Zweibrücken Keine Goldenen 20er Jahre

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Wenn wir an die Goldenen 20er Jahre denken, dann entstehen Bilder von einem wilden, ausgelassenen Großstadtleben. Wie aber ging es in dieser Zeit auf dem Land zu? Die Antwort gab 1984 die Bäuerin Anna Wimschneider, die unter dem Titel „Herbstmilch“ aus ihrem Leben erzählte. Jetzt gibt es eine Bühnenversion des Romans, die am Donnerstag im Homburger Kulturzentrum Saalbau gezeigt wurde.

Leider war der Saal mit rund 250 Besuchern nur zur Hälfte besetzt. Eigentlich verwunderlich, denn „Herbstmilch“ war in der Buchversion ein Bestseller, und auch die Verfilmung von Joseph Vilsmaier von 1988 zählte rund zwei Millionen Kinobesucher. Was manchen Theaterfreund vielleicht abschreckte, war die Ankündigung der Landesbühne Esslingen, den Stoff als Zwei-Personen-Stück auf die Bühne zu bringen. Tatsächlich stellte sich dieser Umstand als Herausforderung sowohl für die Schauspielerinnen als auch für das Publikum heraus. Dennoch, Sabine Bräunings Bühnenadaption, basierend auf der „Herbstmilch“-Buchfassung von 1984, erwies sich als eindrucksvolle Komprimierung dieser charakteristischen Lebensgeschichte aus dem ländlichen Milieu des 20. Jahrhunderts. Kraftvoll und variantenreich zeichneten die Darstellerinnen Barbara Stoll und Katja Uffelmann trotz aller notwendigen Abstraktion ein überzeugendes Bild von Mühen, Bedrückungen und Demütigungen der bäuerlichen Bevölkerung in der Zeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Elsa und Nelly erzählten die beiden Schauspielerinnen Anna Wimschneiders Geschichte. In wechselnden Rollen verkörperten sie dabei die unterschiedlichsten Figuren. Barbara Stoll und Katja Uffelmann spielten und kommentierten die Lebenssituationen der einfachen Bäuerin, die erst im Alter von 66 Jahren ihre Lebenserinnerungen aufschrieb. Ihre Mutter starb im Kindbett, als sie acht Jahre alt war. Von da an war das kleine Mädchen für Haus und Hof verantwortlich. Es sind sehr intensive Momente, die Regisseurin Sabine Bräuning hier auf der Bühne zeigte. Man spürte die Bedrückung und Verzweiflung der kleinen Anna, aber auch den Stolz, das eigentlich Unmögliche geschafft zu haben. Auch die weiteren Lebensstationen wurden kaum einfacher. Nur das Kennenlernen des späteren Ehemanns Albert ließ etwas Freude und Leichtigkeit erkennen. Doch elf Tage nach der Hochzeit muss Albert 1939 in den Krieg ziehen. Und Anna steht mit vier alten Leuten alleine auf dem Wimschneider Hof, den sie nun in mühevoller Arbeit bewirtschaften muss. Jeder Versuch, die „gute alte Zeit“ zu verklären, sollte an diesem Theaterabend scheitern. In der Esslinger Bühneninszenierung standen vielmehr regelmäßigen Waschtage, nervenzehrende Erziehungsmaßnahmen für hungernde Kinder, anstrengende Feldarbeiten ebenso wie endlose Einsätze für das Vieh und die Ärgernisse im Umgang mit der Dorfgemeinschaft im Mittelpunkt. Ebenso sparsam wie die Besetzung die Ausstattung von Karin Busching. Ein angedeutetes Haus mit zwei Holztüren für den Wohnbereich und den Stall, davor zwei Stühle, das reichte, um die Fantasie des Publikums zu wecken. In erster Linie dank der exzellenten Leistungen von Barbara Stoll und Katja Uffelmann. Blitzschnell wechselten sie die Rollen, sind einmal Anna, dann der Pfarrer, der Vater, die missgünstige Nachbarin oder die unzufriedene Schwiegermutter. Dank ihrem Talent wurde Ehemann Albert ebenso lebendig wie alle anderen Figuren, die das Leben auf dem Land in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. Aber wie schon erwähnt, keine leichte Kost für die Zuschauer. Das Bühnengeschehen erforderte höchste Konzentration, um den schnellen Szenen- und Personenwechseln folgen zu können. Dafür gab es am Ende nicht enden wollenden Applaus. (Foto: Folz)

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