weißt doch wie das ist mit Social Media, manche Sachen sehen nach mehr aus, als sie sind“.
Welche Bedeutung hat eine CD für Sie, denn Geld wird heute ja fast nur noch mit Konzerten verdient?
Das ist tatsächlich so, obwohl ich immer noch ein Freund des klassischen Albums bin. Ich habe mich vor ein paar Tagen mit Schreiber-Freunden in Hamburg getroffen. Wir haben Musik gehört, wohl zu 60 Prozent von Platten, also von Vinyl oder CD, und haben festgestellt, dass allein schon der Prozess des Auf- oder Einlegens die Aufmerksamkeit gegenüber der Musik ein Stück zurechtrückt. Das Streamen ist dagegen etwas, was eher nebenher passiert. Wobei ich das gar nicht schmälern möchte, denn ich finde es schon sehr praktisch, so leicht die Musik der Welt hören zu können, was wirtschaftlich für uns Musiker jedoch auf einer unterirdischen Basis abläuft. Das Album, wie ich es liebe, ist da schon Geschichte, und mal sehen, wie viele Liebhaber dafür bleiben werden.
Sitzplatz-Tickets sind erhältlich unter swr.de/sommerfestival oder telefonisch unter 06131/929 20400 und kosten 16,50 bis 25 Euro plus Gebühren.