Zweibrücken
Kult-Fischhändler vom Zweibrücker Wochenmarkt hört auf
„Garnelen, bitte.“ – „Mit Schale oder ohne?“, fragt Michael Weyand. Dann ist schon der nächste Kunde am Zweibrücker Alexanderplatz dran. Nachdem der seine gewünschte Ware bekommen hat, holt Weyand einen großen Beutel aus der Gefriertruhe seines fahrenden Marktes und schüttet neues Eis über seine Fische und Meeresfrüchte. Bei Temperaturen um die 30 Grad muss gerade Fisch frisch bleiben. Weyand ist professionell, er arbeitet effektiv, schnell, gezielt. Zeit für ein kleines Schwätzchen, gerade mit seinen Stammkunden, von denen er sehr viele habe, bleibt trotzdem.
Mit diesem munteren Treiben am Fischstand in Zweibrücken ist es aber bald vorbei. Nicht nur in der Rosenstadt – auch seine Kunden in St. Ingbert, Wadern und Heiligenwald, wo er auch einmal wöchentlich Fisch verkauft, werden Weyand als Händler und Kult-Verkäufer verlieren. Warum er aufhört, fasst der 72-Jährige in einem Satz zusammen: „Wir müssen noch ein bisschen leben.“ Bisher war er „mit seiner Arbeit verheiratet“, erklärt er den Stress, den ihm die Selbstständigkeit oft abverlangt habe. Freitags begann der Tag für ihn um 5 Uhr morgens und endete um 23 Uhr. Mit seiner Frau Karin ist er seit mehr als 50 Jahren verheiratet, erzählt er stolz.
Tage von 5 bis 23 Uhr und sonntags ins Büro
Zum Verkauf kommen noch organisatorische wie buchhalterische Tätigkeiten und Personalangelegenheiten. Sonntags sitze er fast immer im Büro. Elf Aushilfsmitarbeiter beschäftigt er, eine davon ist fest angestellt. Etwa 160/170 Kunden hat er an einem Verkaufstag in Zweibrücken. Von 8.30 bis 14 Uhr ist er jede Woche samstags auf dem Zweibrücker Alexanderplatz; mit seinem Verkaufstruck, den er speziell nach seinen Anforderungen hat umbauen lassen. Am 20. Juni wird er zum letzten Mal in Zweibrücken sein – nach 31 Jahren. Sein allerletzter Tag ist der 26. Juni, an dem er abends in seiner Heimat Heiligenwald ein Abschlussfest feiert.
Seinen Fisch beziehe er zum Großteil direkt aus Island, verrät er. Aber auch von Tagesfängen aus der Bretagne oder von Auktionen ohne Zwischenhändler komme seine Ware aus dem Meer. Für ihn ist sein Beruf eine Leidenschaft, das spürt man. Seine Ware verlange von ihm absolute Disziplin. Er habe großen Respekt vor den Lebensmitteln – wie auch vor seinen Kunden, denen er nur eine „Superqualität“ liefern möchte. Er verkaufe nur natürlichen, unbehandelten Fisch. Auf Wunsch eines Kunden in Zweibrücken nahm er vor Jahren Austern in sein Sortiment auf. Die Renner seien allerdings Lachs und Kabeljau.
„Das kann man nicht in Worte fassen“
Mit der Entscheidung aufzuhören, habe er sich sehr schwergetan: „Das kann man nicht in Worte fassen.“ Realisieren, dass er diesen Schritt nun endgültig geht, kann Michael Weyand noch nicht, erzählt er. Dass er trotz jahrelanger Suche noch immer keinen Nachfolger für sein Geschäft gefunden hat, findet er sehr schade. Seine Website soll aber bis Jahresende online bleiben.
„Ich hinterlasse eine Lücke“, bedauert er. So einen Fischverkauf gebe es in der Region nicht noch einmal. Belasten gestiegene Preise und teurere Lebenshaltungskosten den Verkauf? Diejenigen, die bei ihm kaufen, müssten in der Regel nicht so aufs Geld gucken, meint er. Sie wüssten außerdem, dass sie für das Geld auch gute Qualität bekommen.
Einblicke in die Leben der Menschen
Nach seinem letzten Verkaufstag ist aber noch nicht ganz Schluss. Er muss sein Verkaufsauto wieder in Schuss bringen; das möchte er verkaufen. „Wenn ich es nicht verkaufe, dann muss ich mir überlegen, ob ich noch mal was mache. Aber dann nur noch zwei Tage“ – statt der vier Tage wie jetzt.
Besonders seine Kunden werde er vermissen. Während des Gesprächs mit der RHEINPFALZ kommt ein Kunde und möchte ein Abschiedsfoto von ihm. Er plaudert mit ihnen, bekommt viel von ihnen mit. Er bekommt Einblicke in das Leben der Menschen – und erlebt, wie auch sie älter werden. „Ich sehe oft den Verfall von den Personen. Das ist schlimm. Da kann ich nur froh sein, dass es mir so gut geht“, sagt Weyand. Von den regelmäßigen Knieschmerzen mal abgesehen, denn die stellen sich unweigerlich ein – kein Wunder, der 72-Jährige steht beim Verkaufen die ganze Zeit über.
„Einfach nur fort“
Seine Leidenschaft für Fisch begann, als er vor einigen Jahrzehnten im Edeka-Markt in Uchtelfangen angestellt war. Von der Ein-Meter-Theke habe er damals 100 Kilogramm Fisch pro Woche verkauft.
Wenn Michael Weyand sein Verkaufsauto zum letzten Mal abschließt, wird es einige Zeit dauern, bis er abschalten kann. Pläne mit seiner Frau Karin hat er schon gemacht. „Dann fahren wir erstmal weg. Egal, wohin. Einfach nur fort.“