Interview
Hommage an Coco Schumann
Der Berliner Coco Schumann überlebte das KZ und wurde ein gefeierter Jazz-Musiker. Aus Anlass seines 100. Geburtstag erinnern Alexander Kranich und sein Quintett an den großen Kollegen. Im März stellen sie die neue CD auch in der Pfalz vor. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Helma Terres hat mit dem Gitarristen gesprochen.
Sie gehen demnächst auf Tour mit der frisch erschienenen CD „Tribute to Coco Schumann“. Was werden Sie Ihrem Publikum bieten?
Anlässlich des 100. Geburtstags von Coco Schumann haben wir einige seiner Stücke mit einer kleinen Combo eingespielt. Unsere Tournee geht quer durch Deutschland: Hamburg, Berlin, Münster, Mannheim, Saarbrücken, München. Die CD ist eine Reminiszenz an die Jazz-Legende – mit seiner Musik und seiner Geschichte.
Wann und wo sind Sie Coco Schumann zum ersten Mal begegnet?
Wir haben uns auf dem Evangelischen Kirchentag 2013 in Hamburg kennengelernt. Wolfgang Thierse richtete damals ein Jüdisches Forum aus, bei dem diverse Zeitzeugen des Holocaust aufgetreten sind. Im Gespräch mit dem Theologen Christian Staffa berichtete Coco Schumann über seine Zeit in Theresienstadt und Auschwitz. Am Abend gab er ein Konzert mit seinem Quartett. Danach haben wir uns dann noch länger unterhalten.
Was hat Sie an ihm besonders fasziniert?
Zunächst bin ich auf ihn aufmerksam geworden im Kontext seiner Geschichte als Überlebender des Holocaust. Aber er ist unabhängig davon ein hervorragender Jazzmusiker. Er hat immer betont, dass er „ein Musiker ist, der im KZ war und kein KZ-Überlebender, der Musik macht“. Seine eigenen Kompositionen habe ich damals noch nicht kennen gelernt. Ich habe mich zunächst mit der Lebensgeschichte befasst. Dann lernt man die Person kennen und stellt fest, dass er ein sehr netter Kerl ist. Wir sind dann in Kontakt geblieben.
Ein junger Musiker mit jüdischen Wurzeln, der Jazz und Swing im nationalsozialistischen Deutschland spielt – das klingt nach einer unglaublichen Geschichte…
Ja, wirklich unglaublich! Nicht nur, weil er als so genannter Mampe (Spitzname für so genannte Mischlingsjuden) keine Berechtigung für öffentliche Auftritte bekam. Außerdem galten Swing und Jazz als „entartete Musik“ und durften nicht gespielt werden. Wenn die Kontrolleure von der Reichsmusikkammer in Anmarsch waren, kam ein warnender Pfiff, und die Musiker schwenkten um auf „Rosamunde“, bis die Gefahr gebannt war und wieder muntere Swing- und Jazzmusik erklang. Im März 1943 wurde Coco Schumann vermutlich denunziert und nach Theresienstadt deportiert. Für ihn zunächst Glück im Unglück, den in diesem Vorzeige-KZ der Nazis existierte eine hochkarätig besetzte Jazz-Bigband, die „Ghetto Swingers“. Nachdem der Propagandafilm, den die Nationalsozialisten für die Außendarstellung in Europa in Auftrag gegeben haben, abgedreht war, wurden die Musiker nach Auschwitz deportiert. Nur drei von ihnen überlebten. Auch dort wurden Musiker gebraucht, für makabre Aufgaben wie der Morgenappell am Lagertor und als Begleitung für den Marsch der Kinder in die Gaskammer.
Wie gelang es ihm, trotz dieser Erlebnisse Optimismus und Lebensfreude zu bewahren?
Nach Kriegsende gelang es ihm, an die alten musikalischen Kontakte anzuknüpfen. Gemeinsam mit dem Geiger Helmut Zacharias begann er eine erfolgreiche Karriere. Coco Schumann war übrigens einer der ersten, die auf der gerade neu entwickelten E-Gitarre spielten. So half ihm die Musik, seine traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Lange konnte er darüber nicht sprechen. „Das glaubt mir sowieso keiner“, hat er immer gesagt. Erst viele Jahre später begann er, seine Erfahrungen mitzuteilen und auch in einem Buch festzuhalten. Seinen Optimismus und seine Lebensfreude begründete er darin, dass er sehr viel Glück gehabt hat. „Ick sage immer: Ick beschwere mich nicht, dass ick da drin war. Ick freue mich jeden Tag, dass ick rausgekommen bin“, sagte er mit seiner Berliner Schnauze.
Wann entstand die Idee, die Kompositionen zu rekonstruieren?
Nach meiner ersten Begegnung mit Coco Schumann habe ich angefangen, seine Schallplatten und CDs zu sammeln. Erst später kam ich auf die Idee, seine Kompositionen zu rekonstruieren. Während der Pandemie hatte ich viel Zeit. Von Schellackplatten und alten Tonbändern in äußerst schlechter Qualität habe seine Arrangements abgehört. Niemand hat seine Stücke notiert, er selbst konnte auch keine Noten lesen. Es war eine fürchterliche Arbeit, trotzdem habe ich sehr viel gelernt.
Wie haben Sie die passenden Musiker für Ihre Band gefunden?
Wir konnten die herausragende Klarinettistin Samantha Wright für dieses Projekt gewinnen. Außerdem spielt Axel Reichard mit seinem Klaviertrio mit: Max Jalaly am Kontrabass und Andy Smyrek am Schlagzeug. Es ist eine unglaublich gute Band, es macht viel Spaß. Übrigens spiele ich auf Cocos Original-Gitarre. Wir starten in Hamburg, das Konzert in Berlin ist sogar schon ausverkauft.
Auf dem Cover sieht man die Umrisse von Coco Schumann, im Hintergrund die Band.
Ich bin immer mit Coco Schumann in Kontakt geblieben, habe ihn mehrmals in Berlin besucht. Das Foto auf der Innenseite zeigt uns beide beim Musizieren - eins der letzten Bilder. In Gedanken ist er bei uns, lebt in seiner Musik weiter und begleitet uns auf der Konzertreise. Es ist ein „Tribut to Coco Schumann“.
Termine
Kaiserslautern: 16. März, Friedenskapelle, 18 Uhr. Karten: vhs-kaiserslautern.de
Saarbrücken: 21. März, Terminus, 21 Uhr, Eintritt frei
Pirmasens: 22. März , Johanneskirche, 19 Uhr, Eintritt frei
Zur Person
Alexander Kranich, geboren 1993 in Plettenberg, studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Kaiserslautern, er lebt heute in Hamburg und ist seit 2009 als Musiker im Bigband-Jazz aktiv, wirkte bei vier Albumproduktionen mit. Konzertreisen führten ihn nach Südkorea, Großbritannien, Spanien und in die Niederlande. Er spielte mit Wynton Marsalis, Pat Martino, Jens Lindemann, Ben Waters, Top Topham, Coco Schumann und Rolf Kühn. Inzwischen leitet er sein eigenes Quintett.