Zweibrücken Im bunten Bus zur Endstation Demokratie
Die Akteure auf dem Hallplatz gedachten am Samstag nicht nur der Zerstörung Zweibrückens vor 70 Jahren. Eindringlich mahnten sie, auch heute im Bemühen um Frieden und Toleranz nicht nachzulassen. Die Mitstreiter im Publikum kämpften teils über Stunden tapfer gegen die Kälte.
„Es gibt nichts Wichtigeres als die Lebensform der Demokratie“, zeigte sich Oberbürgermeister Kurt Pirmann überzeugt. Dass Zweibrücken und Europa 70 Jahre lang in Frieden leben konnten, sei die wichtigste Folge des furchtbaren Krieges. Leider würden das viele Menschen heute vergessen. Damit wies er nicht nur auf die Gleichgültigkeit vieler Bürger hin, die sich selten bewusst seien, was für Privilegien Frieden und Demokratie darstellen. Pirmann sprach auch die Demonstration des rechten Lagers an, die wenige Meter weiter am Bahnhof ihren Ursprung nahm. Die Rechtsextremisten seien gegen die Lebensform Demokratie, würden sie aber gleichzeitig ausnutzen. Pirmann erklärte, der Angriff auf die Stadt sei in den Köpfen der Alliierten kein Angriff gegen die Bürger Zweibrückens, sondern gegen das System und gegen Hitler gewesen. Die heutigen Bürger hätten den Auftrag, aufmerksam zu bleiben, zu mahnen, nicht innezuhalten, in ihrem Bemühen, die Freiheit zu erhalten. Dazu brauche es kluge Leute, die sich selbstständig Gedanken machen, statt für sich denken zu lassen. Die zu Beginn etwa 150 Zuschauer spendeten Applaus. Mehrere Musikbeiträge lockerten die von eindringlichen Reden geprägte Atmosphäre auf. Laura Buschmann von der Antirassismus AG des Helmholtz-Gymnasiums verglich die Demokratie mit einem bunten Bus. Alle Mitfahrer hätten das gleiche Ziel: die Freiheit für alle Menschen. Jeder dürfe mitfahren. Der Motor seien Gespräche und Diskussionen, aus dem Auspuff entlasse man alle hinderlichen Gedanken und vergiftenden Worte. „Bitte nehmt in unserem Bus Platz, Endstation Demokratie“, forderte sie die Zuschauer auf. Saied Sabeez vertrat die Islamische Gemeinde in Zweibrücken. Er sei froh, hier eine zweite Heimat gefunden zu haben. Die Grenzen zwischen den Menschen sollten aufgelöst werden, forderte er. Man müsse sich zumindest gegenseitig tolerieren können. Sabeez schloss mit der traditionellen Grußformel As-salamu ′alaikum - Friede sei mit euch. Eckart Emrich, Sprecher des Veranstalters Bündnis Buntes Zweibrücken, sagte, das Bündnis fühle sich herausgefordert durch den Trauermarsch, den die Gruppe Nationaler Widerstand gleichzeitig veranstalte. Die Rechten täuschten Trauer um die Opfer vor, unterschlügen aber, dass der Krieg von der Hitler-Regierung vom Zaun gebrochen wurde. Er forderte eine offene Auseinandersetzung, in der Fakten und Fiktion unterschieden werden. Er schlug in seiner Rede einen Bogen von der Erhaltung von Frieden und Demokratie über die Gefahren des Kapitalismus und der geplanten Freihandelsabkommen hin zur Aufnahme von Flüchtlingen und deckte so mehrere brandaktuelle Themen in wenigen Minuten ab. Die Gruppe Eva und Friends brachte mehrere Friedenslieder zum Besten. „Bei uns gibt es und gab′s nie eine Eva“, erklärte der Leiter Jörg Concemius. Der Begriff stehe vielmehr für die evangelische Jugend. Beeindruckend war vor allem das Lied „Der Deserteur“ des französischen Chansonniers Boris Vian, das zum Verweigern des Kriegsdiensts aufruft. Für Silvia Bervingas lag „nichts näher, als Tucholsky zu Wort kommen zu lassen“, der zu seiner Zeit mit seinem berühmten Ausspruch „Soldaten sind Mörder“ für viel Wirbel gesorgt hatte. Bervingas las in einem ruhigen getragenen Tonfall, der ihre Worte umso eindringlicher scheinen ließ. Den Zuschauern, die zunehmend weniger wurden, schienen die Auftritte der Afrikanerin Efe und der südamerikanischen Band Saarandino besonders Spaß zu machen. Efe beeindruckte mit ihrer großartigen Stimme. Saarandino spielte lateinamerikanische Folklore und regte damit zum Tanzen an. „Das tut auch richtig gut gegen die Kälte“, sagte Eckart Emrich und lachte. (mefr)