Zweibrücken Interview: „Kinder mit Fantasien und Angst nicht alleinlassen“

Hilft in ihrer Zweibrücker Praxis nicht nur vielen Kindern und Jugendlichen aus dem weiteren Umland, sondern hat auch Patienten
Hilft in ihrer Zweibrücker Praxis nicht nur vielen Kindern und Jugendlichen aus dem weiteren Umland, sondern hat auch Patienten aus dem Saarland bis hin nach Saarlouis: Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Susanne Willems-Kain.

Erst Corona, jetzt Krieg: Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Susanne Willems-Kain berichtet im Gespräch mit Tatjana Klöckner, was das mit Kindern macht, wenn Gewissheiten wegbrechen drohen. Und wie Erwachsene helfen können.

Frau Willems-Kain, vielfach wurde berichtet, dass die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf das gesamte soziale Leben dazu führte, dass Kinder und Jugendliche vermehrt mit psychischen Problemen in die Praxen kommen. Wie sind Ihre Erfahrungen in Zweibrücken?
Ich kann bestätigen, dass die psychischen Probleme beziehungsweise Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen mit einem großen Spektrum an Ausprägungen und die damit verbundenen Neuanfragen während der Coronapandemie deutlich zugenommen haben und immer noch anhalten. Es treten in meiner Praxis insbesondere verstärkt Fälle von Depressionen, Angstzuständen, sozialen Phobien und Essstörungen (Anorexia nervosa) auf. Die psychischen Folgen durch die mit der Pandemie einhergehenden Isolation, fehlender Strukturen, Bewegungsmangel aufgrund fehlender Sport- und Freizeitangebote, zunehmende familiäre Belastungssituationen und das Test-, Öffnungs-, Quarantäne- Masken- und Lüftungschaos von Schulen und Kitas, sowie die starke Zunahme von Medienkonsum sind deutlich zu sehen.

Was macht den Kindern am meisten zu schaffen?
Die meisten Kinder und Jugendlichen (Altersspanne von fünf bis 22 Jahre), die in meiner Behandlung sind, haben ihre Mitte, ihre Balance verloren und berichten über einen Anstieg von negativen Gefühlen aufgrund der Pandemie. In vielen Fällen war beziehungsweise ist die Pandemie ein Verstärker, ein Brandbeschleuniger der unterschiedlichsten Symptome. Ihnen fehlte und fehlt insbesondere das soziale unbeschwerte Miteinander mit Freunden und Mitschülern, sportliche Aktivitäten in Vereinen, sowie alle anderen haltgebenden Strukturen. Das Zuhause der Kinder hat sich außerdem, insbesondere während der Phasen des Lockdowns in vielen Familien zu einem Konfliktort entwickelt, was häufig zu einer erhöhten Anspannung und/oder Traurigkeit führte. Aber auch die große Unsicherheit und Angst, was das Coronavirus, vor allem bei älteren und vulnerablen Familienangehörigen anrichten kann, war ein zentrales Thema. Die jungen Patienten müssen derzeit einfach vieles hinnehmen und mit vielen Entbehrungen klarkommen. Ein absehbares Ende ist zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht in greifbarer Nähe, das macht etwas mit den jungen Menschen.

Wie wirkt sich der Ukraine-Krieg auf Ihre Patienten aus? Belastet sie das zusätzlich, wirft es sie vielleicht in ihrer Entwicklung, in ihrer Stabilisierung zurück?
Das ist tatsächlich sehr unterschiedlich, bei vielen meiner Patienten war der Ukraine-Krieg und die damit verbundenen Ängste, Sorgen oder Fragen bisher nicht das vorrangige Thema. Der Krieg und dessen Folgen wurden, wenn überhaupt nur beiläufig erwähnt. Allerdings muss man hierbei auch bedenken, dass das alles noch relativ frisch ist und viel mit Eltern sowie Lehrern über das Thema gesprochen wird.

Erwarten Sie, dass in der Folge des Krieges neue Patienten Rat suchen?
Das ist gut möglich. Insgesamt ist die Nachfrage nach Therapieplätzen anhaltend hoch, so dass es leider sehr oft zu längeren Wartezeiten kommt. Diese Situation ist für alle Beteiligten, insbesondere aber für Hilfesuchende, sehr unbefriedigend.

Im Fernsehen, im Internet – überall sind Bilder von Zerstörung, Flucht und Tod zu sehen, begleitet von Kommentaren Erwachsener, die Rat- und Fassungslosigkeit, Trauer und Wut spiegeln und zugleich existenzielle Zukunftsängste formulieren. Kann man, soll man das von Kindern fernhalten? Oder ist ein moderierender Umgang damit – zumindest ab einem gewissen Alter sinnvoll?
Kinder spüren, dass gerade etwas Bedrohliches passiert, das viele Erwachsene in Angst und Sorge versetzt. Sie schnappen vieles auf, wenn Erwachsene sich unterhalten, werden in Kita oder Schule damit konfrontiert, oder im Autoradio laufen die Nachrichten und so weiter. Man sollte Kinder nicht ihren Fantasien und Ängsten selbst überlassen, was der Fall ist, wenn sie keine Erklärung bekommen. Dabei ist es sehr wichtig, eine altersangemessene Sprache zu finden. Man sollte Kinder nicht überfordern. Das heißt, die Worte und Inhalte sollten der kognitiven und emotionalen Bewältigungsmöglichkeit des Kindes angepasst werden.

Mit einem Teenager kann ganz rational und offen über Krieg gesprochen werden, mit einem Kindergartenkind nicht. Jüngeren Kindern helfen hierbei konkrete Beispiele aus der eigenen Lebenswelt. Etwa so: Da gibt es einen Bestimmer, ähnlich wie in der Kita oder Schule, der ständig Streit sucht, der anderen droht, ihnen vielleicht weh macht und nicht mit sich reden lässt. Der ganz wütend ist und auf keine Erzieher oder Lehrer hört und sich einfach nicht vertragen möchte und sich nicht helfen lässt. Ganz wichtig ist, Sicherheit zu geben, aber nicht verharmlosen, sondern bei der Wahrheit bleiben. Zeigt das Kind weiteres Interesse an der Thematik können zum Beispiel altersgerechte Kinder-Nachrichten sinnvoll sein und gemeinsam geschaut werden.

Womit können Erwachsene Kindern helfen, mit solchen Eindrücken klar zu kommen? Gibt es zum Beispiel ganz konkret tröstende, mutmachende Worte oder Handlungen, die wie eine Art Erste Hilfe für die Seele wirken?
Ein „du brauchst keine Angst zu haben“, kommt zwar schnell über die Lippen, ist aber wenig hilfreich. Angst ist ein berechtigtes und wichtiges Gefühl und darf sein. Es gibt leider kein Patentrezept wie man mit Kindern und Jugendlichen am besten über den Krieg spricht, aber einige Tipps:

  • Fragen ernst nehmen, ansprechbar sein, sich Zeit zum Reden nehmen, Kinder nicht alleine lassen
  • ruhig und sachlich bleiben, Sicherheit vermitteln
  • aufmerksam sein, was hat mein Kind gehört, gesehen, was weiß es über die aktuelle Situation? Was beschäftigt es am meisten und darauf reagieren, aber nicht noch mehr dazu packen, nicht zu viel sagen. Kinder dort abholen, wo sie stehen
  • nicht zu sehr ins Detail gehen, nicht generalisieren, nicht spekulieren
  • gemeinsam (Kinder-)Nachrichten oder altersgerechte Erklärvideos/Internetseiten schauen
  • ganz wichtig, wenn alles zu viel wird: Nachrichten-Pausen einlegen
  • Inhalte in sozialen Medien kritisch betrachten
  • Ablenkung durch gemeinsame Aktivitäten, Spaß und Freude erleben; was tut der Familie gut?
  • auf positive Dinge konzentrieren, die Entlastung schaffen
  • Solidarität zeigen, gemeinsam überlegen, ob und wie man Hilfsprojekte unterstützen kann
  • Hoffnung und Zuversicht vermitteln, zum Beispiel eine Kerze anzünden, kreativ werden, ein Bild malen, Friedensaktionen unterstützen und so weiter

Woran erkennen Angehörige, dass Kinder oder Jugendliche professionelle Hilfe brauchen?
Vorübergehende entwicklungsbedingte Auffälligkeiten müssen zunächst einmal von behandlungsbedürftigen Erscheinungsformen/Erkrankungen abgegrenzt werden. Eltern sollten sich zum Beispiel an einen Arzt oder Psychotherapeuten wenden, wenn die Auffälligkeiten plötzlich auftreten, stark ausgeprägt sind, über längere Zeit bestehen und wenn sie das Kind, den Jugendlichen oder die Bezugspersonen stark belasten. Die Schwierigkeiten können ganz unterschiedlicher Art sein: Verhaltensauffälligkeiten, Störung der Aufmerksamkeit, Beeinträchtigung der Stimmung oder körperliche Symptome oder Beeinträchtigungen. Warnsignale können unter anderem sein, wenn sich ein Kind oder Jugendlicher plötzlich und oder ohne erkennbaren Grund verändert. Und oder wenn Probleme in vielen Situationen auftreten, wenn sich auch Lehrer, Erzieher, Großeltern und so weiter Sorgen machen oder aber auch wenn das Kind, der Jugendliche sich stark belastet fühlt. Eltern haben in der Regel ein gutes Gespür für ihre Kinder, sie merken meist, wenn etwas nicht stimmt und Kinder professionelle Hilfe brauchen.

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