Kolumne: Ich sag’s mal so
Individualverkehr: Ist die Straße gesperrt, wird der Autofahrer kreativ
In der dritten Woche wohne ich jetzt an einer gesperrten Hauptstraße. Mal abgesehen von dem durch die Umleitung verursachten Gegurke ist das eine feine Sache. Es ist so still und ruhig, die Straße versandet langsam, bald werden Blümlein darauf wachsen, und man hört die Vögelein pfeifen. Gerade jetzt lausche ich dem ansteigenden Piepen eines, ja, was für ein Vogel kann das wohl sein, es muss ein sehr großer Vogel sein, er ist ziemlich laut, meine Herrn, piep leiser, großer Dummvogel! Bei dir piep’s wohl!
Der große Vogel hat keine Flügel, und es ist auch gar kein Vogel, sondern ein Laster mit Anhänger, der an mehreren Schildern und Warnbaken, die Gegenteiliges besagen, vorbeigefahren ist bis press an die Baustelle. Dort stellte er mutmaßlich fest, dass es hier nun aber wirklich, wirklich, wirklich nicht mehr weiter geht und dass auch das Schild „Keine Wendemöglichkeit mehr hinter der Absperrung“ absolut die Wahrheit sagt. Nun muss der Koloss auf Rädern da rückwärts wieder raus, und da piept’s natürlich gewaltig, wie immer, wenn der Schwerverkehr rückwärts fährt.
Vollsperrung-Verhaltensforschung
Die Vögel schauen interessiert zu, auch einige Nachbarn hängen am Fenster. Eine Blaumeise plustert sich auf, zwitschert verhalten, möglicherweise ein Männchen, das überlegt, ob es den Riesenpieper, der da rückwärts unterwegs ist, anbalzen soll. Aber wie sollte man so eine fette Meise je sattkriegen? Der Blaumeiser fliegt weg.
Man könnte glatt zum Verhaltensforscher werden hier, nicht nur, was das Tierreich angeht. Auch bei den Menschen, zumindest den motorisierten, führt die Sperrung zu teilweise erstaunlichen Reaktionen. Einige scheinen die neue Situation schlecht verarbeiten zu können. Hä, hier kann man nicht durch, gibt’s doch gar nicht, muss doch gehen, hä, hintenrum in die Stadt fahren, über die Umleitung, Hä? Und schon sind sie mit dem Auto auf dem Radweg, der parallel an der Baustelle vorbeiführt. Na also, geht doch. Was, da sind Radfahrer und Fußgänger? Die werden ja wohl ein Auto erkennen und ausweichen.
Kreative Übersprunghandlung?
Doch, die Sache wird recht kreativ angegangen, das muss man schon sagen, auch ein Feldweg, über den sonst nur Traktoren rumpeln, wird als Ausweichstrecke genutzt, von Leuten, die gar keine Landwirte sind und deshalb auch keinen Bulldog fahren. Mit dem Verkehr ist es wie mit dem Wasser, es bahnt sich seinen Weg durch die Natur und schafft Durchgänge, wo vorher keine waren. Und mit den Menschen ist es so, dass offenbar jeder für sich und je nach Tagesform entscheidet, wo er lang fährt. Da kriegt der Begriff Individualverkehr eine ganz neue Bedeutung.
Vielleicht sollte man doch noch mal zum Tierreich schauen, in dem es die so genannte Übersprunghandlung gibt. Sie greift dann, wenn es mehrere Handlungsmöglichkeiten gibt und das Hirn kurzzeitig damit überfordert ist, eine davon auszuwählen. Kann sich beispielsweise ein Huhn nicht zwischen Kampf oder Flucht entscheiden, fängt es an, wild auf dem Boden rumzupicken, gerade so, als würden dort Körner liegen. Übertragen auf die Autofahrer könnte es so sein, dass manche sich nicht zwischen Umleitung nehmen und mit dem Allerwertesten zu Hause bleiben entscheiden können und deshalb anfangen, wild aufs Feld zu fahren, gerade so, als wäre dort eine Straße. Ich guck mal, ob demnächst einer unten auf der leeren Straße nach imaginären Körnern pickt. Oder versucht, mit dem Auto über die Baustelle zu springen. Das wäre mal eine Übersprunghandlung nach dem Lehrbuch. Da schlage ich mal bei Konrad Lorenz nach.