Zweibrücken „Ich kenne die Tricks“

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Travestiestar Lilo Wanders gastiert heute, Samstag, 20 Uhr, mit dem Programm „Sex ist ihr Hobby – eine eindeutige Show“ im großen Saal der Kulisse in Pirmasens. Unser Mitarbeiter Fred G. Schütz unterhielt sich mit Wanders über Sex, Liebe, Altern und die Angst vor dem Tod.

Mit wem spreche ich jetzt – Ernie Reinhardt oder Lilo Wanders?

Immer nur Lilo. Vielleicht so: Lilo Wanders wird verkörpert von dem Hamburger Schauspieler Ernst-Johann „Ernie“ Reinhardt. Die Meinungen sind eh deckungsgleich. Sie beobachten intensiv, was politisch vor sich geht. Vor zwei Jahren hätte man annehmen können, alles wird liberaler. War das ein Irrtum? Ich bin ein sehr liberaler Mensch, habe auch Verständnis für fast alle. Zum Beispiel für die Sorgen der Menschen, die durch die Flüchtlinge ausgelöst werden. Ich habe Verständnis, dass in Ostdeutschland die „Idylle“ scheinbar gestört ist. Das macht einen ganz wirr, dass man sagen muss, wir sind ein Volk von 80 Millionen und wir werden doch wohl verkraften, dass wir eine Million Menschen aufnehmen. Das ist in viel schlimmeren Zeiten auch gelungen, nach dem Krieg sind es elf oder 13 Millionen gewesen, die gekommen sind und integriert wurden. Wir haben das Ende der DDR verkraftet – alles fein. Trotzdem verstehe ich die Ängste. Ich persönlich fühle mich nicht bedroht. Ich habe eine internationale Familie und finde das als eine Bereicherung meines Lebens. Ich habe Geflüchtete zu Weihnachten bei mir auf dem Hof gehabt und bin mit zweien von ihnen immer noch in engem Kontakt – das sind gebildete Leute aus dem Iran. Aber ganz wichtig: Ich will mir meine Liberalität nicht kaputt machen lassen, ich will so freiheitlich in Herz und Hirn bleiben, wie ich mir es erarbeitet habe. Sie waren schon zweimal in Pirmasens. Es war eine große Überraschung. Zu erleben war jemand, der sehr gebildet ist, ein nachdenklicher Mensch. Ich bin schon irgendwie gespalten – in den öffentlichen Menschen, der auch teilweise den Mainstream bedient, und den privaten Menschen. Ich kenne mein Metier, ich weiß, was das Publikum haben muss, damit ich es einfangen kann. Ob man das aus Narzissmus macht oder aus Berufung – das ist noch ein anderes Thema. Aber ich weiß, wie ein Abend ablaufen muss, damit er die Leute zum Lachen bringt und irgendwo auch anrührt. Das bedeutet, dass ich manchmal eine Obszönität loslasse, und die Leute lieben es. Dann kann ich aber auch im übernächsten Satz etwas Tiefgründigeres unterbringen – dann hören sie mir auch zu. Ich kenne die Tricks. Wenn ich nicht auf der Bühne oder vor der Kamera stehe, führe ich ein sehr zurückgezogenes Leben. Schaut man auf den Tour-Plan, ist das ein ziemlich eng gepacktes Programm. Wie halten Sie sich fit? Ich mache gar nichts. Ich trinke gerne und rauche auch noch genauso gerne. Aber ich habe im Laufe der Zeit ein heiteres Gemüt entwickelt, unter anderem weil ich viel Ballast abgeworfen habe – auch körperlichen; ich habe 18 Kilo abgenommen. Sie sind mit drei Programmen unterwegs. Wie wählen Sie aus? Das macht meine Agentur. Die entscheidet, was sie anbietet. Wenn wir einen neuen Ort haben, dann fangen wir mit dem Sex-Programm an, damit ich noch zweimal wiederkommen kann. Ich war ja schon zweimal im „Pünktchen und Anton“ vor einem relativ kleinen Kreis. Es kann auch passieren, wie neulich, als ich im Osten unterwegs war, da haben ich und das Publikum uns gegenseitig so hochgeschaukelt, dass ich alle drei Programme auf einmal gemacht habe. Sie sind jetzt 61. Ist das etwas, was Ihnen nahe geht? Ja, aber einerseits wird man da ja von außen definiert. Andererseits merkt man das natürlich selbst. Wenn ich nachmittags 20 Minuten dösen kann, geht es mir besser, als wenn ich es nicht kann. Auch im Alter gibt es Sex. Es geht aber auch darum, dass mein Publikum mit mir älter geworden ist. Ich hatte schon ein 90-jähriges Ehepaar im Publikum. Und: Junge Leute gehen gar nicht mehr zu solchen Abenden – nur ein Bruchteil ist unter 30, meistens aber 40 plus. Frauengruppen, die gerade ohne Kerl sind, 50-Jährige, die immer noch verheiratet sind, ein paar Schwule, ein paar Lesben. Mich kennt ja auch kaum noch jemand unter 27. Mein Publikum spiegelt aber die Bevölkerung wieder, zu 90 Prozent sind es Heterosexuelle. Heute ist Sex über das Internet in jeder Spielart virtuell verfügbar. Trotzdem gibt es immer noch Bedarf für Sex-Aufklärung für Erwachsene. Die Anatomie sollte doch bekannt sein? Die Anatomie vielleicht, die körperlichen Vorgänge aber kaum. Deshalb habe ich ja auch mal ein Buch geschrieben für Kids ab 14. Da wächst eine Jugend nach, die Zugriff auf Internet-Pornografie hat, aber nichts weiß über den Zyklus der Frau. Vielleicht bin ich ja naiv, aber ich glaube dass man erkennt, dass das mit dem Leben nichts zu tun hat. Wir haben zwei große Themen im Leben: Liebe/Sexualität/Erotik und die Angst vor dem Tod, dem Nicht-mehr-da-sein, dem in die Bedeutungslosigkeit geraten. Die Angst vor dem Tod kann man durch Liebe und Sexualität überwinden, zumindest für den Augenblick. In der Ekstase, wenn es eine richtige ist, dann ist das das Schönste, was es gibt. | tz

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